Predigt
zum 600. Jubiläum von St. Wenzel Naumburg
Wie lieblich
sind deine Wohnungen,
HERR Zebaoth!
Meine Seele verlangt und sehnt sich
nach den Vorhöfen
des HERRN;
mein Leib und Seele freuen sich
über den lebendigen
Gott.
Selig,
die wohnen in deinem Haus,
die dich allezeit loben.
Selig
die Menschen,
die Kraft finden
in dir
und von Herzen
dir nachwandeln!
Wenn sie
durchs dürre Tal ziehen,
machen sie es zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
Auf Schritt und Tritt
empfangen sie neue Kraft…
Jahrhundert um Jahrhundert
Singen sie das, die Menschen.
Jahrhundert um Jahrhundert
zuerst ausschließlich mündlich übertragen
im Singen und Beten.
Ein Wallfahrtspsalm.
Für die eigene Lebensreise. Der sagt:
„Gott, bei Dir ist es am Schönsten.
Ich reise nur mit Dir.
Dein Haus ist meine Raststätte, meine Tankstelle,
meine Herberge, eine Bleibe.“
Jahrhundert um Jahrhundert
Singen sie das, die Menschen.
Wie lieblich sind mir Deine Wohnungen
Ein Tag bei dir ist besser als sonst tausend
Weißt Du, wie lange schon?
2500 oder sogar 3000 Jahre gibt es diese Worte.
Wie lieblich sind mir Deine Wohnungen.
Oh, selig sind die Menschen, die Kraft finden in dir!
Auf Schritt und Tritt, step by step, kommt die Kraft.
So wie Du sie brauchst.
In die Sprache eingelebte Erfahrungen von Menschen
vieler Generationen.
Vor allem gesungen haben sie den Psalm.
Auch hier in Naumburg! Seit 600 Jahren.
Und 800. Vermutlich schon davor.
Auf der Wiese, dem Acker, der hier vielleicht mal war.
Vielleicht unter einem Baum.
Dann vielleicht in einer Hütte,
in größer werdenden Mauern.
Und dann in diese Mauern hier, an diesem Ort.
Es ist, als könntest Du diesen Gesang aus den Mauerritzen pulen,
so oft haben Menschen diese Worte hinein gebetet:
Wie lieblich sind mir Deine Wohnungen!
HERR, du allmächtiger Gott, höre mein Gebet;
schenk mir ein offenes Ohr, Gott Jakobs!
Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.
Ich will lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes als zu wohnen,
wo Gottlosigkeit herrscht!
(Mikro aus, nach vorne, Mikro an)
Wie mag es gewesen sein,
auf dieser Schwelle. Vor 600 Jahren…
Hier drinnen herrscht Gedränge.
Niemand will es verpassen.
Ganz Naumburg, ja scheinbar die halbe Welt ist auf den Beinen.
Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.
Ich will lieber an der Schwelle stehen
im Haus meines Gottes als zu wohnen,
wo Gottlosigkeit herrscht!
Gott ist ein neues Haus gebaut. Hier.
Eines, das nicht der Dom ist, eines für die Bürger und Bürgerinnen
in ihrer großen Unterschiedlichkeit, auch Einfachheit, Buntheit.
Ein Gegenpol vielleicht sogar.
Eine Leute-kirche. Eine Kirche für die Leute.
Als wolle man mit solchen Mauern und Altären festhalten,
was sonst unsichtbar ist, was Du vor allem spürst, hoffst und ahnst,
das in den Falten Deines Vertrauens wartet,
das unausrottbar in den letzten Winkeln deines Herzens
immertapfer die Lampe hält,
das Immerlicht.: Deinen Gott.
Für Gott haben sie das Haus gebaut oder eher für sich
und dann, wenn sie Gott suchten.
Wenn sie herkamen und beteten:
Gott, höre mein Gebet; schenk mir ein offenes Ohr, Gott Jakobs!
Dürre Zeiten kannten sie. Hier würde ihr Quellgrund sein.
