Samstag, 19. März 2022

Schlüsselfigur

Predigt am Sonntag Okuli


Als ich einen guten Freund und Studienkollegen das erste Mal in seiner hessischen Heimat besuchte, prangte über der Tür des Wohnzimmers ein großer Bilderrahmen, in dessen Mitte - feierlich gerahmt wie die Kronjuwelen der Königin - ein großer alter Schlüssel befestigt war. Er sah unheimlich kostbar aus. Ich lernte die sehr herzlichen Eltern kennen. Sie waren so wohltuend gastfreundlich. Einmal getraute ich mich zu fragen, warum in aller Welt sie einen Schlüssel über der Tür hängen haben. Ob er aus Gold sei? Ein Schatten fuhr über das Gesicht des Vaters, seine Frau klopfte ihm beruhigend auf das Knie. Dieser Schlüssel, so sagt der Vater des Freundes mit bebender Stimme und feuchten Augen, wäre der Schlüssel zu  seinem Elternhaus in Schlesien. Er selber hätte erlebt, wie sie hinaus getrieben worden wären und ohne etwas in der Hand Haus und Hof verlassen mussten. Dieses Stück seiner Lebensgeschichte hat ihn nie losgelassen. Er ist damit nie fertig geworden. Auch wenn er später gerne und froh mit seinem Sohn die alte Heimat anschauen fuhr und gute Wurst und guten Schnaps mitbrachte und sichtbar war, dass er ein neues gutes Leben in seiner neuen Heimat Hessen gefunden hatte.


Dieser Schlüssel kommt mir in diesen Tagen oft in den Sinn. Und ich sehe vor meinem inneren Auge Handtaschen und Jackentaschen, kleine Kofferseitentaschen und Bändchen um den Hals, Rücksackseitentäschchen und Aktenkofferfächer mit tausenden Hausschlüsseln nun verlassener Wohnungen. 

Ich stelle mit vor, dass sie sie mitgenommen haben auf diese Reise, die eine Flucht ist. Vielleicht, so wünsche ich es mir, werden aus diesen traurigen Schlüsseln, aus diesen Fluchtschlüsseln bald Wiederkommschlüssel, vielleicht sind es kleine Hoffnungsschätze in den Jackentaschen - Symbol der Heimkehr. Symbol für eine unauslöschlichen Sehnsucht nach einem Ende von Waffen und Gewalt. 


Ein Pfarrer erzählte einmal die Geschichte, dass ein kleiner Sohn in seiner Wohnung spielte und ein Kreuz fand. So ein Jesuskreuz. In handlicher Größe. Ohne Jesus. Nur das Kreuz. Er drehte es in seinen winzigen Händen hin und her. Schließlich ging er damit zur Haustür und steckte es in das Schlüsselloch. Als wäre das Kreuz ein Schlüssel. Und vielleicht ist es genau das. Der Schlüssel zum tiefen Verstehen von Gottes Liebe und dass Gott uns kein Leid wünscht.


„Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch gebracht habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.“ Jer 29, 10-14


Ivanka Groß lebt in Deutschland und ihr Mütterchen, wie sie zu ihr sagt, in der Ukraine. Tage und Tage hat sie ihre Mutter angefleht, doch bitte bitte ihre Heimat zu verlassen, in der es lebensgefährlich geworden ist. Sie hat nach Worten gerungen und hat Gott gebeten, die richtigen Worte zu finden, die das Herz der Mutter aufschließen könnten, den Koffer zu packen. Und dann, so erzählt sie, hat sie genau die Worte gefunden, die das Herz der Mutter bewegt haben. Ein Platz in einem Auto bot ihr der Pfarrer unerwartet am gleichen Abend an und sie ist nun in Sicherheit. Für sie wurde der Glaube zum Schlüssel. Er half ihr Worte zu finden, die wie Schlüssel zum Herzen der Mutter wurden. Und mit ihrem Schlüssel in der Jacke zog diese los in das Unbekannte. Der Schlüssel als Heimfahrtticket, als Zeichen, das sie wiederkomme. Als Handschmeichler, der an das gewohnte Schließen der alten Tür erinnert. Als Erinnerer an das Vertraute. Als Versprechen an die Heimat auf Wiederkehr. 


