Freitag, 15. April 2022

..nach...

Die Karfreitagslücke





Genau das ist dieser Tag.

Er steht für die Lücke 

zwischen einem Tod und einer Umarmung

Er steht für die Stunde oder die Tage 

zwischen Erschrecken und Hoffnung

Er steht für den Moment 

nach dem zerbrechen und vor dem heilen

nach dem aufgeben und vor dem aufatmen

nach dem verlorengehen und vor dem gesehen werden

nach dem Ende und vor dem Zucken deiner Zehen

nach dem sich abfinden und vor dem Kopf-heben

Genau das ist dieser Tag.

Diese unerträgliche Lücke

Wo alles Wissen um Hoffnungen und Aufatmen

einmal nicht hilft.

Wo dir nichts mehr sicher ist und nichts wahrscheinlich. 

Wo die Lebensleine ihre dünnste Stelle bekommt.

Karfreitag meint die Lücke  

Nach…


Montag, 11. April 2022

wo Gott sichtbar wird

 Predigt an Palmarum


Wir haben Grüne Zweige 

an den Fuß des Lebensbaumes  

hier im Kreuzgang gelegt.

Ganz nahe an die Stelle der Skulptur,

wo aus dem verdorrten Baum 

ein neuer Sproß hervor kommt.

Und wir haben Hosianna! gesungen.

Stell dir vor, du würdest 

für Gott

Grüne Zweige auslegen 

überall dahin, wo Du ihn vermutest!

Auf die Parkbank

in einen Warteraum

an den Bahnsteig

in den OP

auf eine Schaukel

in die Kirchenbank 

auf dein Sofa


Und dann würdest du jedesmal laut Hosianna! rufen

Weil Gott mitten in Dein Leben geht

Da fallen mir so manche Ort ein,

wo ich gerne einen Zweig hinlegen würde,

weil ich glaube, dass Gott dort sichtbar war. 


Zum Beispiel in Rentwertshausen auf den Bürgersteig.

Ein kleines Dorf hinter dem Thüringer Wald. 

Etwa 320 Menschen leben dort.


Letzten Dienstag ist es passiert.

Ich bog mit meinem Auto gerade unter der kleinen 

Eisenbahnbrücke hindurch, da sah ich ihn vor mir. 

Rechts am Straßenrand. 

Ungefähr haargenau 3 m hinter dem Ortsschild.

Saß er? Bückte er sich? Stand er gerade auf?

Ich sah im Augenwinkel seine gebückte Haltung. 

Eine Aufwärtsbewegung. 

Einer rappelte sich dort wieder auf.

War etwa jemand gestürzt?

Ein schlanker junger Mann - sehe ich im Näherkommen, 

neben sich ein Wanderrucksack - auf die Erde gestellt. 

Als ich fast auf seiner Höhe bin, 

fällt er wieder zu Boden,

auf die Knie,

die Hände liegen auf der Bordsteinkante.

Ich erschrecke, bremse ab.

Neben meinem Beifahrerfenster 

erscheint das Gesicht von Herrn Hoffmann.

der schaut wenige Meter hinter dem jungen Mann 

sehr ungläubig aus seinem Hoftor.

Unverhohlen, mit verständnislosem Blick und mit offenem Mund 

schaut er zu diesem Mann. 

Im Rückspiegel erkenne ich endlich die Lage, 

Herr Hoffmann vielleicht auch und zieht ungläubig die Augenbrauen zusammen… 

Gerade sehe ich noch, wie der junge Mann sich leichtfüßig erhebt 

und sich nochmals gen südOsten verbeugt, 

die Hände in einer weichen Bewegung anhebt und wieder auf die Knie geht. 

Er betet. 

Auf dem Bürgersteig in Rentwertshausen. 

Mein Auto ist längst weiter gerollt, 

als ich das gerade verstehe. 

Hier betet einer. 

Mitten am Tag. 

Vor anderen. 

Öffentlich. 

Aber auch irgendwie so innig und schlicht. 

Das Gesicht gen Mekka, das ist in etwa in die Richtung, 

in die der Fachwerkturm der kleinen Dorfkirche zeigt.  

Gott wird sichtbar weil einer betet.

Und im Beten IST Gott, da bin ich sicher!

