Sonntag, 15. März 2026

... da sind die guten Mächte...

Predigt über Mächte
anlässlich der Telemanntage 2026 in Magdeburg



Was Macht ist

 

Weißt Du, was Macht ist? 

Macht ist, wenn Du die winzige Hand eines ganz kleinen neugeborenen Menschleins hältst 

und Du spürst dieses zarte neue Leben. 

Da bist Du machtlos gegen die Wärme, Liebe oder Rührung, die Dich erfasst.

Es ist eine unsichtbare Macht der puren guten herzerwärmenden Verbindung.

Von dieser Art Macht ist jene, der Telemann sein Leben und Komponieren gewidmet hat. 

Er war Christ 

und dem, was ihm selbst Not und auch Hoffnung machte, 

gab er Stimmen und Klänge, A
usdruck und Nachdruck. 

Es war seine Art, von Gott zu predigen. Wir haben gerade davon gehört: 


„Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen - groß sind die Werke des Herrn! 

Er gibt uns Speise … er gedenkt ewiglich.“


Gottes Macht über allem so groß zu loben, hat etwas subversives. 

Denn er stellt alle weltliche Macht in den Schatten. 

Er stellt alle Mächte in den Schatten, die auf Überwältigung, 

Überlegenheit und Kontrolle aus sind. 

Diese gute Macht soll uns durch seine Musik fühlbar werden.

 


Welche Mächte es gibt


Mächte und Gewalten bestimmen ja unsere Welt.

Sie bestimmen Dein Leben, Du spürst es jeden Tag.

Gesetze und Regeln haben Macht.

Körper haben Macht.

Institutionen haben Macht.

Waffen haben Macht.

Reichtum hat Macht.

Geschichte hat Macht.

Zuschreibungen haben Macht.

Stimmen haben Macht.

Logiken und Ideologien haben Macht.

Der Algorithmus des Internets hat Macht. 

Worte haben Macht.

 

Und zwar haben sie alle Macht zum Bösen und zum Guten.

Es gibt böse harte Übermacht,

ungerechte gewaltvolle Macht und

es gibt gerechte rettende Macht 

und notwendige ordnende Macht.

Es gibt alleinige Macht und geteilte Macht.

 

Wir sind nicht gut in Macht.

Oft vergeigen wir’s. Wir bekommen’s nicht gut hin.

Wir verstricken uns. Wir bleiben in reproduzierenden Mustern.

Die Geschichte ist voll davon. Die Gegenart ist voll davon.

Viel zu viele sind gierig nach Macht und missbrauchen sie.

Daraus kommt das meiste Leid dieser Welt.

 


Wie Gottes Macht ist


Gottes Macht zu loben gegen dieses alles, ist deswegen regelrecht subversiv. Die Gottesworte von Jesus drehen alles auf den Kopf und sagen: Das Schema von Oben und Unten ist nicht unumstößlich, die grauen hindernden Logiken, die wir mitschleppen aus alten Zeiten, sind nicht zementiert. Grauen und Schmerz können ihre Macht verlieren und Menschen auch. 

 

Jesus kehrt die Hierarchien um: bei ihm dient der Meister dem Knecht, ist die Kleinste die Größte. Nach ihm sollen am Tisch sitzen, die nichts haben und nicht die, die schon alles haben. Nicht die, die in den Genuss einer Einladung gekommen wären, sondern die, die unwürdig geheißen wären. Er durchbricht alle Logiken der Machtformen. Er wählt als Bezeichnung für ein Gegenüber niemals Knecht, immer Bruder und Schwester. Gott in Jesus, wählt für einen Triumphzug einen mageren Esel und geht in den niedersten Dienst, als er seinen Freundinnen und Freunden die Füße wäscht. Er biegt das verkrümmte Bild der Frau gerade, sprichwörtlich und macht sie, die Unwürdigen, zu den ersten Zeuginnen seiner Auferstehung. Er holt die Barmherzigen - nicht die Gewaltvollen; die Friedfertigen - nicht die Machtvollen; die mit gebrochenen Herzen - nicht die Zerbrecher, in die erste Reihe. Und all das legt er nicht wie ein neues Kettenhemd über die Welt, sondern lebt es als befreiende Wahrheit Gottes. Setzte es schlicht in Kraft. Rollt es aus, würde man heute sagen. Stößt es an, indem er es tut. Denn die Barmherzigkeit wird nur wahr durch das Tun der  Barmherzigkeit, nicht durch Druck. Die Kraft der Zuversicht wächst durch zuversichtliche Herzen, die einander anstecken, nicht per Dekret. Gehe hin und tue desgleichen, sagte Jesus. Am Ende starb er wie einer, der die Mächte herausgefordert hat.