Menschen haben in Gebeten, Liedern, Ritualen und Gottesworten Schlüsselmomente ihres Lebens erlebt. Auch die englischen Frauen in der Liturgie vom Weltgebetstag erzählen davon. Lina fand Hilfe in ihrer Kirchengemeinde als sie plötzlich verarmte. Natalie fand Zuflucht als sie häusliche Gewalt erlebte und Emily fand neuen Lebensmut, nachdem sie einen Tumor überlebt hatte und gehörlos geworden war. Sie erzählt uns von dieser Gehörlosen-Gebärde „Hold on“ - Festhalten an Gott. Sie macht Mut zum Festhalten daran, dass Gott einen Plan hat, auch wenn man selber keinen mehr sähe. Zum Festhalten an der Hoffnung. Zum Festhalten an Gottes Zusagen. Darum lasst uns in allem Bangen. In allem Alltagsmühsal. In allem Suchen nach Ruhe von diesem Thema. In allem. In allem. Ganz im Grunde unseres Herzen Festhalten an Gott. So kann unser Herz standhalten, wenn das Leben Wellen schlägt. Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der halte unsern Verstand und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen.






SEGEN

 Segne doch,  Gott, 

all die vielen Hausschlüssel, 

in den Taschen und Koffern,

die Schlüssel zu den Wohnungen in der Ferne,

in die vielleicht nie wieder jemand zurück kommt.

Segne alle Fluchtschlüssel und Wiederkommschlüssel.


Segne doch,  Gott,

all die Schlüssel zu unseren eigenen Häusern und Wohnungen, 

dass wir selber es schaffen in Frieden zusammen zu leben,

dass wir Gastfreundschaft leben und von Herzen empfangen.


Segne doch, 

Gott,

alle SchlüsselWorte,

die ein Herz aufschließen können

oder fest geschraubtes lösen

oder verhärtetes aufschließen.


Segne uns,  Gott,

dass wir für andere zu einer Schlüsselfigur 

der Hoffnung, des Vertrauens, 

des Mutes oder der Aufrichtigkeit werden können.


So segne uns und unsere Nächsten. Amen.


Freitag, 18. März 2022

Filmsequenzen...

Er war doch erst 18. Trotzdem musste er schon in den Krieg. In einen sinnlosen Krieg. Zog die dunklen Kriegskleider an. Wurde einfach heraus gerissen aus seinem jugendlichen Leben auf dem kleinen Dorf. Durchgeschüttelt kam er an die Front. Um dort auf Menschen zu schießen, die er nicht kannte. Doch es lief nicht gut. Kurz vor Königsberg. 1944. Bei einem Rückzug in eisigen Wintertagen erfroren seine Zehen und mussten amputiert werden. Neulich schaltete er irritiert den Fernseher aus. Dies könne nicht sein. Diese Kriegsbilder seien sicher nur ein Film, so meinte er. So verrückt wäre doch keiner. Nicht schon wieder. Kopfschüttelnd saß der 95jährige in seinem Sessel. Nachts würde er wieder Alpträume haben. Wenige Tage bevor er die Augen für immer schloss. Seine Wunden heilten übrigens nie zu.

Donnerstag, 17. März 2022

... von der Marter aller....

 Erstanden


Diszipliniert und gerade liegt er in seinem Krankenbett. Der dunkelblaue Trainingsanzug sitzt tadellos an seinem großen schlanken Körper, als würden auf den Schultern noch immer die silber geflochtenen Schulterstücke sitzen. Er versprüht Lebensenergie und Optimismus. Der ehemalige NVA-Major erzählt leiser werdend von seiner Operation so nahe am Herzen. Seine Zukunftssorgen erzählt er halb und halb schluckt er sie runter. Er wäre ja Optimist. Immer wenn er mich anschaut und ihm das Wort „Pfarrerin“ auf meinem Namensschild ins Auge fällt, werden seine Züge weicher. Seine Augen verschwimmen und aus tiefster Erinnerung holt er - komplett verschüttet hinter Jahrzehnten von Gehorsam, Befehlen und Galgenhumor - Zitate aus seiner Konfirmandenzeit hervor. Von der schlesischen Heimat erzählt er. Und von der Lausitz, in der er aufwuchs. Und dass er das als Offizier zurück lassen musste. Immer wieder kommen ihm Fetzen alter Lieder oder Bibelverse in den Sinn. Wie einmal von jemandem in ihn gesetzte Bojen. Auch vom Tod seiner Frau erzählt er. Da muss er zur Seite blicken, um sich wieder zu fassen. Plötzlich geht ein Ruck durch ihn. Jetzt hätte er es wieder! Und dröhnend singt der Major den alten Osterhymnus „Christ ist erstanden von der Marter aller…“, mit allen Strophen, „ wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen..“ Es ist als würde dazu sein Herz salutieren. „Christ will unser Trost sein!“ Es klingt über die ganze Station. Als wäre ein alter Quell in ihm aufgebrochen. Er räuspert sich. Schluckt, als ich ihm zum Abschied Segen wünsche und nickt nur. Ganz ohne Schulterstücke. 



     (Foto: DHM)

Samstag, 5. März 2022

...vom "hold on"

 

                                                                                                                                                                                                                                        (Foto: David Young)

Predigt zum Friedensgottesdienst

Lesungstext: Phillipper 4, 6-9:

„Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren. Weiter, Brüder und Schwestern: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht! Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.“


So sagen wir es immer am Ende der Predigt.

„Und der Friede Gottes, 

der höher ist als alle unsre Vernunft…“

Der Friede ist wohl wirklich höher als alle Vernunft.

Sehr oft sogar. Höher als unsere eigene Vernunft.

Er verlangt von uns, Dinge zu unterlassen:

Etwas nicht zu sagen.

Etwas nicht zu tun.

Obwohl wir es könnten.

Obwohl wir die Macht und die Gelegenheit hätten.

Obwohl wir es sagen könnten.

Obwohl wir drein schlagen könnten

- keine Frage. Könnten wir oft.

Aber wir tun es ganz bewusst nicht.

Meistens.

Oft leider doch.

Nach unserer Vernunft 

scheint es uns erlaubt und angesagt.

Der Friede Gottes jedoch schaut weiter.

Er folgt nicht der Logik von Stärke durch Macht.

Er will, dass wir Böses lassen.

Und das könnten wir tatsächlich 

und würden eigentlich nichts verlieren.


Der Friede verlangt von mir 

nicht nur mich selbst zu sehen.

Sondern die anderen zu sehen.

Zusammenhänge zu sehen.

Die Auswirkungen meiner Worte zu sehen

und meines Handelns.

Der Friede verlangt von mir, 

der Gerechtigkeit nicht im Weg zu stehen.

Und das meint nicht eine Auge-um-Auge-Gerechtigkeit,

sondern Leben für jeden und jede - Gerechtigkeit.

Ich bin nicht immer gut im Frieden halten.

Ich bin leider nicht immer gut im Unterlassen

von bösen Worten und unnützen Kommentaren.

Aber meistens - nicht immer - schaffe ich es, 

wenigstens die rote Grenze nicht zu überschreiten,

wo meine Worte und Taten Schmerz und Tod bringen.


Was wir gerade erleben ist,

die maximale Überschreitung der Grenze

des Anstands, des Lebens, der Vernunft, 

der Gerechtigkeit, des Aushaltbaren.

Das was wir alle gerade miterleben ist unerträglich falsch.

Es ist nicht richtig. Wie jeder Krieg nicht richtig ist.


„Könnten sie doch hören, was Gott der Herr redet,

dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,

auf dass sie nicht in Torheit geraten.“ 

Ruft der Psalmbeter verzweifelt.

Und gerade rufen es so viele auf den Straßen,

mit Worten und mit Taten. Sie rufen nach Frieden.

Es sind jeden Tag mehr.

Aber es sind auch jeden Tag mehr Opfer.

Es hört einfach nicht auf.

Denn wir haben längst falsche Wege eingeschlagen.

Und können nun nicht umkehren.

Gewalt und Waffen.

Wettrüsten und um die Wette wirtschaften.

Das gilt als normal.

Aber haben wir vergessen, wer wir sind?

- doch Gottes Salz der Erde!

Seine Lichtbringer!!

Wir sollten doch keinen Scheffel über unser Licht stellen,

so heißt es in der Bibel.


Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, 

das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.

Was auch immer wir tun können,

sollten wir jetzt tun.

Im Sinne des Friedens:

    • unterlassen was kaputt macht,
    • nicht den Hass und die Abscheu unser Herz regieren lassen
    • teilen
    • da sein
    • beten
    • und hoffen. Glauben. Festhalten >hold on<

Das ist unser Auftrag. Amen.


Und der Friede Gottes, der viel höher ist als unsere Vernunft,

 

bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen. 


