Predigt über Mächteanlässlich der Telemanntage 2026 in Magdeburg
Weißt Du, was Macht ist?
Macht ist, wenn Du die winzige Hand eines ganz kleinen neugeborenen Menschleins hältst
und Du spürst dieses zarte neue Leben.
Da bist Du machtlos gegen die Wärme, Liebe oder Rührung, die Dich erfasst.
Es ist eine unsichtbare Macht der puren guten herzerwärmenden Verbindung.
Von dieser Art Macht ist jene, der Telemann sein Leben und Komponieren gewidmet hat.
Er war Christ
und dem, was ihm selbst Not und auch Hoffnung machte,
gab er Stimmen und Klänge, A
usdruck und Nachdruck.
Es war seine Art, von Gott zu predigen. Wir haben gerade davon gehört:
„Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen - groß sind die Werke des Herrn!
Er gibt uns Speise … er gedenkt ewiglich.“
Gottes Macht über allem so groß zu loben, hat etwas subversives.
Denn er stellt alle weltliche Macht in den Schatten.
Er stellt alle Mächte in den Schatten, die auf Überwältigung,
Überlegenheit und Kontrolle aus sind.
Diese gute Macht soll uns durch seine Musik fühlbar werden.
Welche Mächte es gibt
Mächte und Gewalten bestimmen ja unsere Welt.
Sie bestimmen Dein Leben, Du spürst es jeden Tag.
Gesetze und Regeln haben Macht.
Körper haben Macht.
Institutionen haben Macht.
Waffen haben Macht.
Reichtum hat Macht.
Geschichte hat Macht.
Zuschreibungen haben Macht.
Stimmen haben Macht.
Logiken und Ideologien haben Macht.
Der Algorithmus des Internets hat Macht.
Worte haben Macht.
Und zwar haben sie alle Macht zum Bösen und zum Guten.
Es gibt böse harte Übermacht,
ungerechte gewaltvolle Macht und
es gibt gerechte rettende Macht
und notwendige ordnende Macht.
Es gibt alleinige Macht und geteilte Macht.
Wir sind nicht gut in Macht.
Oft vergeigen wir’s. Wir bekommen’s nicht gut hin.
Wir verstricken uns. Wir bleiben in reproduzierenden Mustern.
Die Geschichte ist voll davon. Die Gegenart ist voll davon.
Viel zu viele sind gierig nach Macht und missbrauchen sie.
Daraus kommt das meiste Leid dieser Welt.
Wie Gottes Macht ist
Gottes Macht zu loben gegen dieses alles, ist deswegen regelrecht subversiv. Die Gottesworte von Jesus drehen alles auf den Kopf und sagen: Das Schema von Oben und Unten ist nicht unumstößlich, die grauen hindernden Logiken, die wir mitschleppen aus alten Zeiten, sind nicht zementiert. Grauen und Schmerz können ihre Macht verlieren und Menschen auch.
Jesus kehrt die Hierarchien um: bei ihm dient der Meister dem Knecht, ist die Kleinste die Größte. Nach ihm sollen am Tisch sitzen, die nichts haben und nicht die, die schon alles haben. Nicht die, die in den Genuss einer Einladung gekommen wären, sondern die, die unwürdig geheißen wären. Er durchbricht alle Logiken der Machtformen. Er wählt als Bezeichnung für ein Gegenüber niemals Knecht, immer Bruder und Schwester. Gott in Jesus, wählt für einen Triumphzug einen mageren Esel und geht in den niedersten Dienst, als er seinen Freundinnen und Freunden die Füße wäscht. Er biegt das verkrümmte Bild der Frau gerade, sprichwörtlich und macht sie, die Unwürdigen, zu den ersten Zeuginnen seiner Auferstehung. Er holt die Barmherzigen - nicht die Gewaltvollen; die Friedfertigen - nicht die Machtvollen; die mit gebrochenen Herzen - nicht die Zerbrecher, in die erste Reihe. Und all das legt er nicht wie ein neues Kettenhemd über die Welt, sondern lebt es als befreiende Wahrheit Gottes. Setzte es schlicht in Kraft. Rollt es aus, würde man heute sagen. Stößt es an, indem er es tut. Denn die Barmherzigkeit wird nur wahr durch das Tun der Barmherzigkeit, nicht durch Druck. Die Kraft der Zuversicht wächst durch zuversichtliche Herzen, die einander anstecken, nicht per Dekret. Gehe hin und tue desgleichen, sagte Jesus. Am Ende starb er wie einer, der die Mächte herausgefordert hat.
„Am Kreuz Jesu wird die Macht der Mächte zerbrochen durch die unzerbrechliche Macht der tragenden Liebe“, sagte Heinrich Schlier, der in der bekennenden Kirche die Ohnmacht gegen das nationalsozialistische System ebenso erlitt wie er die ganz andere Macht des nur scheinbar ohnmächtigen gekreuzigten Gottes spürte. „Am Kreuz Jesu wird die Macht der Mächte zerbrochen durch die unzerbrechliche Macht der tragenden Liebe“*
Wie diese Macht lebt
Dieser Same der Liebe wuchert seitdem durch die Mächte der Welt hindurch. Bringt Menschen dazu, machtvolles Handeln in Frage zu stellen und Güte zu wählen. Lässt wie ein Gegengewicht Reichgotteswirklichkeit in Gemeinschaft, Gemeinwesen und in Einzelschicksalen aufscheinen. Sie ist am Werk und greift unsere Gewissheiten an, das am Ende nur die Gewalt hilft, dass nur Bedrückung und Überlegenheit zum Ziel führen. Jesus traut Mächtigen zu, sanftmütig zu werden und den an den Rand gedrängten, Friedensstifter* innen zu sein. Seine Art von Macht kannst Du nicht besitzen. Du kannst ihr Raum geben.
Wenn wir nach einer Kraft an unserer Seite suchen, die diese Welt überwinden kann und ihre gewaltvollen Mächte, Logiken und Systeme durchbricht, so finden wir sie hier: In Jesus, der gekommen ist, damit Arme frohe Botschaften hören; Blindgewordenen wieder sehen, Gefangene und Zerschlagenen frei werden können, unverzagt und mutig.
Diese Macht als die Größte zu loben und ihr zu trauen, ist das Beste, was wir machen können. Denn in ihr wir haben keine kleine Hoffnung, im Gegenteil! Gott macht uns große Hoffnungen auf eine Zukunft, die wir wollen würden. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen.
*Dieses Zitat und andere eingeflossene Gedanken, finden sich im Buch „Verwandlung der Mächte“ von Walter Wink.
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