Sonntag, 27. September 2026

Jesus lässt sich stören

Predigt von einer, die Jesu Wege kreuzte


Predigttext: Mt 15, 21-28: Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. 



Bei mir hießen sie Arno, Kurt und Hans. Elfriede, Gisela und Monika. Ibrahim und Dila.
Unsere Welten hätten nicht verschiedener sein können. Als junge Frau kam ich nach dem Studium in Halle auf das Land. Hier in diesen Landkreis übrigens. 

Für die Menschen von hier kam ich sicherlich aus einer anderen Welt. Der Stadtwelt. Der Universitätswelt. Meine Welt traf auf ganz andere Lebenswelten.

Die des alten Müllers, der zwei Kriege überlebt hatte und über 100 Jahre alt wurde, die größten Hände der Welt hatte und noch bis zu seinem Tod seinen Garten versorgte und betete und sang mit der Tenorstimme eines 20jährigen. Seine Lebenswelt hätte nicht unterschiedlicher sein können, aber ich staunte immer wieder über die Tiefe seines Glaubens. Oder Hans mit seinem großen Bauernhof, Hühner, Tauben, Schweine, die Feldarbeit. Der Segen, den er über das Feld sprach. Oder Kurt, der jeden Traktor quasi blind reparieren konnte und bei dem es Tischgebete gab und eines je morgens und abends am Bett. Unsere Lebenserfahrungen wären auf den ersten Blick nicht kompatibel gewesen. Und doch wurde ich so froh, dass unsere Wege sich gekreuzt hatten. Sie wurden echte Lehrer für mich. Lebenslehrer.


So wie Elfriede, die lange Lehrerin war und alleinstehend und die sich als Christin in der Schule durchbeißen musste in der DDR, Gisela, die mit der ganzen Frauenmeute mir geduldig ein altes Volkslied nach dem anderen beibrachte und mich lehrte, aus wie vielen ein tiefer Glaube heraussprach. Eines, ein Wanderlied, sagte sie immer, würde sie gerne zu ihrer Trauerfeier gesungen bekommen. Und Monika, die den Handwerksbetrieb ihres Mannes mit führte, so treu an seiner Seite, Zeit für viel Privatleben war da nicht und dennoch war sie eine der lebenslustigsten und gläubigsten Frauen, die ich kennengelernt habe. Sie wurden mir Lehrerinnen. Lebensfreudelehrerinnen.


Auch Ibrahim. Unsere Wege kreuzten sich nur, weil er aus seiner Heimat flüchten musste. Alles war anders an ihm. Sein Umgang mit Gefühlen, seine Art zu lachen, Wann man schlafen ging, wie schnell man Dinge erledigte, wann es Essen gab und wie großzügig er war, andere einzuladen, obwohl er selbst nichts hatte. Sein Leben war so fremd für mich wie der Duft der Speisen, die es bei ihm gab. Dennoch erfuhren wir uns als Mensch zu Mensch. Wie Dila, die schon hier geboren ist und Tochter von Einwanderern ist. Ihr Art, deutsch zu sein, ist lustvoll und wild. Sie hat mir neue Farben in mein Bild meines eigenen Landes gemalt.


Da kreuzen immer wieder Welten unser Leben. Auch Deines. Auch das von Jesus. Er ließ zu, dass Menschen seinen Weg kreuzten mit ihrer anderen Lebenswelt.


Eine Frau kreuzt seinen Weg, die in vielem so anders ist, als er selbst. Auf ihr Rufen hört er erst nicht und am Ende wird sie zu einer Lehrerin für ihn und er lässt es geschehen als großes Lehrstück für uns alle. 