Weiße Tauben. Ein Lied. (draufklicken)

Samstag, 19. Februar 2022

 ... von Sätzen, die schmerzen

Predigt für den 20. Februar 2022





Wie ein Same auf fruchtbares Land fällt

oder manchmal nur auf auf Steine,

so tun das auch Worte.

Wie ein Stein im Wasser Ringe wirft

und Kreise zieht,

so tun das auch Worte in unserem Leben.

Sie wirken und sie ziehen Kreise.


Eine Abendszene:

Ich schalte den Fernseher etwas zu früh ein und unbeabsichtigt 

taucht noch die letzte Szene einer Trickfilmserie auf. 

Sie erzählt die fiktiven und absurden Abenteuer 

einer komischen gelbköpfigen Familie namens Simpson. 

Und just in dem Moment als wir einschalten scheitert 

der Familienvater  Homer Simpson an einem Wettlauf. 

Keuchend sagt er so etwas melodramatisches wie, 

dass mit 52 das Leben eben vorbei wäre und die Gesundheit im Eimer. 

Mein Mann neben mir zuckt zusammen. 

Er ist - ihr ahnt es - 52! 

Und gerade im jenem Moment ging es ihm gesundheitlich nicht gut. 

Alles klar: er ist ja auch 52! 

Noch tagelang wird er diesen Satz kopfschüttelnd zitieren. 

Halb im Scherz. Aber nur halb. 

Was hier zum schmunzeln ist, geht tiefer. 

Trifft auf unsere Verletzlichkeit und Angst vor Vergänglichkeit, 

vor dem Altwerden, abgehängt sein, nicht gewollt sein.  

Ein Wort, das seine Ringe zieht, unbeabsichtigt. 

Das irgendwo plötzlich Wurzel schlägt. 

Ein Scherz. Und irgendwie doch keiner. 


Die Szene erinnert mich an etliche Menschen, 

die ich im Klinikum besuchte und die mir gleichlautend erzählten, 

wenn man 50 wäre, da wäre es vorbei, das würde man merken, 

ein echter Knick im Leben, ab da ginge es abwärts 

- so würde man doch sagen  - und nun hätten sie den Beweis,

 sie wären im Krankenhaus gelandet. 

Manchmal klingt es scherzhaft und sie lachen, 

aber es beißt sie trotzdem ins Herz, 

das fühle ich und es verbreitet Unsicherheit in ihnen.


Es gibt solche Worte, die plötzlich hängen bleiben.

Ein Satz, der - zack - in eine Falte deiner eigenen Befindlichkeiten fällt, 

in eine Laune, in eine dir oder den anderen unbekannte oder bekannte Schwäche, 

in Ungeschütztes - der plötzlich Verheerendes anrichtet und Gift versprüht. 

Worte wie ein Gerichtsspruch - Worte, die oft nie so gemeint waren, 

vielleicht sogar aus Liebe gesprochen, 

von Dir nahe Stehenden oder völlig fremden Menschen 

- solche Sätze gibt es auch in meinem und Deinem Leben. 

Einmal hat einer einen Satz gesagt, 

vielleicht nur nebenbei. 

Es kann ewig her sein. 

Aber für Dich wurde er ein Hauptsatz.


„Du bist fett!“, sagte einer

- und ihr Körper wurde ihr für lange Zeit fremd.

„Du hast merkwürdige Waden!“, sagte er kichernd

- und sie trug keine Röcke mehr, niemals, denn 

er hatte es gesagt, da war sie 14

und hatte noch keine dicke Haut, 

die solche Sätze abprallen ließen.

Andere haben anderes gesagt, aber dieser eine Satz war es, der blieb. 

Er wurde ein Faktum in ihrem Leben.

„Du bist eine schlechte Mutter“, schrie jemand,

und fortan fühlte sie sich ungenügend.

„Das können Frauen nicht“ oder:„das ist nichts für Männer“,

sagten sie und Zukunftspläne wurden forever gestrichen.

„Du bist unmusikalisch“, attestierte ihm jemand 

und er schloss seine Liebe zur Musik tief in sich ein.

 „Du machst alles falsch“, sagten sie immer wieder 

und ab da konnte er nichts mehr richtig machen, 

als wäre er allein nur so ungeschickt und alles nicht ausreichend, was er tat.

„Du gehörst hier nicht hin“ sagte einer, vielleicht nur nebenbei 

- aber das Gefühl von Fremde blieb.