Gott wird sichtbar auf dem Bürgersteig. 

Irgendwo am Rande

eines kleines Dorfes

an einem Dienstag Vormittag 9 Uhr

im Gebet eines mir Fremden.


2000 Jahre vorher, ziemlich genau.

Irgendwo in Jerusalem. Fällt ein vermutlich ebenso 

dunkelhaariger junger Mann auf seine Knie. Er ist etwa 30. 

Er schaut in den Himmel. Er betet vor allen anderen. 

Er braucht es gerade so dringend.


Seine Freunde und Freundinnen und viele andere hatten ihn 

mit grünen Zweigen in der Stadt begrüßt. Ein wenig übertrieben fanden manche.  

Aber er sieht noch das Grün der Zweige 

und das Bunt der Tücher und Kleider auf dem Weg. 

Von dieser Freude ist noch etwas in ihm. 


Jetzt! Jetzt haben sie es verstanden, Vater, dachte er. 

Und doch war das alles hier nur der Anfang. 

Er lächelte leise. Es waren wunderbare letzte Stunden, dachte er. 

Gemeinsam am Tisch. Seinen engsten Vertrauten hat er 

als Freund die Füße gewaschen und ihnen nochmal alles gesagt, alles. 

Alles, was sagbar ist von Gott.


Zum Abschluss nun, jetzt gerade, betet er noch einmal für sie… und… ja, 

auch für sich selbst, bevor sie gleich in den Garten Gethsemane gehen würden. 

Er braucht dieses Gebet. Denn auch ein Jesus kann mal ans Ende kommen. 

So wie du und ich. Jesus betet:

 

„Vater. Jetzt ist es soweit. Jetzt gehe ich zu dir.

Ich habe hier auf der Erde alles zu Ende gemacht.

Hier auf der Erde habe ich alles getan, was du mir gesagt hast.  

Vater. Ich habe Dein Werk sichtbar gemacht. 

Ich habe Dich sichtbar gemacht und Du mich, 

denn wir gehören zusammen. 


Vater, du hast die Menschen lieb. 

Darum hast du mich zu den Menschen geschickt: 

Damit ich ihnen alles von dir erzähle. Jetzt bin ich fertig. 

Viele Menschen haben mir zugehört. 

Diese haben ihre Herzen für dein Wort auf gemacht 

und sie haben gemerkt, dass ich wirklich von dir komme. 

Dass du mich geschickt hast.    

Vater. Jetzt bald gehe ich zu dir zurück. 

Dann bin ich nicht mehr auf der Erde. Weil ich bei dir bin. 

Aber die Menschen sind noch auf der Erde. Die Menschen sind noch in der Welt. 

Doch du bist bei ihnen. 

Beschütze die Menschen, meine Freundinnen und Freunde und alle, 

denen ich begegnet bin und noch begegnen werde. Amen, mein Vater.“


Jesus betet bevor er endgültig die Kontrolle über sein Leben abgibt, 

bevor er endgültig alles in Gottes Hand legt - bedingungslos - 

und bevor er das Leben loslässt. 

Er betet wie einer, der für sich betet, 

nicht logisch nach sortierten Strichpunkte, sondern kreisend in Gedanken. 

Gott hier bin ich. Er spürt die Gefühle, die in ihm aufkommen, 

weil es bald zum Ende kommen wird. 

Wie ist es da am Ende seines Lebens? Mit etwas über 30! 

Was hat er getan mit seinem Leben? Wozu und für wen war er da? 

Jesus wendet seine Augen zum Himmel, also zu Gott,  

in einem Moment, der mir zweifellos Panik und Herzklopfen machen würde. 

Denn der Tod droht. Nicht mehr viel Lebenszeit bleibt. Und er schaut zurück.


Gott sichtbar machen, Gott groß sein lassen, Gott aufleuchten lassen 

- das hat er, Jesus getan. 

Die alten Übersetzungen verwenden dafür das Wort verherrlichen. 

Das war Jesu Aufgabe, dass die Menschen Gott erkennen

 - manchmal in dem, was er, Jesus erklärte, manchmal in dem, 

was er tat und manchmal einfach unerklärlich - aber spürbar in dem 

was zwischen ihm und den anderen geschah. 


