Predigt am Sonntag Okuli 2026in Stendal
Ist mir jetzt eigentlich ein wenig unangenehm, aber ich müsste Sie jetzt alle mal nach ihrer aktuellen Nachfolge befragen. Ich würde dann mal durch die Gänge gehen. Wie sieht es denn aus mit Ihrer ganz persönlichen Nachfolge, würde ich Sie fragen wollen. Oh, was für eine unangenehme Vorstellung, so angesprochen zu werden… Ich tu’s nicht, aber ich sollte vielleicht. Sie alle und vor allem auch mich selbst befragen.
Denn wir alle sind mitgemeint, wenn Jesus sagt: Folge. Mir. Nach. Ich habe mich, denke ich, irgendwie entschieden. Und Sie alle hier haben sich bereits mehr oder weniger entschieden, oder? Sie sind ja hier. Die Frage, ob Sie als Christ und Christin leben wollen, die hatten Sie schon mal geklärt. Wenn ich
das Evangelium von heute lese, dann höre ich: geh los, ohne Abschied, breche alle Tabus, beerdige deine Eltern nicht, sorgen für nichts, los geht es! Ohne langen Aufenthalt. Schau nicht zurück, sonst wird das nichts mit dem Reich Gottes, leg die Hände auf den Pflug und starte hinein in die nächste Furche, die zwingend nötig Dich braucht.
Genauer betrachtet, tritt Jesus so dermaßen radikal auf, dass ihm auch heute nur einige direkt folgen würden. Er will schon, dass der Glaube Folgen hat. Sichtbare Folgen.
Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Jesus war das, was man arm nennen würde, das ist wichtig für das Bild von ihm. Mehr als das, was sie auf dem Leib trugen, hatten die ihm nachfolgten und er wohl eher nicht. Sie waren Wanderexistenzen, angewiesen, auf Gastfreundschaft, vielleicht verstanden einige von ihnen ein Handwerk. Sie hatten nichts dabei. Nur sich selbst. Keinen festen Wohnsitz. Kein Nest, das Menschen sich bauen, weil sie diese trostreiche Wärme für ihr Wohlgehen brauchen. Keine Komfortzone. Ausgeliefert eigentlich, dem was kommt, jeden Tag. Keine Sicherheiten.
Um was? Loszugehen wohin? Wofür? Das, was sie tatsächlich bei sich trugen war unsichtbar. Nichtmateriell. Sie trugen das Wissen von Zeugen und Zeuginnen. Sie trugen einen wachsenden Samen eines neuen Verstehens über ihre Mitmenschen, eines neuen Verstehens, wie die Welt eigentlich sein könnte, eines neuen tiefen Begreifens von Gott mit sich. In sich. Sie trugen es aus, wie man Post austrägt. Gemeinsam mit Jesus. Vielleicht auch so hinterhergehend, weil sie noch nicht fertig verstanden hatten und doch spürten, dass dies lebensnotwendig wäre. Immer wieder waren andere so ergriffen und überzeugt, dass sie sich anschlossen:
Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Mich und andere, Sie vielleicht auch treibt es auch um. Wie das denn richtig geht mit dem Nachfolgen. Und das gerade jetzt. Seid Ihr sowas wie eine Bekennende Kirche, fragte mich eine Schweizer Freundin. Sie meint die Widerstandskirche im Nationalsozialismus, die klarer als andere, wenn auch immer noch nicht klar genug, aber schon damit ihr Leben aufs Spiel setzend eine deutlich Grenze zog zwischen nationalistischem völkischen Denken und dem Christentum: Wir passen nicht zusammen! Wir lassen Euch nicht mit Euren Fremddeutungen unseren christlichen Glauben überschreiben! Ich höre das heute wieder: Nächstenliebe wäre doch keine Übernächstenliebe, Vielfalt stehe nicht in der Bibel, statt dem Fremden aufzunehmen wie in Jesu Worten, sollen sie Unwerte sein, die man beliebig als Nachbarn abwählen kann, ein Präsident und eine eine Nation, die von Gott erwählt seien, Aussagen der Geringwertigkeit und Unverträglichkeit von anderen Lebensrealitäten normalisieren … das alles unter der Fahne des Christlichen… Und was wäre da jetzt Nachfolge Christi?
Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Nachfolge und im Glauben stehen heißt konkret, eine Art Wanderexistenz zu führen für ein besseres Miteinander. Jesus nennt ein klares Ziel: das Reich Gottes. Jesus wandert sein Erwachsenenleben lang und bleibt nicht stehen. Nachfolge ist keine fest Behausung, kein Nest des Vergangenen. Glaube ist eine Bewegung. Glaube ist Veränderung, Weitergehen auf das Zukünftige zu. Glaube nimmt ernst, dass die Welt in Veränderung ist und dass sich Kirche und Menschen auch verändern müssen. Wer verspricht, alles wieder wie früher machen zu wollen… Vorsicht vor denen!
Nachfolge ist eine Wanderexistenz …
zu denen zu wandern, die ich übersehe, mit denen wandern, die schon auf dem Weg in bessere Welten sind, um derer losgehen, die mich brauchen. Nachfolge heißt sich einlassen auf Künftiges. Und heißt, aktiv in der Welt mit dafür zu sorgen.
Wanderexistenz heißt aufrecht gehen und schauen. Heißt nicht wegsehen. Okuli! Jesus hat Menschen gesehen am Weg. Menschen, die kleiner waren, nicht die hochgestellte Leistungsfähigkeit erreichten, ausgeschlossen waren, abgesondert, fremd, besessen, nicht gut angesehen, mittellos, verachtet.
Das aufzunehmen und dafür einzustehen, wäre eine biblische Nachfolge, für die Du Dich, Sie sich, die Kirche sich nicht mehr ständig rechtfertigen und entschuldigen muss.
3 Nachfolgegeschichten erzählte heute der Bibeltext. Auch wir kommen aus 3 und viel mehr verschiedenen Lebensbezügen. Nachfolge heißt unterschiedliches für uns. Darum hat Gott jeden und jede an seinen und ihren Platz gestellt. Dort ist Dein Ort, Ihr Ort der Nachfolge: Dort am Wegrand welche sehen, die niemand sieht. Aufrechte klare Worte finden, da wo Menschen unsere Gemeinschaft und lange und schwer zustande gekommene Solidarität zerbrechen wollen.
Die Nachfolge war bisher ein Spaziergang, glaube ich. Es scheint so, dass Zeiten kommen, wo unsere Stimme nötig ist, Menschen wieder einzuholen, die abgebrochen sind aus unserer Mitte. Menschen Einhalt zu gebieten, die Menschen heraus fischen wollen aus unserer Mitte, die nach hinten schauen und Lebensverhältnisse herbeisehnen, die wir nicht umsonst zurück gelassen haben. Kirche muss hier in die klare Nachfolge gehen. Nicht um ihrer selbst willen. Dafür wird Gott sorgen. Aber um unserer Gemeinschaft willen. Amen.
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