„Das wirst du nie schaffen“ wurde ihm immer wieder gesagt 

und obwohl er den Satz nicht mehr erinnerte, 

blieb er immer schüchtern und musste sich schwer zwingen, 

Sachen anzugehen. Dass es diesen Satz gab, hatte er da vergessen.


Worte wie Schwerter. Sätze, die etwas bewirkt haben.

Oft sogar unbewusst. Manchmal schmerzhaft bewusst.

Sie stecken fest. Immernoch. Manche werden wir irgendwann los. 

Andere nie so richtig - obgleich es so viele Argumente dagegen gibt 

und FÜR die eigene Schönheit und FÜR sich selbst. 

Und doch haben diese Worte Kreise gezogen,

Ein Funke, kaum zu sehen, entfacht doch Flammen.

Sätze, die mich einschränken, betrüben, bewerten

- sie stecke geradezu wie ein Schwert

in meinem Sinn.

„Ich will dich nie wieder sehen“ und  „das ist deine Schuld.“

Sätze wie Rasierklingen,

sie bekommen Macht

die Du ihnen nicht über Dein Leben geben wolltest.


Und dazu kommen die

Phantomschmerzen 

aller nicht gesagter Sätze.

Das fehlende „Ich liebe dich“ und „ich glaube an dich“ und

„du machst das einfach gut“ und  „ich bin beeindruckt von dir“,  

„ich finde dich schön“ - ersehnte, nie gefallene Sätze.

die fehlen und deren Fehlschmerz  ebenso bleibt.


Natürlich gibt es auch die warme Decke aus Sätzen, 

die Dich im Leben tragen. 

Die Dich Mensch sein lassen. 

Über solche Sätze reden wir oft. 

Wie wichtig sie sind. Wie gut sie sind. 

Wie sie unser Leben tränken und stabilisieren. 

Sicherheitssätze und Mutsätze. 

Trostsätze und Aufschau-sätze. 

Über diese anderen Sätze reden wir eher selten.


Das alles sind Menschensätze. Menschenworte.

In aller Unbeholfenheit gesagt.

Weil wir manchmal mit dem Herzen sehen können 

und manchmal überhaupt nicht.


Und dann gibt es Gottes Worte.

Die Bibel sagt: "Gottes Wort ist voller Leben und Kraft. 

Es ist schärfer als die Klinge eines beidseitig geschliffenen Schwertes, 

dringt es doch bis in unser Innerstes, bis in unsere Seele und unseren Geist, 

und trifft uns tief in Mark und Bein. 

Dieses Wort ist ein unbestechlicher Richter über die Gedanken 

und geheimsten Wünsche unseres Herzens. 

Gottes Augen bleibt nichts verborgen; vor ihm ist alles sichtbar und offenkundig." (Heb 4, 12-3)


Solche Gottesworte kannst Du in der Bibel lesen 

oder sie hier in der Kirche mit anderen zusammen hören.

Sie stehen auf einem Plakat am Wegrand, 

suche sich ihren Weg in Dein Ohr in einem Song. 

Solche Gottesworte liest Du in einem Brief 

oder Du weißt sie plötzlich mit klarem Geist.

Machmal schleichen sie sich in Dein Leben. 

Manchmal gehen Dir solche Worte durch Mark und Bein. 

„Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht“, 

sagt Gott, und „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir.“

„Ich halte dich!“, sagt Gott.

 

Viele dieser Sätze fliegen einfach vorüber.

Wie ein Schwarm Vögel.

Manchmal aber setzt sich so ein Vogel auf Deine Schulter.

Manchmal legt sich so ein GottesWort auf Dein Herz 

oder geht Dir unter die Haut.

Manchmal zerschlägt es endlich den Stein und wurzelt langsam in Dir

und alte Urteilsworte und ungewollte Überschriften Deines Lebens verblassen.

Manchmal findet ein Gotteswort genau die Stelle in Dir, 

die es gebraucht hat, als wäre es genau für Dich gesagt. 

Wann dies geschieht, das ist Dir unverfügbar.

Es passiert. 

„Sprich nur ein Wort und meine Seele wird gesund.“, 

heißt ein altes Gebet, das sich an eine Jesusgeschichte anlehnt.


Gott, Du hast Worte die niemand hat.

Du hast unendliche Worte,

wortlose Worte.

Sprich nur ein Wort. 

Meine Seele kann gesund werden.