 

„Am Kreuz Jesu wird die Macht der Mächte zerbrochen durch die unzerbrechliche Macht der tragenden Liebe“, sagte Heinrich Schlier, der in der bekennenden Kirche die Ohnmacht gegen das nationalsozialistische System ebenso erlitt wie er die ganz andere Macht des nur scheinbar ohnmächtigen gekreuzigten Gottes spürte. „Am Kreuz Jesu wird die Macht der Mächte zerbrochen durch die unzerbrechliche Macht der tragenden Liebe“*

 


Wie diese Macht lebt


Dieser Same der Liebe wuchert seitdem durch die Mächte der Welt hindurch. Bringt Menschen dazu, machtvolles Handeln in Frage zu stellen und Güte zu wählen. Lässt wie ein Gegengewicht Reichgotteswirklichkeit in Gemeinschaft, Gemeinwesen und in Einzelschicksalen aufscheinen. Sie ist am Werk und greift unsere Gewissheiten an, das am Ende nur die Gewalt hilft, dass nur Bedrückung und Überlegenheit zum Ziel führen. Jesus traut Mächtigen zu, sanftmütig zu werden und den an den Rand gedrängten, Friedensstifter* innen zu sein. Seine Art von Macht kannst Du nicht besitzen. Du kannst ihr Raum geben.

 

Wenn wir nach einer Kraft an unserer Seite suchen, die diese Welt überwinden kann und ihre gewaltvollen Mächte, Logiken und Systeme durchbricht, so finden wir sie hier: In Jesus, der gekommen ist, damit Arme frohe Botschaften hören; Blindgewordenen wieder sehen, Gefangene und Zerschlagenen frei werden können, unverzagt und mutig.

 

Diese Macht als die Größte zu loben und ihr zu trauen, ist das Beste, was wir machen können. Denn in ihr wir haben keine kleine Hoffnung, im Gegenteil! Gott macht uns große Hoffnungen auf eine Zukunft, die wir wollen würden. Amen. 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen.

 

*Dieses Zitat und andere eingeflossene Gedanken, finden sich im Buch „Verwandlung der Mächte“ von Walter Wink.


Samstag, 7. März 2026

Nachfolge ist eine Wanderexistenz...

Predigt am Sonntag Okuli 2026
in Stendal


Ist mir jetzt eigentlich ein wenig unangenehm, aber ich müsste Sie jetzt alle mal nach ihrer aktuellen Nachfolge befragen. Ich würde dann mal durch die Gänge gehen. Wie sieht es denn aus mit Ihrer ganz persönlichen Nachfolge, würde ich Sie fragen wollen. Oh, was für eine unangenehme Vorstellung, so angesprochen zu werden… Ich tu’s nicht, aber ich sollte vielleicht. Sie alle und vor allem auch mich selbst befragen.

Denn wir alle sind mitgemeint, wenn Jesus sagt: Folge. Mir. Nach. Ich habe mich, denke ich, irgendwie entschieden. Und Sie alle hier haben sich bereits mehr oder weniger entschieden, oder? Sie sind ja hier. Die Frage, ob Sie als Christ und Christin leben wollen, die hatten Sie schon mal geklärt. Wenn ich
das Evangelium von heute lese, dann höre ich: geh los, ohne Abschied, breche alle Tabus, beerdige deine Eltern nicht, sorgen für nichts, los geht es! Ohne langen Aufenthalt. Schau nicht zurück, sonst wird das nichts mit dem Reich Gottes, leg die Hände auf den Pflug und starte hinein in die nächste Furche, die zwingend nötig Dich braucht. 

Genauer betrachtet, tritt Jesus so dermaßen radikal auf, dass ihm auch heute nur einige direkt folgen würden. Er will schon, dass der Glaube Folgen hat. Sichtbare Folgen.





Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst.Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.





Jesus war das, was man arm nennen würde, das ist wichtig für das Bild von ihm. Mehr als das, was sie auf dem Leib trugen, hatten die ihm nachfolgten und er wohl eher nicht. Sie waren Wanderexistenzen, angewiesen, auf Gastfreundschaft, vielleicht verstanden einige von ihnen ein Handwerk. Sie hatten nichts dabei. Nur sich selbst. Keinen festen Wohnsitz. Kein Nest, das Menschen sich bauen, weil sie diese trostreiche Wärme für ihr Wohlgehen brauchen. Keine Komfortzone. Ausgeliefert eigentlich, dem was kommt, jeden Tag. Keine Sicherheiten. 


Um was? Loszugehen wohin? Wofür? Das, was sie tatsächlich bei sich trugen war unsichtbar. Nichtmateriell. Sie trugen das Wissen von Zeugen und Zeuginnen. Sie trugen einen wachsenden Samen eines neuen Verstehens über ihre Mitmenschen, eines neuen Verstehens, wie die Welt eigentlich sein könnte, eines neuen tiefen Begreifens von Gott mit sich. In sich. Sie trugen es aus, wie man Post austrägt. Gemeinsam mit Jesus. Vielleicht auch so hinterhergehend, weil sie noch nicht fertig verstanden hatten und doch spürten, dass dies lebensnotwendig wäre. Immer wieder waren andere so ergriffen und überzeugt, dass sie sich anschlossen: 


Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!


Mich und andere, Sie vielleicht auch treibt es auch um. Wie das denn richtig geht mit dem Nachfolgen. Und das gerade jetzt. Seid Ihr sowas wie eine Bekennende Kirche, fragte mich eine Schweizer Freundin. Sie meint die Widerstandskirche im Nationalsozialismus, die klarer als andere, wenn auch immer noch nicht klar genug, aber schon damit ihr Leben aufs Spiel setzend eine deutlich Grenze zog zwischen nationalistischem völkischen Denken und dem Christentum: Wir passen nicht zusammen! Wir lassen Euch nicht mit Euren Fremddeutungen unseren christlichen  Glauben überschreiben! Ich höre das heute wieder: Nächstenliebe wäre doch keine Übernächstenliebe, Vielfalt stehe nicht in der Bibel, statt dem Fremden aufzunehmen wie in Jesu Worten, sollen sie Unwerte sein, die man beliebig als Nachbarn abwählen kann, ein Präsident und eine eine Nation, die von Gott erwählt seien, Aussagen der Geringwertigkeit und Unverträglichkeit von anderen Lebensrealitäten normalisieren … das alles unter der Fahne des Christlichen… Und was wäre da jetzt Nachfolge Christi?

Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind.Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.


Nachfolge und im Glauben stehen heißt konkret, eine Art Wanderexistenz zu führen für ein besseres Miteinander. Jesus nennt ein klares Ziel: das Reich Gottes. Jesus wandert sein Erwachsenenleben lang und bleibt nicht stehen. Nachfolge ist keine fest Behausung, kein Nest des Vergangenen. Glaube ist eine Bewegung. Glaube ist Veränderung, Weitergehen auf das Zukünftige zu. Glaube nimmt ernst, dass die Welt in Veränderung ist und dass sich Kirche und Menschen auch verändern müssen. Wer verspricht, alles wieder wie früher machen zu wollen… Vorsicht vor denen! 

Nachfolge ist eine Wanderexistenz …

zu denen zu wandern, die ich übersehe, mit denen wandern, die schon auf dem Weg in bessere Welten sind, um derer losgehen, die mich brauchen. Nachfolge heißt sich einlassen auf Künftiges. Und heißt, aktiv in der Welt mit dafür zu sorgen. 

Wanderexistenz heißt aufrecht gehen und schauen. Heißt nicht wegsehen. Okuli! Jesus hat Menschen gesehen am Weg. Menschen, die kleiner waren, nicht die hochgestellte Leistungsfähigkeit erreichten, ausgeschlossen waren, abgesondert, fremd, besessen, nicht gut angesehen, mittellos, verachtet.

Das aufzunehmen und dafür einzustehen, wäre eine biblische Nachfolge, für die Du Dich, Sie sich, die Kirche sich nicht mehr ständig rechtfertigen und entschuldigen muss. 


3 Nachfolgegeschichten erzählte heute der Bibeltext. Auch wir kommen aus 3 und viel mehr verschiedenen Lebensbezügen. Nachfolge heißt unterschiedliches für uns. Darum hat Gott jeden und jede an seinen und ihren Platz gestellt. Dort ist Dein Ort, Ihr Ort der Nachfolge: Dort am Wegrand welche sehen, die niemand sieht. Aufrechte klare Worte finden, da wo Menschen unsere Gemeinschaft und lange und schwer zustande gekommene Solidarität zerbrechen wollen. 


Die Nachfolge war bisher ein Spaziergang, glaube ich. Es scheint so, dass Zeiten kommen, wo unsere Stimme nötig ist, Menschen wieder einzuholen, die abgebrochen sind aus unserer Mitte. Menschen Einhalt zu gebieten, die Menschen heraus fischen wollen aus unserer Mitte, die nach hinten schauen und Lebensverhältnisse herbeisehnen, die wir nicht umsonst zurück gelassen haben. Kirche muss hier in die klare Nachfolge gehen.  Nicht um ihrer selbst willen. Dafür wird Gott sorgen. Aber um unserer Gemeinschaft willen. Amen.


Samstag, 13. Dezember 2025

Worte die in die Wüste fallen...

Predigt zum 3. Advent in Stendal




Predigttext: Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, 4 wie geschrieben steht im Buch der Worte des Propheten Jesaja: »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben! 5 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden, 6 und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.« 7 Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? 8 Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. 9 Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. 10 Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir nun tun? 11 Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso. 12 Es kamen aber auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? 13 Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! 14 Da fragten ihn auch Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold! 18 Und mit vielem andern mehr ermahnte er das Volk und predigte ihm. (Lukas 3, 3-14.18)


Was sollen wir tun?

…in persönlichen, weltweiten, regionalen, kirchlichen Veränderungen, Krisen, Umbrüchen.

Was sollen wir tun ?

…auf dem Weg mit uns selbst, mit unserer Unzufriedenheit, fehlender Selbstliebe, in Unruhe.

Was sollen wir tun?

… mit dem adventlich-blinkenden elektrischen ‚Licht der Welt‘ vor dem Fenster und noch so viel Sehnsucht übrig.

Was sollen wir tun?

.. in Fragen, die wir noch nie hatten und Wegen, die wir nicht kommen sahen und Ungewissheit.

Was sollen wir tun?


Das sind Worte, die in der Wüste fallen.


Was sollen wir tun, Johannes? fragen ihn die Leute.

Immer wieder.

Die Leute, die Zöllner, die Soldaten fragen.

 Der Alltag, das Geld, der Krieg fragt.

Die Zweifel, der Wohlstand, die Gewalten fragen.

Was sollen wir tun? 

Fragen, die in der Wüste fallen. Echte Fragen. Lebensdringlich.

In der Wüste, in der Johannes steht und mit den Leuten redet, die etwas finden an seiner Art zu glauben:  nämlich, dass sich Menschen und die Welt wirklich ändern können. 

„Umkehr“ ruft Johannes. Er ruft es in alle Richtungen.

Das Hohe soll flach und das Tiefe soll erhört werden, das Krumme gerade, das Holprige eben in Deinem Leben. Das mühsalwilde in Deinem Kopf soll zur lichten Ruhe werden, das grundtraurige Deiner Tage zum hellen Gesicht, das Du in den Himmel hältst. Umkehr. Zum Besseren. Es ist möglich.

Die wenig haben sollen bekommen und die Macht haben, sollen vorsichtig damit sein. Umkehr. Zum Besseren. Möglich.


Worte, die in die Wüste fallen. 


Die Wüste ist ein Ort, der inneren Leere und Suche.

Sie ist ohne Orientierung nicht zu bewältigen. Sie ist ein Ort, wo Du unbedingt finden musst. Alle kennen Wüstenzeiten. Fragen. Abschiede. Unglücklich sein. Einsamkeit. Die Welt kennt Wüste: Gleichgültigkeit, Gewalt, Verschwendung, Vergessen, Armut heißt sie da. 


Was sollen wir tun? fragen die Menschen Johannes, der gekommen ist, um Jesus den Weg vorzubereiten. Eine innere Vorbereitung auf was ganz Großes. So wie Advent. So wie Heil sein. So wie erlöster sein. Umkehr. Zum Besseren. Möglich.


Nur der Ton, der Ton ist ungewöhnlich. Man stelle sich vor, ich würde Dir von dieser Umkehr erzählen wollen. Ich würde es schon freundlich machen. Ob ich Dich vielleicht überzeugen kann, dass Plätzchenbacken und Kränze binden nicht alles sind, dass es nicht reicht, sich dem Christsein zugehörig zu fühlen, dass in inneren Wüsten Antworten warten und dass das Evangelium Klarheit von Dir verlangt, dass es nur stattfindet, wenn es sichtbar ist an unserem veränderten Menschsein. So viel hängt da dran. Am Getauftsein. So viel Echtsein, dass wir Dinge zum Besseren wenden wollen. Und daran glauben. 

Willst Du nicht mal? würde ich fragen. Wär schon gut. Findest Du nicht auch ein stückweit? Denke doch mal drüber nach. 


Nicht so Johannes. Ihr Schlangenbrut. Ihr Spinner! schreit er die Leute an, die gekommen waren, um sich taufen zu lassen. Eine Stimme ruft in der Wüste: Mach den Weg bereit für den Herrn, ebnet ihm die Straße. Und Ihr, Ihr Scheinheiligen. Kommt endlich aus dem Knick. Aus der Wüste musst Du hinaus wollen wieder zum frischen Wasser des Lebens. Geh!


Im Normalfall würde ich bei so einem Typ gehen.

Ich wäre raus. Will die Leute gewinnen und taufen und brüllt sie erstmal zurecht. Johannes!!? Komisches Konzept!


Und dann sehe ich doch mich, uns. So manches Mal verzagt. Eigene Veränderungen hinausschiebend. Vertröstend. Halbherzig. Zaghaft. Niemand auf den Schlips treten. Keinen verstimmen. Immer alle mitnehmen. Ich sehe meine inneren Fähigkeiten, mich selbst auszutricksen, wenn es darum geht, einen ersten Schritt zu tun oder endlich etwas zu beenden, einzuschreiten, die Wahrheit zu sagen, nicht im Selbstmitleid zu stranden in einer Wüste.


Was sollen wir tun?


„Es ruft eine Stimme: 

In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, 

macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! 

Siehe, da ist Gott der Herr! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen.“  (Jes 40,3.10, Wochenspruch 3. Advent)


Und mir fällt auf, wie dringlich so vieles in der Bibel formuliert ist. Damit sich für mich was ändern kann. Über Jesus prangt wie ein Ausrufezeichen ein Stern.

Und so wandert nur mit allen der Ausrufezeichen- Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr. Wort, die in jede Wüste fallen, Worte zum Auswandern aus allen Wüsten. Worte für die, die Wege bereiten, sich und anderen und Gott. Worte die Dich bewegen wollen. Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß 

und stärke unsre Liebe. 


Sonntag, 30. November 2025

Sternenhäuserbauen....

Predigt zum 120 Jubiläum 

der Lutherkirche in Stendal Röxe und zum 1. Advent

Hände hoch, wer in diesem Jahr schon das Foto von einem Sonnenauf- oder untergang gemacht oder sogar gepostet hat…. Hach. Es verzaubert mich immer wieder.




Manchmal schreibe ich jemanden: Guck mal, der Herrgott zaubert schon wieder am Himmel. Als seien es Grüße direkt von Gott. Manchmal denke ich wirklich, der macht das doch extra! Wenn der Tag für mich beginnt am Morgen und ich weiß noch nicht, was das für ein Tag wird und er schickt kleine weiße zaghaft rosa Wolke oder ein Lichtfeuerwerk am Horizont. An Schönheit kaum zu überbieten und ich weiß, der Tag kann kommen. Oder nach einem langen Tag und ich bin müde, wie dann so ein feuerrotes Lichterspektakel lauter Milde und etwas Warmes in diesen Tag dazulegt. 

 

Oder jetzt. Die Lichterketten anbringen, die Kerzen auf den Tisch stellen, eine Kranz vielleicht. Durch die Straßen gehen, die Lichter sehen. Das hat eine Wirkung auf mich. Und immer finde ich, es kommt keine Sekunde zu früh. Das Jahr hat so viele ernste Themen gehabt und viele Menschen sind gerade so in Aufruhr. Jetzt bitte Licht. Und zwar von dem Licht, das man extra aufstellt, nur damit es die Welt heller macht. 
Auf so eine Art riesen Sonnenaufgang warteten die Freundinnen und Nachfolger von Jesus damals mit unbändiger Ungeduld. Erst dachten sie, Jesus würde ganz schnell wieder auf die Erde kommen, würde vielleicht immer mal auf Besuch kommen oder mit Blitz und Donner und die ganze Erde verwandeln. Wer weiß? Und dann merkten sie: das dauert noch. Wir werden das Leben hier auf der Erde gemeinsam gestalten müssen. Wir müssen aber in dieser Zeit sichtbar werden lassen, dass wir an die Liebe Gottes glauben. Dass wir Jesus kennen, das sind nur die ersten hellen Strahlen vor dem großen Sonnenaufgang. Und statt dazusitzen und zu warten, dass irgendetwas mit dieser Welt passiert, sollten wir selbst dieses Licht vermehren. Das wäre das einzig richtige bis Jesus kommt. Nicht dasitzen und der Dinge harren, die Welt der Finsternis überlassen, sondern aufstehen und losgehen, Licht werden, Licht verbreiten. So gut es uns möglich ist. Hat uns Jesus nicht genau dazu ermächtigt?

 

Paulus schreibt einigen von ihnen damals, dass sie damit auf dem richtigen Weg sind, dass sie Jesus erwarten und gleichzeitig Licht sein können: (In Eurem Leben…) „Bleibt niemand etwas schuldig – außer der Schuld, die ihr niemals abtragen könnt: der Liebe, die ihr einander erweisen sollt. Wer den Mitmenschen liebt, hat alles getan, was das Gesetz fordert.Ihr kennt die Gebote: »Brich nicht die Ehe, morde nicht, beraube niemand, blicke nicht begehrlich auf das, was anderen gehört.« Diese Gebote und alle anderen sind in dem einen Satz zusammengefasst: »Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.«Wer liebt, fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu. Also wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt. Macht Ernst damit – und das erst recht, weil ihr wisst, was die Stunde geschlagen hat! Es ist Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn unsere endgültige Rettung ist nahe; sie ist uns jetzt näher als damals, als wir zum Glauben kamen.Die Nacht geht zu Ende, bald ist es Tag. Deshalb wollen wir alles ablegen, was zur Finsternis gehört, und wollen uns mit den Waffen des Lichtes rüsten.Wir wollen so leben, wie es zum hellen Tag passt.“ (Röm 13, 9-12 / Gute Nachricht)

 

Ganz verloren wirkt die Welt manchmal gerade auf mich. Erschöpft. Orientierungslos. Auf der Suche. So sehr auf der Suche, wie ich das nie empfunden habe. Dafür müsste man auf Märkten und in Landtagsgebäuden, in Schulen und in Krankenhäusern gerade kleine Räume bauen. Räume zum zuhören, Umarmen, Trösten, Mutmachen, Aufrichten, Anlächeln, Satt machen, Festhalten.

 

Vor 120 Jahren haben es Menschen an dieser Stelle hier in Stendal getan. Sie haben neben die Geschäfte und Wohnhäuser, neben Schulen und Werkhallen einen Raum gebaut für Menschen, dass sie dort aufgerichtet werden; Eure Kirche. Damit Menschen dort feiern können, dankbar lächeln, getröstet heimgehen. Dieses ist ein guter Ort. 
Und wir? Und jetzt? Was bauen wir? Wo bauen wir? Sind wir da? Geht uns das was an, diese Welt da draußen, die so verloren scheint? Was sagst du, Gott? 

 

Schlage ich die Bibel auf, dann lesen ich Worte wie heute: 
Wer liebt, fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu. 
Es ist Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen.
Bleibt niemand etwas schuldig, vor allem nicht die Liebe.

 

Heute am 1. Advent beginnt unsere alljährliche geistliche Gymnastikübung: Jesus erwarten. Das kann man gar nicht oft genug einüben. Denn wir merken vielleicht dadurch ob uns Gott näher oder ferner geworden ist. Manche erinnern sich nur in dieser Zeit an ihren Glauben. Viele spüren etwas Sehnsuchtsvolles, würden es nur zaghaft Glauben nennen. Und manche entdecken diese Zeit für sich, um ihren Glauben zu stärken. 

 

Am Ersten Adventssonntag erzählen wir uns immer die Geschichte, wie Jesus in Jerusalem einzog und es stellt sich die Frage: wie kommt Jesus heute rein ins Leben?
Denn was die Gemeinden damals auch lernten, ist: Natürlich kommt Jesus immer wieder zu Besuch. Fast zum Greifen nah steht er zwischen uns an Gräbern, hält seine Hand über unsere, wo wir Hände drücken oder im Leid festhalten, funkelt geradezu aus unseren Augen, wo wir tiefe Freude und mehr mit einander teilen. Jesusmomente!! Aufgehendes Licht in unserem Leben. Aufgehendes Licht am Himmel verdrängt die Dunkelheit der Nacht. Spürbares Licht mitten im Leben verdrängt die Finsternis der Welt. Gemeinde Gottes sein heißt für mich darum: strahlen. Dunkelheit der Welt verdrängen.
Deshalb wollen wir alles ablegen, was zur Finsternis gehört, und wollen uns mit den Waffen des Lichtes rüsten.Wir wollen so leben, wie es zum hellen Tag passt“ oder wie Luther übersetzt: „Lasst uns alles ablegen, was die Finsternis mit sich bringt. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist schon nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“ Wort Gottes für diese Adventswoche!
„Und das tut von euch aus, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf.“

 

Das heißt: Jetzt bitte Licht. Und zwar von dem Licht, das man extra aufstellt, nur damit es die Welt heller macht. 

 

Das heißt: Werdet Ihr sichtbares Licht! Werft mit dem Licht der Welt um Euch! Gott hat seine Liebe dämmern lassen. Jeder und jede von Euch kann ein Strahl seiner Liebe sein, wo Ihr sie lebt. Konkret in der Nachbarschaft, auf der Arbeit. Klein im Lächeln und Zupacken. Groß im Beten und laut von Gott sprechen, von der Liebe sprechen, davon, dass wir viel erwarten dürfen. Machmal kann es ganz klein sein.

 

Einmal bastelte ich zu Beginn des Advents einen Haufen bunter Sterne. In der Nacht ging ich zur kleinen Bushaltestelle im Dorf. Ich klebte alle Scheiben der Bushaltestelle mit Sternen voll. Am nächsten Morgen sah ich aus dem Fenster, wie die vielen Schulkinder staunend davor standen, wie sie lächelten. Ich sah die älteren Damen in einem Häuschen voller Sternenlicht stehen, wenn sie in die Stadt fuhren. Solche Hütten brauchen wir. Hingebastelt oder hingeliebt. Aus kleinen Gesten und echtem Dasein, aus Aufmerksamkeit und Wärme. Mitten bei denen, die suchen. Und wir brauchen diese Hütten auch. Darum sind wir hier im Licht Gottes. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen.


... da sind die guten Mächte...

Predigt über Mächte anlässlich der Telemanntage 2026 in Magdeburg Was Macht ist   Weißt Du, was Macht ist?  Macht ist, wenn Du die winzige H...