Predigt
„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“
Welche Kirche können wir sein? Wie sieht Nachfolge heute aus?
te 5) 17 Es erhoben sich aber der Hohepriester und alle, die mit ihm waren, nämlich die Gruppe der Sadduzäer, von Eifer erfüllt, 18 und legten Hand an die Apostel und warfen sie in das öffentliche Gefängnis. 19 Aber der Engel des Herrn tat in der Nacht die Türen des Gefängnisses auf und führte sie heraus und sprach: 20 Geht hin und tretet im Tempel auf und redet zum Volk alle Worte dieses Lebens. 21 Als sie das gehört hatten, gingen sie frühmorgens in den Tempel und lehrten. Der Hohepriester aber und die mit ihm waren, kamen und riefen den Hohen Rat und alle Ältesten in Israel zusammen und sandten hin zum Gefängnis, sie zu holen. 22 Die Diener gingen hin und fanden sie nicht im Gefängnis, kamen zurück und berichteten: 23 Das Gefängnis fanden wir sicher verschlossen und die Wächter vor den Türen stehen; aber als wir öffneten, fanden wir niemanden darin. 24 Als der Hauptmann des Tempels und die Hohenpriester diese Worte hörten, wurden sie ratlos und wussten nicht, was das noch werden sollte. 25 Da kam jemand, der berichtete ihnen: Siehe, die Männer, die ihr ins Gefängnis geworfen habt, stehen im Tempel und lehren das Volk. 26 Da ging der Hauptmann mit den Dienern hin und holte sie, doch nicht mit Gewalt; denn sie fürchteten sich vor dem Volk, dass sie gesteinigt würden. 27 Und sie brachten sie und stellten sie vor den Hohen Rat. Und der Hohepriester fragte sie 28 und sprach: Haben wir euch nicht streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren? Und seht, ihr habt Jerusalem erfüllt mit eurer Lehre und wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen. 29 Petrus aber und die Apostel antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. 30 Der Gott unsrer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr an das Holz gehängt und getötet habt. 31 Den hat Gott durch seine rechte Hand erhöht zum Fürsten und Heiland, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben. 32 Und wir sind Zeugen dieses Geschehens und mit uns der Heilige Geist, den Gott denen gegeben hat, die ihm gehorchen. 33 Als sie das hörten, ging’s ihnen durchs Herz und sie wollten sie töten.
Der Predigttext erzählt von der Angst vor Machtverlust, von Eifersucht, menschlichem Ehrgeiz und Stolz, von Widerstand, Mut und von Vertrauen in Gottes Wege und davon, wie sich Gottes Geist trotzig seinen Weg bahnt.
Stichworte, die ich alle zusammen genommen vor nicht allzu langer Zeit als zu pathetisch und theoretisch für eine Gegenwart wie unsere betrachtet hätte. Worte, die mir in diesen Tagen tiefer gehen, als ich es möchte. Die Frage nach Widerstand. Nach Bekennen. Nach unserem Mut als Christinnen und Christen. Nach Hegemonie, also Mehrheiten, Deutungshoheit, struktureller Macht. Gebrauch und Missbrauch des Christlichen. In nur wenigen Monaten sind die Fragen, die wir uns auf den Kanzeln in Sachsen-Anhalt stellen, andere, denken wir als Kirche und Kirchenleitung über eine neue und andere Rolle von Kirche nach. Triggert die Vorstellung, wegen des Bekenntnisses verfolgt zu werden, etwas in mir auf eine neue Weise. Obgleich wir hier von keiner Verfolgung reden können und es unsäglich schlimmere Szenarien weltweit gibt, die Christenmenschen erleiden. Und dennoch: Es ist was Ernstes mit dem Glauben, dieser Gedanke drängt sich für viele langsam in den Vordergrund. Glauben hat vielleicht doch Konsequenzen.
Ist Ihnen bewusst, dass alle neutestamentlichen Texte: die Evangelien und die Briefe von Menschen geschrieben wurden, die Verfolgung erfuhren, als sie die Texte schrieben? Am Anfang waren sie noch nicht viele, vielleicht wenige hundert. Dann vielleicht wenige tausend. Aber sie haben Aufsehen und Gegenwehr ausgelöst und doch diesen Glauben durch ihre je eigene Zeit getragen.
Ich lese Texte wie den heutigen gerade neu und anders, mit dem gleichen Wissen, das ich vorher auch schon hatte, aber auf dem Hintergrund einer Zeit, in der Christ*innen angefragt sind wie nie zuvor. In einer Zeit, in der die Bibel zur Waffe der Mächtigen und von bestimmten Interessen wird und nicht nur einiger radikaler Verirrter missbräuchlich gelesen und verwendet wird. Ich lese sie in einer Zeit, wo sich Radikale an die Macht verirren. Wo die großen Fragen nach Autorität, Zusammenleben und globalen Veränderungen wie ungeheure Ströme Spannungen und Pole schaffen, in denen plötzlich die christliche Botschaft und die christliche Haltung eine nicht unbedeutende Rolle spielen.
Dieser Text erzählt von der Kraft der christlichen Botschaft und von Widerstand. Ob wir beiden brauchen in diesen Tagen? Ja!
Von Mächtigen ist hier die Rede, die die ersten Zeugen und Zeuginnen des Glaubens stilllegen. Deren kraftvolle Botschaft, die starke Resonanz bei den Menschen, ihre unbequemen Seiten, das herausfordernd Neue und Andere, ihre gemeinschaftsschaffende Wirkung lösen Eifersucht aus, Angst vor Machtverlust und dem Verlust der Hegemonie, der einzigen Wahrheit, Angst vor dem Verlust des Ohr des Volkes. Sie inhaftieren die Apostel alle miteinander. Nicht zum ersten Mal übrigens. Gerade erst hatten sie sie freigelassen ihnen doch verboten, von diesem Jesus zu sprechen und der heilmachenden Kraft seiner Auferstehung. Waren die denn nicht zum Schweigen zu bringen? Einfach verschwinden lassen konnten sie sie nicht, dazu waren sie schon zu bekannt. Sie können diese Botschaft nicht aufhalten: Nicht mal das Gefängnis gebietet diesen Aposteln Einhalt. Unerklärlich öffnen sich die Türen. Als die Wächter die Apostel suchen, sind sie längst schon wieder am Predigen. Im Tempel. Bei den Leuten. Direkt unter den Augen der Mächtigen. Wieder sprechen sie vor dem Hohen Rat vor. Und sie sprechen ohne Scheu. Sie halten nicht zurück mit der Botschaft, die sie in die Welt zu tragen berufen sind. Sie zeigen sich als Zeugen einer Botschaft, die weltbewegend ist: von Gottes unbegreiflichem Nahekommen in Jesus und seinen Zeichen des Lebens, wie der Auferstehung. Warum sie es wagen würden, weiter davon zu reden, werden sie gefragt: Man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen – antworten sie.
Am Ende werden sie wieder entlassen. Das Wort Gottes läuft weiter durch die Welt – bis zu uns heute.
Jesus hatte es den Jüngern und Jüngerinnen vorausgesagt: er würde sie „unter die Wölfe schicken“, Menschen würden ihre Botschaft ablehnen. „Ich weiß, ich sende Euch unter die Wölfe.“ So steht es in den Evangelien und so haben es die ersten Christengemeinden – wie in dieser Geschichte hier auch - empfunden und erlebt. Christ und Christin zu sein hat sie etwas gekostet, es hatte Auswirkungen.
Die Schwachen sichtbar zu machen, die Kleinen in die Mitte zu holen, die am Rande einzuladen, die in der Minderheit zu Euch zu zählen, dafür werden euch die Leute nicht unbedingt immer lieben, sagt Jesus. Ihr werdet Anstoß erregen. Eure Botschaft ist unbequem.
Diese Worte und Zeugnisse der Widerständigkeit sind heute ein Vermächtnis derer, die zuerst Botinnen der Liebe Gottes waren. Sie sind ein Vermächtnis der ersten Zeugen und Zeuginnen an uns. Ein Vermächtnis an mich, an Dich, als die, die heute am Zug sind. Die heute die Frage beantworten müssen: was heißt Nachfolge Christi heute 2026 für Dich konkret. Jesus hat es unmissverständlich und kompromisslos formuliert:
Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel. (Mt 10)
Ich lese all dies in diesen Tagen so anders. Als Teil einer Kirche, die politisch angegriffen wird, der abgesprochen wird, die wahre Botschaft zu vertreten, weil sie an die Seite der Schwächeren tritt.
Eine der häufigsten Fragen, die mich als Bischöfin in den letzten Monaten erreichte war: Darf die so? Darf die so reden? Darf Kirche politisch sein? Was war an uns zu politisch? Zu prüfen aus dem Glauben und der christlichen Lehre her und auszusprechen, wo Menschen mitten unter uns rote Linien überschritten haben. Wo es unser Bekenntnis braucht. Da nicht zu schweigen, wo die Fremden-, Anderen- und Nächstenliebe des Christentums als Wokeness abgetan wird, als Irrlehre. Und siehe – da, wo die christliche Botschaft plötzlich relevant gelesen wird, da ist sie zu politisch. Da, wo sie Macht anfragt, wo sie machtvollen Plänen in die Quere kommt, wo sie widerspricht. Da ist sie zu politisch. Da, wo sie Macht stärkt und für sie betet – schau in die USA – da ist die Kirche wieder willkommen.
Ja, sagen manche, wenn die Kirche ja nicht aus politischen Motvien heraus sprechen würde, sondern lediglich aus dem, was ihres ist, der ungefährlichen schlichten biblischen Botschaft, dann wäre es schon mehr akzeptabel. Reden wir da von der selben biblischen Botschaft? Ist Nächstenliebe nicht biblische Botschaft? Längst haben Menschen angefangen, auszusortieren und umzudeuten.
Auch hier im Text steht diese Frage an die Apostel: Woraus handelt und sprecht ihr? Die Apostel handeln nicht aus Widerspruchslust und Rebellion, sie handeln aus Gehorsam gegenüber Gott – weil sie in die Nachfolge Christi eingetreten sind. Und weil sie verstanden haben, dass christliche Verkündigung wohl auch gegen Widerstand und unter Gefahr geschehen muss – im Vertrauen auf Gottes Autorität über menschliche Macht.
„Ein Engel des Herrn aber öffnete nachts die Gefängnistore, führte sie hinaus und sagte: Geht, tretet im Tempel auf und verkündet dem Volk alle Worte dieses Lebens!“ Jesus rufe nicht zu einer neuen Religion auf, sagt Bonhoeffer, sondern zum Leben“. D.h. die Botschaft ist keine, die über Altar und Kanzel zum fröhlichen Betrachten schwebt. Sie sollen sich einsenken in Haltung und Lebensweise, in das Reden und andere Sehen. Jesus fragt nach denen, die wir übersehen und die außen vor sind. Das tut er, weil es unsere tägliche Übung werden soll. Das soll unser moralischer Prüfstein sein.
Ein wenig geraten wir da unter Multitasking-Stress: denn das bedeutet, gemeinschaftsstiftend für alle zu sein und gleichzeitig widerständig für die Gerechtigkeit. Neutralitätsgebot – keinen von vornherein ausschließen. Loyalitätsgebot – nicht abweichen vom Pfad der Liebe. Die Motive des eigenen Handelns genau prüfen - Gott mehr gehorchen als den Menschen. Offen sein - und deutlich sein. Vor allem: nicht gleichgültig sein, nicht stumm sein, nicht feige sein, nicht bekenntnisblass sein.
Das kann uns – jeder*r da, wo ersie steht – in die je eigene Bredouillen bringen. Stellt uns je eigene Aufgaben. Kleine und große. Entlässt uns als Kirche und als Gläubige nicht, gründlich zu erforschen, zuzuhören, niemanden abzustempeln, gleichzeitig sicherer Ort zu sein. Ein Asyl vielleicht, sagte neulich ein Kollege, Kirchenasyl ganz neu verstanden: für Themen, Menschen, Ideen, Dokumente, Fragen – die anderswo nicht mehr vorkommen, die anderswo nicht mehr sicher sind. Christ*in sein alleine schon könnte ein Bekenntnis bedeuten, sich zu outen, Erwartungen auszulösen, das Augenmerk von anderen, Abwehr oder Erleichterung.
Das klingt kompliziert und das ist es auch.
Christlichen Glauben zu leben, nicht zurückzuhalten mit der Botschaft, die wir in die Welt zu tragen berufen sind ist Herausforderung.
Und gleichzeitig ist es das, was tragen kann in Zeiten der Verunsicherung, Verschwimmungen und Abbrüche. Denn es heißt auch, gemeinsam unterwegs zu sein. „Jeder tritt allein in die Nachfolge, aber keine*r bleibt allein in der Nachfolge“, formuliert Bonhoeffer. Das Wort Gottes hat seine eigene Kraft, Türen könnten sich öffnen, erzählt der Predigttext. Auf dass wir heraus gehen und das Leben verkünden. Das wäre das Zentrum dessen, was Christ*innen von Anbeginn taten. Das, was unseres ist.
Der Predigttext erzählt von der Angst vor Machtverlust, von Eifersucht, menschlichem Ehrgeiz und Stolz, von Widerstand, Mut und von Vertrauen in Gottes Wege und davon, wie sich Gottes Geist trotzig seinen Weg bahnt.
Davon erzählt auch unser Leben. Es ist die Antwort. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe.