Amen.


Und der Friede Gottes höher ist als unsre Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß 

und stärke unsre Liebe. Amen.



Samstag, 22. Januar 2022

...zur Jahreslosung 2022...

 

Der Gedanke könnte Dein Brot sein. 


Wer zu mir kommt,

den werde ich nicht abweisen.

So kenne ich Gott.

Das wundert mich nicht.

Das wundert Dich nicht.

Gottes Offenheit

ist doch ein Teil von ihm.

Seine immer-Bereitschaft für mich

- ist ja gerade das tröstliche an allem.


Wer zu mir kommt,

den werde ich nicht abweisen.

Das klingt so wohltuend.

Ich könnte uns jetzt eine Predigt halten,

darüber,  was für ein wundervoller Gott er ist.

Ich könnte Dir sagen, 

dass es für ihn keine Grenzen gibt zu Dir.

Dass nichts zwischen Dir und ihm stehen kann.

Von seiner Seite her

sind alle Türen für Dich weit geöffnet.

Seine Augen und sein Herz.

Der Vater mit den offenen Armen,

der auf Dich wartet jederzeit.

Der sich all Deine Kümmernis anhört.

Du bist erwünscht und erwartet.

Das könnte ich Dir alles sagen und es wäre schön, 

es zu hören und Du würdest nicken. 

Aber das weißt Du ja eigentlich schon.

Das weißt Du!

Das hast Du vielleicht auch so erlebt.

Dass es eine offene Tür gibt zu Gott, wenn DU ihn rufst.

Wenn Du zu mir kommst,

dann werde ich  Dich nicht abweisen.


Wenn wir die ganze Geschichte hören, 

in der Jesus diesen Satz gesagt hat, 

dann bekommt er allerdings 

noch eine ganz andere Richtung. 

Die Menschen erwarten einen 

Alles-wieder-gutmach-Zauberer.

Einen König, der mit den Fingern schnipsen kann. 

Jesus hatte ja auch tausende Menschen satt gemacht

bei einem Speisungswunder.

So reisten sie ihm hinterher und baten ihn 

um noch mehr solches Zauberzeugs. 

Dann würden sie ihm glauben.

Wer weiß? Vielleicht könnte er alles besser und schöner,

heiler und gesünder, reicher und unbeschwerlicher zaubern.

Das wäre ja mal ein Gott nach ihrem Geschmack!

Simsalabim und schnips. 

Jesus sagte ihnen, dass es nicht um solche Zaubermomente geht. 

Es ginge ihm um ganz andere Zaubermomente.

„Gott hat Euch doch Brot vom Himmel geschickt“, sagt er. 

Und breitet seine Arme aus.

Noch immer verstehen sie nicht.

„ICH!! Ich bin das Brot.“

Sie schauen überrascht.

„Hier geht es nicht ums Zaubern.

Es geht hier um das, was ich mit euch lebe.

Ich sitze mit Euch an einem Tisch. Und zwar mit jedem von Euch. 

Auch mit denen, die niemand an seinem Tisch haben will. Versteht ihr?

Das ist mein Brot, das Euch nähren soll. 

Das Brot Gottes.

Es soll Eure Seelen und Sinne nähren.

Es soll Euch innerlich neu aufstellen.

Euch öffnen.

Euch Mut machen.

Es soll euch innerlich verwandeln. 

Das ist das Brot!!“


Eine Schweizer Kollegin hat kürzlich in einer Kunstaktion einen alte Kanzel 

mit einer Motorsäge zersägt. Die Kanzel, auf der Reden gehalten wurden. 

Reden von Gott. Monologe. Sie hat sie mitten durch gesägt. 

Und dann hat sie mit Jugendlichen daraus einen Tisch gebaut. 

Und nun gibt es einen Monat lang keine Predigten in ihrer Kirche, 

sondern sie sitzen zusammen. Sie hören sich zu. 

Sie laden ein - an den gemeinsamen Tisch. 

Sie zelebrieren, sie leben Gemeinschaft, 

die nicht durchs Reden einer Einzelnen entstehen kann. 

Sie kann nur durch gemeinsames Tun entstehen. 

Durch Türen, die in Mauern geöffnet werden.

Mauern, die aus Angst und Gewohnheit bestehen, 

aus Überforderung und Unwissenheit, aus Vorurteilen.