Denn was sollte gelten in einer Welt der Stärkeren gegen die Schwächeren.
Es sollte gelten, dass Gott auch mit den Schwachen ist.
Kaum war die Kirche fertig, brannte sie innen nieder.
Sie bauten sie wieder auf. Einmal wurde sie sogar Lazarett.
Sie blieb Haus Gottes.
Wie ein dringend nötiges Lebensmittel haben die Menschen
fortwährend dafür gesorgt.
Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend.
Ich will lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes als zu wohnen,
wo Gottlosigkeit herrscht!
Ich stelle mir vor, wie wir heute 2026 an der Schwelle stehen könnten,
um der Gottlosigkeit zu entkommen. Gottlosigkeit?
Gottlosigkeiten äußern sich in allem, was dem Leben Schaden antut.
Mit Hand oder Wort. Das vergisst,
dass Jesus die Menschen von außen in die Mitte holte,
die Schwachen nach vorne stellte, die Kleinsten in die Mitte.
Der die Letzten die Ersten sein ließ
und die Fremden seine Barmherzigkeit erfahren.
Der lehrte, dass die ihm nachfolgten,
später zusammen eine Leutekirche seien, ein Ort für alle.
Gerade könnte man wirklich mit angehaltenem Atem
an der Schwelle stehen zur Wohnung Gottes, hier und anderswo.
Fast eine rebellische Nachricht scheint das in diesen Tagen:
Gottes Liebe ist universal gemeint! Menschen sind würd - voll.
Wer das angreift und beschädigt ist draußen – draußen aus Gottes Wohnbereich.
Drinnen in diesem Wohnbereich ist der Quellgrund der Nähe und des Ansehens
durch Gott und seine Menschen.
Quellgrund für ein Zusammen, ein Wir, das voll Fürsorge ist.
Das ist der Auftrag des Herrn an uns!
Wie standen sie vielleicht staunend auch damals vor diesen Worten:
Selig sind die Barmherzigen… die sie endlich in Deutsch gesprochen hörten,
die sie endlich verstanden.
Eine erste Wurzel dafür, dass ein Weg begann,
die Starken und Schwachen unter ein einziges Dach zu holen
in ihrem Aufeinandergewiesensein.
Ein Haus zu bauen der Gebete und des Brotbrechens
und der Mitmenschlichkeit.
Die Fundamente liegen hier und anderswo in den Wohnung Gottes.
Wer ein Gotteskind ist, der findet hier Kraft und Mut
und der wird diese mit in das Leben außerhalb dieser Mauern tragen,
sie haften an ihm oder ihr als Boten der Liebe Gottes, da haben wir gar keine Wahl.
Und das ist in diesen Tagen leicht und schwer zugleich.
Hier aber findest Du Worte, die Dir sagen,
wo die Kraft und die Ausdauer dafür herkommt,
hier beten sie schon hunderte Jahre:
Selig die Menschen, die Kraft finden in dir und von Herzen dir nachwandeln!
Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, machen sie es zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen. Auf Schritt und Tritt empfangen sie neue Kraft,
bis sie vor Gott auf dem Berg Zion stehen.
Und wenn Du diese Kirche nachher verlässt,
dann soll in Dir und mit Dir hinaus klingen,
was die Wallfahrer auf der ganzen Welt sangen:
Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild;
der HERR schenkt Gnade und Ehre.
Er wird kein Gutes mangeln lassen denen,
die aufrichtig sind.
HERR Zebaoth, selig der Mensch, der auf dich vertraut.
In diesem Vertrauen rufen wir: Komm, lass mich nicht länger warten,
Komm, du sanfter Himmelswind, Wehe durch den Herzensgarten!
Gleich wird das hier jemand singen.
Denn dies ist ein Gottesdienst, hier danken wir,
hier werden wir still in Demut, hier darf Gott alles hören,
hier gehen Menschen hoffnungstrotziger hinaus. Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist, als unsre Vernunft,
der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß
und stärke unsre Liebe. Amen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen