Predigt von einer, die Jesu Wege kreuzte
Predigttext: Mt 15, 21-28: Und Jesus ging weg von dort und entwich in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.
Für die Menschen von hier kam ich sicherlich aus einer anderen Welt. Der Stadtwelt. Der Universitätswelt. Meine Welt traf auf ganz andere Lebenswelten.
Die des alten Müllers, der zwei Kriege überlebt hatte und über 100 Jahre alt wurde, die größten Hände der Welt hatte und noch bis zu seinem Tod seinen Garten versorgte und betete und sang mit der Tenorstimme eines 20jährigen. Seine Lebenswelt hätte nicht unterschiedlicher sein können, aber ich staunte immer wieder über die Tiefe seines Glaubens. Oder Hans mit seinem großen Bauernhof, Hühner, Tauben, Schweine, die Feldarbeit. Der Segen, den er über das Feld sprach. Oder Kurt, der jeden Traktor quasi blind reparieren konnte und bei dem es Tischgebete gab und eines je morgens und abends am Bett. Unsere Lebenserfahrungen wären auf den ersten Blick nicht kompatibel gewesen. Und doch wurde ich so froh, dass unsere Wege sich gekreuzt hatten. Sie wurden echte Lehrer für mich. Lebenslehrer.
So wie Elfriede, die lange Lehrerin war und alleinstehend und die sich als Christin in der Schule durchbeißen musste in der DDR, Gisela, die mit der ganzen Frauenmeute mir geduldig ein altes Volkslied nach dem anderen beibrachte und mich lehrte, aus wie vielen ein tiefer Glaube heraussprach. Eines, ein Wanderlied, sagte sie immer, würde sie gerne zu ihrer Trauerfeier gesungen bekommen. Und Monika, die den Handwerksbetrieb ihres Mannes mit führte, so treu an seiner Seite, Zeit für viel Privatleben war da nicht und dennoch war sie eine der lebenslustigsten und gläubigsten Frauen, die ich kennengelernt habe. Sie wurden mir Lehrerinnen. Lebensfreudelehrerinnen.
Auch Ibrahim. Unsere Wege kreuzten sich nur, weil er aus seiner Heimat flüchten musste. Alles war anders an ihm. Sein Umgang mit Gefühlen, seine Art zu lachen, Wann man schlafen ging, wie schnell man Dinge erledigte, wann es Essen gab und wie großzügig er war, andere einzuladen, obwohl er selbst nichts hatte. Sein Leben war so fremd für mich wie der Duft der Speisen, die es bei ihm gab. Dennoch erfuhren wir uns als Mensch zu Mensch. Wie Dila, die schon hier geboren ist und Tochter von Einwanderern ist. Ihr Art, deutsch zu sein, ist lustvoll und wild. Sie hat mir neue Farben in mein Bild meines eigenen Landes gemalt.
Da kreuzen immer wieder Welten unser Leben. Auch Deines. Auch das von Jesus. Er ließ zu, dass Menschen seinen Weg kreuzten mit ihrer anderen Lebenswelt.
Eine Frau kreuzt seinen Weg, die in vielem so anders ist, als er selbst. Auf ihr Rufen hört er erst nicht und am Ende wird sie zu einer Lehrerin für ihn und er lässt es geschehen als großes Lehrstück für uns alle.
Und Jesus war in der Fremde unterwegs und eine Frau kreuzte seinen Weg, die nicht zu seinem Volk gehörte. Sie war von anderem Geschlecht, anderer Religion und Nationalität. In jeglicher Hinsicht unwürdig nach den Maßstäben der Zeit. Sie bat ihn um Hilfe für ihre Tochter. »Nimm dich meiner an!“, bittet sie. So wie viele vor ihr. Jesus aber reagiert nicht. Gar nicht. Arbeitet es in ihm? Die Jünger werden ungeduldig. Sie stört. Sie lässt nicht nach. Sie legt sich vor seine Füße. Er kann nicht an ihr vorbei. Bin ich nicht nur für mein Volk da? fragt Jesus. Ich nehme niemandem was weg, wenn Du mein Kind heilst. Es reicht auch noch für mich. Sie widerspricht ihm. Sie tut es diplomatisch und gewitzt. Sie geht hinein in sein Argument und fügt ihr eigenes Bild hinzu. Ihr Wort führt Jesus von einer Enge in eine Weite. Sie wird eine Lehrerin für ihn. Eine Lehrerin für Toleranz und die beiden bewegen in diesem Moment die ganze umstehende Menge in eine Idee davon hinein, wie weit das Leben, der Glaube, die Gemeinschaft sein könnten.
Fulbert Steffenski sagt über die Toleranz: Toleranz heißt nicht die geglückte Selbstauflösung in ein blasses Allgemeines. Wir sollen nicht in eine nicht mehr unterscheidbare Allgemeinheit von Gesinnungs- Lebens- und Glaubensweisen verschwimmen, sondern jedem soll zu seiner Eigentümlichkeit verholfen werden. Toleranz heißt nicht nur, dass ich geduldet bin mit meiner Wahrheit, sondern dass ich nicht im Stich gelassen werde von der Wahrheit der anderen. Ich bin Fragment, ich weiß etwas aber nicht alles. Das heißt, dass ich die Korrektur und Ergänzung durch die fremde Wahrheit brauche, wie die anderen die Korrektur durch meine Wahrheit brauchen. Toleranz ist dialogisch, sie sucht den anderen mit der anderen Wahrheit auf, sie lernt und lehrt, sie streitet. Die Wahrheit entsteht im Gespräch der Geschwister. (…) Wir sind wahrheitsfähig und wir sind irrtumsfähig; die anderen sind wahrheitsfähig und sie sind irrtumsfähig. Das muss man wissen, um miteinander reden und streiten zu können. (Aus: Fulbert Steffenski: Karfreitag, in: Riskier was, Mensch! Sieben Wochen ohne Vorsicht, Fastenkalender 2013.)
Als Kirche Jesus Christi in diesen Tagen: Lassen wir uns stören und weiten und nicht verengen! Begegnungen mit anderen, die ein anderes Geschlecht, eine andere Lebensweise, eine andere Religion, eine andere Herkunft haben, sind keine Bedrohung. Lasst uns einen Geist des Lernens und auch der Irrtumsfähigkeit als gutes Christliches Ideal mitnehmen und andere nicht im Stich lassen mit unserer Wahrheit. Als Kirche lasst uns Unerschrockenheit teilen, die nicht Blauäugigkeit ist. Denn wie nie zuvor werden ein Geist der Liebe und die Art Jesu, zu hören und anzunehmen, gebraucht - als in diesen Tagen der Verwerfungen und Uneinigkeit. Die Einigkeit ist Aufgabe aus dem christlichen Glauben - nicht die Verwischung, sondern die Verbindung, nicht die Auflösung, sondern die Ergänzung, nicht das Abschneiden, sondern das Einfügen. Gott, gibt uns Deinen Geist des Lebens. Amen!
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft,
der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß
und stärke unsre Liebe. Amen.