Jesus hat Gott sichtbar werden lassen in einer Krankheit, 

in einer Heilung, in Fürsorge, in der Zuwendung, in seinem Ich zu einem Du, 

in Brot und Wein, im Scheitern, im Handauflegen, beten, Tische umreißen, mitgehen, ansprechen.… 


In dem was er tat ereignete sich Gott!


Als würde der Alltag aufreißen und göttlicher Glanz hindurch scheinen. 

Wie in der bekannten Geschichte der Gebrüder Grimm, 

als durch  durch einen Riss im wilden braunen Pelz des Bären, 

der an einem Türhaken hängen blieb, 

plötzlich goldener Prinzenschimmer hervor schien. 

Aus dem dicken Pelz. Echter Schimmer. 



Gott ereignet sich immernoch. Jeden Tag. 

Auch in Deiner Nähe.  … aber es zu bemerken……


Manche können das.

Marlene zum Beispiel. 

Da war sie noch klein.

Zuerst hatte sie über den großen Dom gestaunt.

Wie hoch der war. Wie der Himmel!

Wie wundervoll!

Dann hüpfte sie mit Mutter und Bruder zum Spielplatz

gleich daneben.

Sie staunten.

Eine riesige Arche Noah

zum hinein klettern.

Auch die Mutter kletterte ein wenig.

Plötzlich stand sie inmitten 

von schimmerndem Glitzerpulver

tief im Bauch der Arche.

Vielleicht hatte es ein Kind verstreut?

Sie rief die beiden zu sich.

Guckt mal!

Sie staunten zusammen.

Was sollte sie den Kindern sagen?

Gerade schwankte sie noch 

zwischen Einhörnern und Zahnfee,

da sagte Marlene unbekümmert:

Na das ist doch ganz klar! 

Gott hat das verteilt. Ist ja wohl logisch!

Damit man weiß, dass er hier war.

Hier unten, wo es dunkel ist.

Und hopste davon.

Die Mutter blickte sich um.

Sollte Gott wirklich?

Später erzählte sie mir davon.

Immer noch sehr berührt.


Ob Gott im Glitzer war, ist nicht sicher.

Aber ganz sicher war er in Marlenes Herzen, 

in ihrem Vertrautsein mit Gott und in ihrer Gewissheit,

dass so ein Schimmer im Dunkel selbstverständlich

etwas mit Gott zu tun haben müsste.


Jesus hat Gott sichtbar werden lassen.

Und er hat gesagt: „Und jetzt bis Du dran“.

Im braunen Pelz deiner Tage

könnte sich Gottes Herrlichkeit auftun

die unter Deiner Haut sitzt,

In einer ungebrochenen Hoffnung, in einem Aufatmen,

in den Tränen, in einer plötzlichen Klarheit

nach einer Zeit, wo du Gott schwer vermisst hast

oder wenn du dich zu etwas überwinden kannst.

sei dir sicher: 

Auch DU könntest Gott sichtbar machen. Amen


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsere Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. 






Samstag, 19. März 2022

Schlüsselfigur

Predigt am Sonntag Okuli


Als ich einen guten Freund und Studienkollegen das erste Mal in seiner hessischen Heimat besuchte, prangte über der Tür des Wohnzimmers ein großer Bilderrahmen, in dessen Mitte - feierlich gerahmt wie die Kronjuwelen der Königin - ein großer alter Schlüssel befestigt war. Er sah unheimlich kostbar aus. Ich lernte die sehr herzlichen Eltern kennen. Sie waren so wohltuend gastfreundlich. Einmal getraute ich mich zu fragen, warum in aller Welt sie einen Schlüssel über der Tür hängen haben. Ob er aus Gold sei? Ein Schatten fuhr über das Gesicht des Vaters, seine Frau klopfte ihm beruhigend auf das Knie. Dieser Schlüssel, so sagt der Vater des Freundes mit bebender Stimme und feuchten Augen, wäre der Schlüssel zu  seinem Elternhaus in Schlesien. Er selber hätte erlebt, wie sie hinaus getrieben worden wären und ohne etwas in der Hand Haus und Hof verlassen mussten. Dieses Stück seiner Lebensgeschichte hat ihn nie losgelassen. Er ist damit nie fertig geworden. Auch wenn er später gerne und froh mit seinem Sohn die alte Heimat anschauen fuhr und gute Wurst und guten Schnaps mitbrachte und sichtbar war, dass er ein neues gutes Leben in seiner neuen Heimat Hessen gefunden hatte.


Dieser Schlüssel kommt mir in diesen Tagen oft in den Sinn. Und ich sehe vor meinem inneren Auge Handtaschen und Jackentaschen, kleine Kofferseitentaschen und Bändchen um den Hals, Rücksackseitentäschchen und Aktenkofferfächer mit tausenden Hausschlüsseln nun verlassener Wohnungen. 

Ich stelle mit vor, dass sie sie mitgenommen haben auf diese Reise, die eine Flucht ist. Vielleicht, so wünsche ich es mir, werden aus diesen traurigen Schlüsseln, aus diesen Fluchtschlüsseln bald Wiederkommschlüssel, vielleicht sind es kleine Hoffnungsschätze in den Jackentaschen - Symbol der Heimkehr. Symbol für eine unauslöschlichen Sehnsucht nach einem Ende von Waffen und Gewalt. 


Ein Pfarrer erzählte einmal die Geschichte, dass ein kleiner Sohn in seiner Wohnung spielte und ein Kreuz fand. So ein Jesuskreuz. In handlicher Größe. Ohne Jesus. Nur das Kreuz. Er drehte es in seinen winzigen Händen hin und her. Schließlich ging er damit zur Haustür und steckte es in das Schlüsselloch. Als wäre das Kreuz ein Schlüssel. Und vielleicht ist es genau das. Der Schlüssel zum tiefen Verstehen von Gottes Liebe und dass Gott uns kein Leid wünscht.


„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch gebracht habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.“ Jer 29, 10-14


Ivanka Groß lebt in Deutschland und ihr Mütterchen, wie sie zu ihr sagt, in der Ukraine. Tage und Tage hat sie ihre Mutter angefleht, doch bitte bitte ihre Heimat zu verlassen, in der es lebensgefährlich geworden ist. Sie hat nach Worten gerungen und hat Gott gebeten, die richtigen Worte zu finden, die das Herz der Mutter aufschließen könnten, den Koffer zu packen. Und dann, so erzählt sie, hat sie genau die Worte gefunden, die das Herz der Mutter bewegt haben. Ein Platz in einem Auto bot ihr der Pfarrer unerwartet am gleichen Abend an und sie ist nun in Sicherheit. Für sie wurde der Glaube zum Schlüssel. Er half ihr Worte zu finden, die wie Schlüssel zum Herzen der Mutter wurden. Und mit ihrem Schlüssel in der Jacke zog diese los in das Unbekannte. Der Schlüssel als Heimfahrtticket, als Zeichen, das sie wiederkomme. Als Handschmeichler, der an das gewohnte Schließen der alten Tür erinnert. Als Erinnerer an das Vertraute. Als Versprechen an die Heimat auf Wiederkehr. 


Menschen haben in Gebeten, Liedern, Ritualen und Gottesworten Schlüsselmomente ihres Lebens erlebt. Auch die englischen Frauen in der Liturgie vom Weltgebetstag erzählen davon. Lina fand Hilfe in ihrer Kirchengemeinde als sie plötzlich verarmte. Natalie fand Zuflucht als sie häusliche Gewalt erlebte und Emily fand neuen Lebensmut, nachdem sie einen Tumor überlebt hatte und gehörlos geworden war. Sie erzählt uns von dieser Gehörlosen-Gebärde „Hold on“ - Festhalten an Gott. Sie macht Mut zum Festhalten daran, dass Gott einen Plan hat, auch wenn man selber keinen mehr sähe. Zum Festhalten an der Hoffnung. Zum Festhalten an Gottes Zusagen. Darum lasst uns in allem Bangen. In allem Alltagsmühsal. In allem Suchen nach Ruhe von diesem Thema. In allem. In allem. Ganz im Grunde unseres Herzen Festhalten an Gott. So kann unser Herz standhalten, wenn das Leben Wellen schlägt. Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der halte unsern Verstand und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen.






SEGEN

 Segne doch,  Gott, 

all die vielen Hausschlüssel, 

in den Taschen und Koffern,

die Schlüssel zu den Wohnungen in der Ferne,

in die vielleicht nie wieder jemand zurück kommt.

Segne alle Fluchtschlüssel und Wiederkommschlüssel.


Segne doch,  Gott,

all die Schlüssel zu unseren eigenen Häusern und Wohnungen, 

dass wir selber es schaffen in Frieden zusammen zu leben,

dass wir Gastfreundschaft leben und von Herzen empfangen.


Segne doch, 

Gott,

alle SchlüsselWorte,

die ein Herz aufschließen können

oder fest geschraubtes lösen

oder verhärtetes aufschließen.


Segne uns,  Gott,

dass wir für andere zu einer Schlüsselfigur 

der Hoffnung, des Vertrauens, 

des Mutes oder der Aufrichtigkeit werden können.


So segne uns und unsere Nächsten. Amen.


Freitag, 18. März 2022

Filmsequenzen...

Er war doch erst 18. Trotzdem musste er schon in den Krieg. In einen sinnlosen Krieg. Zog die dunklen Kriegskleider an. Wurde einfach heraus gerissen aus seinem jugendlichen Leben auf dem kleinen Dorf. Durchgeschüttelt kam er an die Front. Um dort auf Menschen zu schießen, die er nicht kannte. Doch es lief nicht gut. Kurz vor Königsberg. 1944. Bei einem Rückzug in eisigen Wintertagen erfroren seine Zehen und mussten amputiert werden. Neulich schaltete er irritiert den Fernseher aus. Dies könne nicht sein. Diese Kriegsbilder seien sicher nur ein Film, so meinte er. So verrückt wäre doch keiner. Nicht schon wieder. Kopfschüttelnd saß der 95jährige in seinem Sessel. Nachts würde er wieder Alpträume haben. Wenige Tage bevor er die Augen für immer schloss. Seine Wunden heilten übrigens nie zu.

Donnerstag, 17. März 2022

... von der Marter aller....

 Erstanden


Diszipliniert und gerade liegt er in seinem Krankenbett. Der dunkelblaue Trainingsanzug sitzt tadellos an seinem großen schlanken Körper, als würden auf den Schultern noch immer die silber geflochtenen Schulterstücke sitzen. Er versprüht Lebensenergie und Optimismus. Der ehemalige NVA-Major erzählt leiser werdend von seiner Operation so nahe am Herzen. Seine Zukunftssorgen erzählt er halb und halb schluckt er sie runter. Er wäre ja Optimist. Immer wenn er mich anschaut und ihm das Wort „Pfarrerin“ auf meinem Namensschild ins Auge fällt, werden seine Züge weicher. Seine Augen verschwimmen und aus tiefster Erinnerung holt er - komplett verschüttet hinter Jahrzehnten von Gehorsam, Befehlen und Galgenhumor - Zitate aus seiner Konfirmandenzeit hervor. Von der schlesischen Heimat erzählt er. Und von der Lausitz, in der er aufwuchs. Und dass er das als Offizier zurück lassen musste. Immer wieder kommen ihm Fetzen alter Lieder oder Bibelverse in den Sinn. Wie einmal von jemandem in ihn gesetzte Bojen. Auch vom Tod seiner Frau erzählt er. Da muss er zur Seite blicken, um sich wieder zu fassen. Plötzlich geht ein Ruck durch ihn. Jetzt hätte er es wieder! Und dröhnend singt der Major den alten Osterhymnus „Christ ist erstanden von der Marter aller…“, mit allen Strophen, „ wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen..“ Es ist als würde dazu sein Herz salutieren. „Christ will unser Trost sein!“ Es klingt über die ganze Station. Als wäre ein alter Quell in ihm aufgebrochen. Er räuspert sich. Schluckt, als ich ihm zum Abschied Segen wünsche und nickt nur. Ganz ohne Schulterstücke. 



     (Foto: DHM)

Samstag, 5. März 2022

...vom "hold on"

 

                                                                                                                                                                                                                                        (Foto: David Young)

Predigt zum Friedensgottesdienst

Lesungstext: Phillipper 4, 6-9:

„Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren. Weiter, Brüder und Schwestern: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht! Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.“


So sagen wir es immer am Ende der Predigt.