Schau dieses schöne Motiv von Stefanie Bahlinger zur Jahreslosung:







































Ein Raum irgendwo.

Eine offene Tür.

Licht fällt durch die offene Tür hin zu mir.

Drinnen werde ich erwartet.

Der Tisch ist gedeckt.

Hier oben hängt der Schlüssel.

Er erinnert an ein Kreuz

und die Mühsal des Öffnens. 


Hier könnte mein Herz einkehren

und wäre erwartet.


Und wäre dies die Tür meines Herzens,

könnte man hier eintreten.

Ich könnte für den anderen oder die andere

ein Ort der Geborgenheit sein.

Selbst erfahrene Gastfreundschaft weiter geben.

Andere nicht abweisen,

weil ich nicht abgewiesen wurde bei Gott.

Selbst erfahrenen Trost weiter geben.

Andere einladen,

weil ich mich eingeladen weiß bei Gott.


Ich bin das Brot, das vom Himmel kommt.

Sag Jesus.

Wenn Du dieses Brot isst- 

meine Worte,

meine Lebensworte,

dann wird es Zaubermomente geben.

Für Dich und andere.


Wer zu mir kommt,

den werde ich nicht abweisen.

Wenn Du zu mir kommst,

dann werde ich  Dich nicht abweisen.


Spruch für das Jahr 2022.


Zum Räume öffnen,

zum Herzen öffnen,

zum Türen bauen in Mauern.

Nimm dies mit.

Es ist Brot vom Himmel.

Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß 

und stärke unsre Liebe. Amen.

Freitag, 31. Dezember 2021

.... vom Feld "zwanzig-zwo-eins"

 Gedanken zu Silvester 2021

Gebet:

Gott, das alte Jahr liegt hinter mir, wie ein voll gemaltes Blatt. 

Ich habe mich eingezeichnet in das Leben. Habe Großes und Kleines erlebt. 

Mal fuhr der Stift zügig und befreit über das Blatt. 

Dann wieder wirbelte er in nervigen Kreiseln. 

Viele LebensLinien haben die meine gekreuzt. 

Ein Gemälde ist entstanden, wie es ich mir nie hätte ausdenken können. 

Es ist genau so wertvoll. Genauso wie es ist. 

Selbst die Stellen, die vor mühsamen Gekritzel etwas durchlöchert sind. 

Es ist voll. Voll Fülle. Voll Leben. In jeglicher Art. 

Und ich habe das geschafft. Das alles. 

Und du warst die unsichtbare Spur, Gott. 

Der Untergrund auf dem ich schreibe. 

Auch dieses Jahr ist aufgeschrieben in dein Buch des Lebens. 

Es ist eingeheftet in die vielen Seiten meiner Lebensgeschichte 

und in das dicke Buch aller Menschen zu allen Zeiten. 

Du nimmst jede Seite mit liebevoller Barmherzigkeit in Deine Hände. 

Schaust stolz auf die kräftigen Linien. 

Und streichst zärtlich über alles Wirre und Unschöne. 

Habe Dank. Habe Dank. Habe Dank. 

Gott, das neue Jahr liegt vor mir, unberührt wie ein weißes Blatt. 

Ich setze den Stift an und zeichne jetzt los. 

Welches Bild wird sich wohl für das neue Jahr ergeben? 

Was wird groß sein und bedeutend? Was klein und unscheinbar?

Gott, gib Du mir die Kraft, die Mine aufzusetzen.

Gib Du mir die Freiheit, mich auch mal zu verzeichnen. 

Gib Du mir den Mut, mit meinen Strichen das Blatt zu füllen. 

Führe Du meine Hand und begleite mich in das neue Jahr. Amen.


(nach eine rIdee von Katharina Zoe Vetter)



Lesung: Jesus sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten? Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune. (Mt. 13 )








Predigt:

Jesus läuft über die Äcker meines Lebens. 

Er steht vor meinem zuletzt bepflanzten Feld:

„Zwanzig-zwo-eins“. 

Es ist über und über bewachsen. 

So richtig gefüllt. Kein Platz mehr.

Mit all den Pflanzen meiner Tage und Stunden,

meines Tuns und Nichttuns.

Da gibt es Pflanzen, die sind wie aus dem Himmel.

Die mag ich besonders.

Himmelreichblumen.

Tatsächlich. 

Sie sind wie mit feinen silbernen Fäden am Himmel fest gemacht. 

Das müssen ganz besondere Momente gewesen sein.