Und Jesus war in der Fremde unterwegs und eine Frau kreuzte seinen Weg, die nicht zu seinem Volk gehörte. Sie war von anderem Geschlecht, anderer Religion und Nationalität. In jeglicher Hinsicht unwürdig nach den Maßstäben der Zeit. Sie bat ihn um Hilfe für ihre Tochter. »Nimm dich meiner an!“, bittet sie. So wie viele vor ihr. Jesus aber reagiert nicht. Gar nicht. Arbeitet es in ihm? Die Jünger werden ungeduldig. Sie stört. Sie lässt nicht nach. Sie legt sich vor seine Füße. Er kann nicht an ihr vorbei. Bin ich nicht nur für mein Volk da? fragt Jesus. Ich nehme niemandem was weg, wenn Du mein Kind heilst. Es reicht auch noch für mich. Sie widerspricht ihm. Sie tut es diplomatisch und gewitzt. Sie geht hinein in sein Argument und fügt ihr eigenes Bild hinzu. Ihr Wort führt Jesus von einer Enge in eine Weite. Sie wird eine Lehrerin für ihn. Eine Lehrerin für Toleranz und die beiden bewegen in diesem Moment die ganze umstehende Menge in eine Idee davon hinein, wie weit das Leben, der Glaube, die Gemeinschaft sein könnten. 

 

Fulbert Steffenski sagt über die Toleranz: Toleranz heißt nicht die geglückte Selbstauflösung in ein blasses Allgemeines. Wir sollen nicht in eine nicht mehr unterscheidbare Allgemeinheit von Gesinnungs- Lebens- und Glaubensweisen verschwimmen, sondern jedem soll zu seiner Eigentümlichkeit verholfen werden. Toleranz heißt nicht nur, dass ich geduldet bin mit meiner Wahrheit, sondern dass ich nicht im Stich gelassen werde von der Wahrheit der anderen. Ich bin Fragment, ich weiß etwas aber nicht alles. Das heißt, dass ich die Korrektur und Ergänzung durch die fremde Wahrheit brauche, wie die anderen die Korrektur durch meine Wahrheit brauchen. Toleranz ist dialogisch, sie sucht den anderen mit der anderen Wahrheit auf, sie lernt und lehrt, sie streitet. Die Wahrheit entsteht im Gespräch der Geschwister. (…) Wir sind wahrheitsfähig und wir sind irrtumsfähig; die anderen sind wahrheitsfähig und sie sind irrtumsfähig. Das muss man wissen, um miteinander reden und streiten zu können. (Aus: Fulbert Steffenski: Karfreitag, in: Riskier was, Mensch! Sieben Wochen ohne Vorsicht, Fastenkalender 2013.)


Als Kirche Jesus Christi in diesen Tagen: Lassen wir uns stören und weiten und nicht verengen! Begegnungen mit anderen, die ein anderes Geschlecht, eine andere Lebensweise, eine andere Religion, eine andere Herkunft haben, sind keine Bedrohung. Lasst uns einen Geist des Lernens und auch der Irrtumsfähigkeit als gutes Christliches Ideal mitnehmen und andere nicht im Stich lassen mit unserer Wahrheit. Als Kirche lasst uns Unerschrockenheit teilen, die nicht Blauäugigkeit ist. Denn wie nie zuvor werden ein Geist der Liebe und die Art Jesu, zu hören und anzunehmen, gebraucht - als in diesen Tagen der Verwerfungen und Uneinigkeit. Die Einigkeit ist Aufgabe aus dem christlichen Glauben - nicht die Verwischung, sondern die Verbindung, nicht die Auflösung, sondern die Ergänzung, nicht das Abschneiden, sondern das Einfügen. Gott, gibt uns Deinen Geist des Lebens. Amen!


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß 

und stärke unsre Liebe. Amen.



... an der Schwelle stehen...

Predigt 

zum 600. Jubiläum von St. Wenzel Naumburg

Wie lieblich 

sind deine Wohnungen, 

HERR Zebaoth! 

Meine Seele verlangt und sehnt sich 

nach den Vorhöfen 

des HERRN; 

mein Leib und Seele freuen sich 

über den lebendigen 

Gott. 

Selig,

 die wohnen in deinem Haus, 

die dich allezeit loben. 

Selig 

die Menschen, 

die Kraft finden 

in dir 

und von Herzen 

dir nachwandeln! 

Wenn sie 

durchs dürre Tal ziehen, 

machen sie es zum Quellgrund, 

und Frühregen hüllt es in Segen. 

Auf Schritt und Tritt 

empfangen sie neue Kraft…


Jahrhundert um Jahrhundert

Singen sie das, die Menschen. 

Jahrhundert um Jahrhundert 

zuerst ausschließlich mündlich übertragen

im Singen und Beten.

Ein Wallfahrtspsalm.

Für die eigene Lebensreise. Der sagt:

„Gott, bei Dir ist es am Schönsten.

Ich reise nur mit Dir.

Dein Haus ist meine Raststätte, meine Tankstelle,

meine Herberge, eine Bleibe.“

Jahrhundert um Jahrhundert

Singen sie das, die Menschen. 

Wie lieblich sind mir Deine Wohnungen 

Ein Tag bei dir ist besser als sonst tausend

Weißt Du, wie lange schon?

2500 oder sogar 3000 Jahre gibt es diese Worte.

Wie lieblich sind mir Deine Wohnungen.

Oh, selig sind die Menschen, die Kraft finden in dir!

Auf Schritt und Tritt, step by step, kommt die Kraft.

So wie Du sie brauchst. 

In die Sprache eingelebte Erfahrungen von Menschen 

vieler Generationen.

Vor allem gesungen haben sie den Psalm.

Auch hier in Naumburg! Seit 600 Jahren. 

Und 800. Vermutlich schon davor.

Auf der Wiese, dem Acker, der hier vielleicht mal war. 

Vielleicht unter einem Baum.

Dann vielleicht in einer Hütte, 

in größer werdenden Mauern.

Und dann in diese Mauern hier, an diesem Ort.

Es ist, als könntest Du diesen Gesang aus den Mauerritzen pulen, 

so oft haben Menschen diese Worte hinein gebetet: 


Wie lieblich sind mir Deine Wohnungen!

HERR, du allmächtiger Gott, höre mein Gebet; 

schenk mir ein offenes Ohr, Gott Jakobs! 

Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. 

Ich will lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes als zu wohnen, 

wo Gottlosigkeit herrscht! 


(Mikro aus, nach vorne, Mikro an)


Wie mag es gewesen sein,

auf dieser Schwelle. Vor 600 Jahren…

Hier drinnen herrscht Gedränge. 

Niemand will es verpassen. 

Ganz Naumburg, ja scheinbar die halbe Welt ist auf den Beinen. 

Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. 

Ich will lieber an der Schwelle stehen 

im Haus meines Gottes als zu wohnen, 

wo Gottlosigkeit herrscht! 






Gott ist ein neues Haus gebaut. Hier.

Eines, das nicht der Dom ist, eines für die Bürger und Bürgerinnen 

in ihrer großen Unterschiedlichkeit, auch Einfachheit, Buntheit. 

Ein Gegenpol vielleicht sogar.

Eine Leute-kirche. Eine Kirche für die Leute.

Als wolle man mit solchen Mauern und Altären festhalten, 

was sonst unsichtbar ist, was Du vor allem spürst, hoffst und ahnst, 

das in den Falten Deines Vertrauens wartet, 

das unausrottbar in den letzten Winkeln deines Herzens 

immertapfer die Lampe hält, 

das Immerlicht.: Deinen Gott.

Für Gott haben sie das Haus gebaut oder eher für sich 

und dann, wenn sie Gott suchten. 

Wenn sie herkamen und beteten: 

Gott, höre mein Gebet; schenk mir ein offenes Ohr, Gott Jakobs! 

Dürre Zeiten kannten sie. Hier würde ihr Quellgrund sein. 

Denn was sollte gelten in einer Welt der Stärkeren gegen die Schwächeren. 

Es sollte gelten, dass Gott auch mit den Schwachen ist. 

Kaum war die Kirche fertig, brannte sie innen nieder. 

Sie bauten sie wieder auf. Einmal wurde sie sogar Lazarett. 

Sie blieb Haus Gottes. 

Wie ein dringend nötiges Lebensmittel haben die Menschen 

fortwährend dafür gesorgt.


Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. 

Ich will lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes als zu wohnen, 

wo Gottlosigkeit herrscht! 


Ich stelle mir vor, wie wir heute 2026 an der Schwelle stehen könnten, 

um der Gottlosigkeit zu entkommen. Gottlosigkeit? 

Gottlosigkeiten äußern sich in allem, was dem Leben Schaden antut. 

Mit Hand oder Wort. Das vergisst, 

dass Jesus die Menschen von außen in die Mitte holte, 

die Schwachen nach vorne stellte, die Kleinsten in die Mitte. 

Der die Letzten die Ersten sein ließ 

und die Fremden seine Barmherzigkeit erfahren. 

Der lehrte, dass die ihm nachfolgten, 

später zusammen eine Leutekirche seien, ein Ort für alle. 

Gerade könnte man wirklich mit angehaltenem Atem 

an der Schwelle stehen zur Wohnung Gottes, hier und anderswo. 

Fast eine rebellische Nachricht scheint das in diesen Tagen: 

Gottes Liebe ist universal gemeint! Menschen sind würd - voll. 

Wer das angreift und beschädigt ist draußen – draußen aus Gottes Wohnbereich. 

Drinnen in diesem Wohnbereich ist der Quellgrund der Nähe und des Ansehens 

durch Gott und seine Menschen. 

Quellgrund für ein Zusammen, ein Wir, das voll Fürsorge ist. 

Das ist der Auftrag des Herrn an uns!


Wie standen sie vielleicht staunend auch damals vor diesen Worten: 

Selig sind die Barmherzigen… die sie endlich in Deutsch gesprochen hörten, 

die sie endlich verstanden.

Eine erste Wurzel dafür, dass ein Weg begann, 

die Starken und Schwachen unter ein einziges Dach zu holen 

in ihrem Aufeinandergewiesensein. 

Ein Haus zu bauen der Gebete und des Brotbrechens 

und der Mitmenschlichkeit. 

Die Fundamente liegen hier und anderswo in den Wohnung Gottes. 

Wer ein Gotteskind ist, der findet hier Kraft und Mut 

und der wird diese mit in das Leben außerhalb dieser Mauern tragen, 

sie haften an ihm oder ihr als Boten der Liebe Gottes, da haben wir gar keine Wahl. 

Und das ist in diesen Tagen leicht und schwer zugleich. 

Hier aber findest Du Worte, die Dir sagen, 

wo die Kraft und die Ausdauer dafür herkommt, 

hier beten sie schon hunderte Jahre:


 Selig die Menschen, die Kraft finden in dir und von Herzen dir nachwandeln! 

Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, machen sie es zum Quellgrund, 

und Frühregen hüllt es in Segen. Auf Schritt und Tritt empfangen sie neue Kraft, 

bis sie vor Gott auf dem Berg Zion stehen.


Und wenn Du diese Kirche nachher verlässt, 

dann soll in Dir und mit Dir hinaus klingen, 

was die Wallfahrer auf der ganzen Welt sangen: 


Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; 

der HERR schenkt Gnade und Ehre. 

Er wird kein Gutes mangeln lassen denen, 

die aufrichtig sind. 

HERR Zebaoth, selig der Mensch, der auf dich vertraut.

 

In diesem Vertrauen rufen wir: Komm, lass mich nicht länger warten, 

Komm, du sanfter Himmelswind, Wehe durch den Herzensgarten! 

Gleich wird das hier jemand singen. 

Denn dies ist ein Gottesdienst, hier danken wir, 

hier werden wir still in Demut, hier darf Gott alles hören, 

hier gehen Menschen hoffnungstrotziger hinaus. Amen


Und der Friede Gottes, der höher ist, als unsre Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß 


und stärke unsre Liebe. Amen.


Jesus lässt sich stören

Predigt von einer, die Jesu Wege kreuzte Predigttext: Mt 15, 21-28: Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sido...