„Und der Friede Gottes, 

der höher ist als alle unsre Vernunft…“

Der Friede ist wohl wirklich höher als alle Vernunft.

Sehr oft sogar. Höher als unsere eigene Vernunft.

Er verlangt von uns, Dinge zu unterlassen:

Etwas nicht zu sagen.

Etwas nicht zu tun.

Obwohl wir es könnten.

Obwohl wir die Macht und die Gelegenheit hätten.

Obwohl wir es sagen könnten.

Obwohl wir drein schlagen könnten

- keine Frage. Könnten wir oft.

Aber wir tun es ganz bewusst nicht.

Meistens.

Oft leider doch.

Nach unserer Vernunft 

scheint es uns erlaubt und angesagt.

Der Friede Gottes jedoch schaut weiter.

Er folgt nicht der Logik von Stärke durch Macht.

Er will, dass wir Böses lassen.

Und das könnten wir tatsächlich 

und würden eigentlich nichts verlieren.


Der Friede verlangt von mir 

nicht nur mich selbst zu sehen.

Sondern die anderen zu sehen.

Zusammenhänge zu sehen.

Die Auswirkungen meiner Worte zu sehen

und meines Handelns.

Der Friede verlangt von mir, 

der Gerechtigkeit nicht im Weg zu stehen.

Und das meint nicht eine Auge-um-Auge-Gerechtigkeit,

sondern Leben für jeden und jede - Gerechtigkeit.

Ich bin nicht immer gut im Frieden halten.

Ich bin leider nicht immer gut im Unterlassen

von bösen Worten und unnützen Kommentaren.

Aber meistens - nicht immer - schaffe ich es, 

wenigstens die rote Grenze nicht zu überschreiten,

wo meine Worte und Taten Schmerz und Tod bringen.


Was wir gerade erleben ist,

die maximale Überschreitung der Grenze

des Anstands, des Lebens, der Vernunft, 

der Gerechtigkeit, des Aushaltbaren.

Das was wir alle gerade miterleben ist unerträglich falsch.

Es ist nicht richtig. Wie jeder Krieg nicht richtig ist.


„Könnten sie doch hören, was Gott der Herr redet,

dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,

auf dass sie nicht in Torheit geraten.“ 

Ruft der Psalmbeter verzweifelt.

Und gerade rufen es so viele auf den Straßen,

mit Worten und mit Taten. Sie rufen nach Frieden.

Es sind jeden Tag mehr.

Aber es sind auch jeden Tag mehr Opfer.

Es hört einfach nicht auf.

Denn wir haben längst falsche Wege eingeschlagen.

Und können nun nicht umkehren.

Gewalt und Waffen.

Wettrüsten und um die Wette wirtschaften.

Das gilt als normal.

Aber haben wir vergessen, wer wir sind?

- doch Gottes Salz der Erde!

Seine Lichtbringer!!

Wir sollten doch keinen Scheffel über unser Licht stellen,

so heißt es in der Bibel.


Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, 

das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.

Was auch immer wir tun können,

sollten wir jetzt tun.

Im Sinne des Friedens:

    • unterlassen was kaputt macht,
    • nicht den Hass und die Abscheu unser Herz regieren lassen
    • teilen
    • da sein
    • beten
    • und hoffen. Glauben. Festhalten >hold on<

Das ist unser Auftrag. Amen.


Und der Friede Gottes, der viel höher ist als unsere Vernunft,

 

bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen. 


Weiße Tauben. Ein Lied. (draufklicken)

Samstag, 19. Februar 2022

 ... von Sätzen, die schmerzen

Predigt für den 20. Februar 2022





Wie ein Same auf fruchtbares Land fällt

oder manchmal nur auf auf Steine,

so tun das auch Worte.

Wie ein Stein im Wasser Ringe wirft

und Kreise zieht,

so tun das auch Worte in unserem Leben.

Sie wirken und sie ziehen Kreise.


Eine Abendszene:

Ich schalte den Fernseher etwas zu früh ein und unbeabsichtigt 

taucht noch die letzte Szene einer Trickfilmserie auf. 

Sie erzählt die fiktiven und absurden Abenteuer 

einer komischen gelbköpfigen Familie namens Simpson. 

Und just in dem Moment als wir einschalten scheitert 

der Familienvater  Homer Simpson an einem Wettlauf. 

Keuchend sagt er so etwas melodramatisches wie, 

dass mit 52 das Leben eben vorbei wäre und die Gesundheit im Eimer. 

Mein Mann neben mir zuckt zusammen. 

Er ist - ihr ahnt es - 52! 

Und gerade im jenem Moment ging es ihm gesundheitlich nicht gut. 

Alles klar: er ist ja auch 52! 

Noch tagelang wird er diesen Satz kopfschüttelnd zitieren. 

Halb im Scherz. Aber nur halb. 

Was hier zum schmunzeln ist, geht tiefer. 

Trifft auf unsere Verletzlichkeit und Angst vor Vergänglichkeit, 

vor dem Altwerden, abgehängt sein, nicht gewollt sein.  

Ein Wort, das seine Ringe zieht, unbeabsichtigt. 

Das irgendwo plötzlich Wurzel schlägt. 

Ein Scherz. Und irgendwie doch keiner. 


Die Szene erinnert mich an etliche Menschen, 

die ich im Klinikum besuchte und die mir gleichlautend erzählten, 

wenn man 50 wäre, da wäre es vorbei, das würde man merken, 

ein echter Knick im Leben, ab da ginge es abwärts 

- so würde man doch sagen  - und nun hätten sie den Beweis,

 sie wären im Krankenhaus gelandet. 

Manchmal klingt es scherzhaft und sie lachen, 

aber es beißt sie trotzdem ins Herz, 

das fühle ich und es verbreitet Unsicherheit in ihnen.


Es gibt solche Worte, die plötzlich hängen bleiben.

Ein Satz, der - zack - in eine Falte deiner eigenen Befindlichkeiten fällt, 

in eine Laune, in eine dir oder den anderen unbekannte oder bekannte Schwäche, 

in Ungeschütztes - der plötzlich Verheerendes anrichtet und Gift versprüht. 

Worte wie ein Gerichtsspruch - Worte, die oft nie so gemeint waren, 

vielleicht sogar aus Liebe gesprochen, 

von Dir nahe Stehenden oder völlig fremden Menschen 

- solche Sätze gibt es auch in meinem und Deinem Leben. 

Einmal hat einer einen Satz gesagt, 

vielleicht nur nebenbei. 

Es kann ewig her sein. 

Aber für Dich wurde er ein Hauptsatz.


„Du bist fett!“, sagte einer

- und ihr Körper wurde ihr für lange Zeit fremd.

„Du hast merkwürdige Waden!“, sagte er kichernd

- und sie trug keine Röcke mehr, niemals, denn 

er hatte es gesagt, da war sie 14

und hatte noch keine dicke Haut, 

die solche Sätze abprallen ließen.

Andere haben anderes gesagt, aber dieser eine Satz war es, der blieb. 

Er wurde ein Faktum in ihrem Leben.

„Du bist eine schlechte Mutter“, schrie jemand,

und fortan fühlte sie sich ungenügend.

„Das können Frauen nicht“ oder:„das ist nichts für Männer“,

sagten sie und Zukunftspläne wurden forever gestrichen.

„Du bist unmusikalisch“, attestierte ihm jemand 

und er schloss seine Liebe zur Musik tief in sich ein.

 „Du machst alles falsch“, sagten sie immer wieder 

und ab da konnte er nichts mehr richtig machen, 

als wäre er allein nur so ungeschickt und alles nicht ausreichend, was er tat.

„Du gehörst hier nicht hin“ sagte einer, vielleicht nur nebenbei 

- aber das Gefühl von Fremde blieb.

„Das wirst du nie schaffen“ wurde ihm immer wieder gesagt 

und obwohl er den Satz nicht mehr erinnerte, 

blieb er immer schüchtern und musste sich schwer zwingen, 

Sachen anzugehen. Dass es diesen Satz gab, hatte er da vergessen.


Worte wie Schwerter. Sätze, die etwas bewirkt haben.

Oft sogar unbewusst. Manchmal schmerzhaft bewusst.

Sie stecken fest. Immernoch. Manche werden wir irgendwann los. 

Andere nie so richtig - obgleich es so viele Argumente dagegen gibt 

und FÜR die eigene Schönheit und FÜR sich selbst. 

Und doch haben diese Worte Kreise gezogen,

Ein Funke, kaum zu sehen, entfacht doch Flammen.

Sätze, die mich einschränken, betrüben, bewerten

- sie stecke geradezu wie ein Schwert

in meinem Sinn.

„Ich will dich nie wieder sehen“ und  „das ist deine Schuld.“

Sätze wie Rasierklingen,

sie bekommen Macht

die Du ihnen nicht über Dein Leben geben wolltest.


Und dazu kommen die

Phantomschmerzen 

aller nicht gesagter Sätze.

Das fehlende „Ich liebe dich“ und „ich glaube an dich“ und

„du machst das einfach gut“ und  „ich bin beeindruckt von dir“,  

„ich finde dich schön“ - ersehnte, nie gefallene Sätze.

die fehlen und deren Fehlschmerz  ebenso bleibt.


Natürlich gibt es auch die warme Decke aus Sätzen, 

die Dich im Leben tragen. 

Die Dich Mensch sein lassen. 

Über solche Sätze reden wir oft. 

Wie wichtig sie sind. Wie gut sie sind. 

Wie sie unser Leben tränken und stabilisieren. 

Sicherheitssätze und Mutsätze. 

Trostsätze und Aufschau-sätze. 

Über diese anderen Sätze reden wir eher selten.


Das alles sind Menschensätze. Menschenworte.

In aller Unbeholfenheit gesagt.

Weil wir manchmal mit dem Herzen sehen können 

und manchmal überhaupt nicht.


Und dann gibt es Gottes Worte.

Die Bibel sagt: "Gottes Wort ist voller Leben und Kraft. 

Es ist schärfer als die Klinge eines beidseitig geschliffenen Schwertes, 

dringt es doch bis in unser Innerstes, bis in unsere Seele und unseren Geist, 

und trifft uns tief in Mark und Bein. 

Dieses Wort ist ein unbestechlicher Richter über die Gedanken 

und geheimsten Wünsche unseres Herzens. 

Gottes Augen bleibt nichts verborgen; vor ihm ist alles sichtbar und offenkundig." (Heb 4, 12-3)


Solche Gottesworte kannst Du in der Bibel lesen 

oder sie hier in der Kirche mit anderen zusammen hören.

Sie stehen auf einem Plakat am Wegrand, 

suche sich ihren Weg in Dein Ohr in einem Song. 

Solche Gottesworte liest Du in einem Brief 

oder Du weißt sie plötzlich mit klarem Geist.

Machmal schleichen sie sich in Dein Leben. 

Manchmal gehen Dir solche Worte durch Mark und Bein. 

„Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht“, 

sagt Gott, und „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir.“

„Ich halte dich!“, sagt Gott.

 

Viele dieser Sätze fliegen einfach vorüber.

Wie ein Schwarm Vögel.

Manchmal aber setzt sich so ein Vogel auf Deine Schulter.

Manchmal legt sich so ein GottesWort auf Dein Herz 

oder geht Dir unter die Haut.

Manchmal zerschlägt es endlich den Stein und wurzelt langsam in Dir

und alte Urteilsworte und ungewollte Überschriften Deines Lebens verblassen.

Manchmal findet ein Gotteswort genau die Stelle in Dir, 

die es gebraucht hat, als wäre es genau für Dich gesagt. 

Wann dies geschieht, das ist Dir unverfügbar.

Es passiert. 

„Sprich nur ein Wort und meine Seele wird gesund.“, 

heißt ein altes Gebet, das sich an eine Jesusgeschichte anlehnt.


Gott, Du hast Worte die niemand hat.

Du hast unendliche Worte,

wortlose Worte.

Sprich nur ein Wort. 

Meine Seele kann gesund werden.

Amen.


Und der Friede Gottes höher ist als unsre Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß 

und stärke unsre Liebe. Amen.



... passt auf Eure Liebe auf...

  Predigt am 19. Juli in Stendal Predigttext Hebräerbrief 13, 1-3: Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.  Vergesst ...