Glücksmomente. Lachen. Lob. Freude. Liebe.

Es sind viele.

Dazwischen wächst lauter anderes Zeug.

Alltagspflanzen. 

Kleine, abgebrochene, dicke Überwuchernde, 

viele viele gleiche  „Jeden-Tag-das-selbe-Blumen“.

Überraschungsblümchen.

Klammernde Rankelpflanzen.

Bittere Früchte und Zweige mit Dornen.

Das Feld lockt zum Aufräumen.

Ich greife entschuldigend nach einer Hacke.

Jesus legt sie wieder weg und nimmt mich bei der Hand.


Er sagt: „Manche Deiner Tage behandelst Du wie Unkraut! 

Als wären sie nicht das, was Du von ihnen erwartet hast.  

Die Einschränkungen Deines Lebens: Unkraut.

Die Fehler, die Du wieder gemacht hast: Unkraut.

Dein Unvermögen in manchen Dingen, da, wo Du 

ungeschickt warst, unaufmerksam, unhöflich: alles Unkraut. 

Überhaupt alles Unglück und Unbill, alle Plagen und Nöte, 

Schmerzen und Bitternis, Verzweiflung und Wut: Unkraut.

Jedes zu viel gegessene Sahneschnittchen: Unkraut.

Das, was Dir versagt blieb, was Du nicht bekommen hast, 

was Dir nicht vergönnt und was vergeblich war: Unkraut. 

Schlechte Kritik, unbeachtet geblieben, 

abgewiesen worden, alleine gefühlt: Unkraut. 


Du hast gute Samen in Deinen Acker gelegt.

Aber als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, 

da fand sich auch das ‚Unkraut‘.“


„Ja“, sage ich „manchmal habe ich mir keine Mühe gegeben.“ 

„Es lag nicht alles in Deiner Hand.“, 

unterbricht er mich und schaut mich direkt an. 

„Und wenn Du jetzt an einer der Pflanzen ziehst, 

würdest Du alles andere mit heraus reißen. 

Siehst Du diese Dornenhecke - das war eine böse Krankheit, 

die Du hattest, aber die zwei zarten Himmelsblumen, 

die dort heraus ranken, sind nur in ihrem Schutz empor gekommen, 

aus dem Grasballen deines Jedentaglebens. 

Jede Pflanze hier hängt mit einer anderen zusammen. 

Das da ist lauter Aber-Aber-Moos. 

Es hält das Wasser gut an der Oberfläche 

für diese die zarten Entschuldigungen von dir.

Diese abgebrochene Pflanze da hinten 

war ein falsches und verletzendes Wort von Dir, 

aber es hat hier Licht gemacht für einen neuen Zweig. 

Denn Du bist eine andere geworden nach diesem Wort und Deiner Scham darüber.

Jede noch so winzige und Dir vielleicht unwichtige Sekunde deiner Tage 

hat hier ihren Platz. Das Feld ist bestellt. 

Himmelreichpflanzen wachsen niemals auf einem freien Feld alleine. 

Sie brauchen die langweiligen Stunden-Sprösslinge 

und die vor-den-Kopf-hau-Äste für Schatten und Halt. 

Aber noch ist nicht Erntezeit. Ganz am Ende. 

Am Ende aller Tage und Felder Deines Lebens vielleicht. 

Dann wird es einmal eine Ernte geben. 

Und da wirst Du Dich am UnkrautFeuer Deiner Alltagsstunden wärmen können. 

Und die Himmelsblumen werden zu eine Spur werden - direkt zu mir. 

Weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges kann Dich jemals trennen von mir.“ 


Und er lässt meine Hand wieder los, nickt den Pflanzen zu, 

als würde er jede einzelne kennen und schlendert davon. 

Und ich finde: es darf alles so bleiben. 

Ein neuer Acker liegt vor mir. 

Wie immer sind meine Taschen voll mit Samen. 

Wie immer will ich unbedingt, dass es schön wird. 

Besonders schön. 

Und wie immer werde ich pflanzen und andere aber auch. 

Und wie immer wird genug Wasser da sein und genug Platz. 

Wie immer wird die Erde voll Segen sein. 

Wie immer werden silberne Fäden vom Himmel hängen. 

Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe.




... passt auf Eure Liebe auf...

  Predigt am 19. Juli in Stendal Predigttext Hebräerbrief 13, 1-3: Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.  Vergesst ...