Freitag, 30. Oktober 2026

... es ist was Ernstes

Predigt zum Reformationstag 2026

- in Eisleben -




Glaubst Du eigentlich, es war immer einfach, Christin oder Christ zu sein? Glaubst Du, das war in anderen Zeiten einfacher? Ich glaube, man konnte es sich schon immer einfach machen, aber zu jeder Zeit brauchte es einen speziellen Mut, Christenmensch zu sein - mit Konsequenz! „Ein Feste Burg ist unser Gott“ - singt sich mächt
ig und stark, aber es ist kein Stolz-Lied. Es ist ein Lied derer, die Anfechtung erleben und auch Furcht, aber wissen, wo ihre Kraft zu finden ist. Ein Trutzlied, würde Martinus sagen. Wie gut können wir es gerade brauchen!

Die Texte des Reformationstages gehen mir in diesem Jahr ans Eingemachte. Sie treffen und meinen es ernst. Sie lassen noch nichtmal den Ausweg, dass es meine Wahl wäre, Christi Nachfolge zu leben oder nicht, wenn ich es wirklich ernst meine mit dem Glauben.

Wir haben in den Lesungen von denen gehört, die Jesus als selig bezeichnet: die für Gerechtigkeit streiten. Der Predigttext heute drückt es mindestens so scharf aus. Er steht im Evangelium nach Matthäus und kommt aus einer Rede Jesu. Wenn Du das gleich hörst/liest, habe dabei Menschen im Hinterkopf, die, als sie das aufschrieben, bittere Verfolgung erfuhren dafür, dass sie Christenmenschen waren. Was es heißt Jünger und Jüngerin zu sein, was es heißt, in seiner Zeit Jesus nachzufolgen, was es heißt, dafür auch Prügel einstecken zu müssen und andere Konsequenzen. Dazu lässt das Matthäusevangelium Jesus folgendes sagen: 


Wenn Euch Menschen verfolgen: 26 (Darum) fürchtet euch nicht vor ihnen. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. 28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29 Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. 32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel. (Mt 10, 26-33)


Jesus beginnt diese Rede etwas vor diesen Worten damit, seine Jünger in diese Welt zu senden. Und es wird jeder bei seinem Namen genannt. Ganz konkret. Du bist es! Ich sende Dich! Er schildert dann auch, was ihnen passieren könnte: dass Menschen das Wort ablehnen werden. Er redet von Empörung und Hass, Verfolgung und Flucht. „Ich weiß, ich sende Euch unter die Wölfe.“ So haben es wohl die ersten Christengemeinden empfunden und erlebt. Christ und Christin zu sein hat sie etwas gekostet, es hatte Auswirkungen. Es war etwas Ernstes.

Die Schwachen sichtbar zu machen, die Kleinen in die Mitte zu holen, die am Rande einzuladen, die in der Minderheit zu Euch zu zählen, dafür werden euch die Leute nicht unbedingt immer lieben, sagt Jesus. Ihr werdet Anstoß erregen. Eure Botschaft ist unbequem.


Diese Worte sind heute ein Vermächtnis derer, die zuerst Botinnen der Liebe Gottes waren. Sie sind ein Vermächtnis der ersten Zeugen an uns. Ein Vermächtnis an mich, an Dich, als die, die heute am Zug sind. Die heute die Frage beantworten müssen: was heißt Nachfolge Christi heute 2026 für Dich konkret. Und unser Predigttext hat es in sich. Das ist keine weiche Antwort. Sie geht weit darüber  hinaus, nur zu sagen, dass Gott Liebe ist und Du Dir seine Liebe nicht verdienen musst. Zeugenschaft ist nicht folgenlos:


Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.


Das ist eine Ansage von Jesus. Ein klarer Aufruf zur Haltung. Keiner Haltung wogegen. Einer Haltung wofür. Nicht als ob das Heil der Welt an Dir hänge - für dieses ist Gott selbst verantwortlich, er schenkt ihr sein Heil. Aber für den Platz, an den Du gestellt bist, dafür bist Du verantwortlich. Für das was Du sagst oder nicht, was Du tust oder nicht, was Du aufzeigst oder nicht. 


Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 


Und Du wirst Teil davon sein. So oder so. Du kannst Dich nicht nicht verhalten. Das spüren wir gerade wirklich. Manchen macht das Angst, manche macht das gerade müde und verzagt, manche wütend, andere doch mutig.


Dreimal steckt in diesem Text die Stimme, die Dir ganz innen sagen soll: Fürchte Dich nicht. Wohl, weil sie es erlebt haben, die Jünger und Jüngerinnen. Dass es gute Gründ gab, Angst, Respekt, Sorge zu haben, wenn die eigene Botschaft den Machtlogiken dieser Welt widerspricht. So wie es in diesen Tagen viele erleben. In privaten oder gesellschaftlichen Kontexten, ganz persönlich oder beruflich, familiär. Deine Ängste, die dabei aufkommen, die lässt Jesus nicht außen vor. Er nimmt sie mit in seine Rede. Denn er möchte unbedingt zu Dir durchdringen. Manches lässt Dich bangen. Das spürst Du real. Aber sei mit mir und ohne Furcht. Das sagt er, denn Du musst es hören, jemand muss es Dir sagen. Es gibt Sätze, die Du Dir nicht selbst sagen kannst. Fürchte Dich nicht. Der allerhäufigste Satz in der Krise, in den Wirrungen des Lebens, den die Bibel uns sagt. Nicht zum Einlullen, sondern als Kern dessen, was Dich antreiben und verankern kann. 


Und darum wird hier jedes einzelne Deiner Haare erwähnt:  Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. 


Das nimm mitten in Dein Herz: Du bist kostbar in seinen Augen. Gott zieht Deiner Angst Würde an, er legt Deinen Ängsten einen Mutmantel um, in dem sie nicht verschwinden, sondern zusammen mit der Wut und aller Unsicherheit zu einer Kraft werden können. 

Hab keine Angst vor den Menschen sagt Jesus, habe Gottesfurcht. Sie schwächt nicht, sondern beflügelt. Sie liegt in einem tiefen Vertrauen, dass „Gott kann“! 

Und Gott? Er wartet auf Dein Vertrauen, auf Dein Bekennen. Auf Dein Sprechen wo andere Schweigen. Auf Dein furchtloses und standhaftes Bekennen. Dass Du seiner Botschaft Leib und Leben gibst, dass sie brennen kann unter den Menschen wie ein Licht. 


Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. 


Sagt es Laut und sagt es Sichtbar. 

Das kannst Du, weil Du zu Gott gehörst. Nicht weil Du das nur denkst, sondern weil Gottes es so gewählt hat, weil er Dich gewählt hat, sein Bote, seine Botin zu sein.


Und was bedeutet es jetzt konkret, dieses Gotteskind zu sein, dieses kostbar befürsorgte?

Sag es vor allem allen weiter, die es hören müssen: dass sie kostbar sind. Verteidige Deine und ihre Menschlichkeit. 

Denn es ist alles ausnahmslos Leben, das Gott kostbar ist.

Egal, wie gesund oder nicht gesund ein Mensch ist.

Egal, wie jung oder alt, wie wild oder tüddelig.

Egal, wo seine Herkunft ist.

Egal, was für einen Menschen er in sich gelegt bekommen hat und welche Besonderheiten.

Für Dich und für ihn - jedes Deiner Gegenüber gilt die Würdeliebe Gottes, die er oder sie auch durch Dich erfährt. Eine Welt, in der wir die Würde der anderen vergessen und das Aufeinander hören, wäre die Hölle… Gottesfurcht und Nachfolge heißt darum: die Botschaft dieser Gerechtigkeit laut zu machen und sichtbar. Unverzagt. Auch wenn es Dich etwas kostete. Gerade dann, wenn andere sie anfechten.


Es heißt auch, mit den ganz besonderen Waffen des Glaubens ausgerüstet zu sein: auf alle Menschen zuerst mit Wohlwollen und Verbundenheit zu blicken, das Leben in jedem Menschen, auch denen, die mir fremd sind, zu lieben. Auch die mir politisch fremd sind, in ihrer Lebensweise, in ihrem Glauben, in ihren Ansichten. Und jegliche Gewalt - mit Worten oder Taten - zu verabscheuen.


Heute am Reformationstag: Welche Hammerschläge braucht das Haus dieser Gesellschaft und braucht Dein inneres Haus gerade:


1. Den anderen und uns selbst das Wort Gottes von der unbedingten Liebe nicht ersparen. Treu und unablässig darin bleiben, wie die ersten von uns. Es ist was Ernstes.


2. Selbstkritisch fragen: Wo haben wir das Licht auch verdunkelt. Uns messen lassen von den Schwachen und Kleinen und Ungesehenen, den in Unrecht gefallenen. Bereit sein uns auch zu korrigieren. Nicht in Hochmut verfallen und in Abwertung.


3. Gottvertrauen. So, wie wir es in der Liturgie vorhin gebetet haben: Gott HAT sich über uns erbarmt. Er IST unsere Zuversicht und Stärke. Das heißt: treues getrostes Bekennen auch in einer Welt der Himmelsferne.  


Oder, wie Tina Willms sagt: "Sei der Spiegel für den Lichtstreif am Himmel“! 

Amen Amen. Mögen wir das sein.


Und der Friede Gottes, der höher ist, als unsere Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß 

und stärke unsre Liebe. Amen.


... es ist was Ernstes

Predigt zum Reformationstag 2026 - in Eisleben - Glaubst Du eigentlich, es war immer einfach, Christin oder Christ zu sein? Glaubst Du, das ...