Sonntag, 10. August 2025

.... in diesen Zeiten prophetisch reden ....

Predigt am 10. August 

in der Schlosskirche zu Wittenberg

Irgendwas Hohes, wo ich hinauf schauen kann,

etwas, das beständig ist, das bleibt, in allem Chaos.

Das brauche ich. Einen regelrechten Gottesberg.

Hoch genug, wo ich atmen kann und es mir nicht die Luft nimmt, 

hoch genug über aller Gehässigkeit und allem Größenwahn der Welt hinweg. 

Hoch genug, das ich selbst mich nicht für größer halte, 

hoch genug, dass ich aufblicken kann. 

Irgendetwas Hohes, wo ic

h hinauf schauen kann, 

etwas, das beständig bleibt, verlässlich für mein Leben.

Das brauche ich, um neben Sorgen und Geschäftigkeit, 

die sich vor mir auftürmen wie eigene kleine Berge,

Platz zu haben für sorglose Moment, für fröhliche Tage, dafür, 

den Sommer zu genießen, das Leben, mein Leben, 

von dem jeder Tag nur einmal da ist.


Eine Art Stadt wäre gut, mit funkelnden Türmen,

mit einem Zimmer für jede Sorge und jeden Kummer,

wo ich die Lösungen und Antworten finden kann. 

Wo ich Schönheit sehen kann, 

selbst wenn ich gerade auf Ruinen des Lebens sehe oder stehe, 

wo mich dann die Sanftheit eines Gotteswortes berührt, 

seine Federleichtigkeit, seine Wärme und der Schimmer von Worten, 

die noch Licht in mir sehen. 

Eine Gottesstadt.

Mit einem Zimmer für die schönsten Momente und einem Zimmerchen mit Aussicht, 

wo sie mir gänzlich fehlt,

eine Sicht ohne Mauern und Grenzen - über die Horizonte.

Ein weiteres Zimmer mit Liebe und Mitgefühl,

 wenn niemand sie für mich hat und ich unbemerkt bleibe und ungeliebt, 

ein ganzes Zimmer voll mit dieser Liebe, reichlich zum mitnehmen, 

damit ich genug davon habe, wo es mir beinahe ausgeht, das Mitgefühl, bei so viel Not. 

Das wäre der Heilige Berg meiner Flucht aus der Welt, 

im Gott meiner Hoffnungen und meiner Verankerung.

Ein Ort, den ich suche und brauche in Zeiten, wo sich die Welten verschieben 

und sich um mich herum zweifelhafte Kräfte als das Höchste ausrufen. 

In Zeiten, wo ich nach Atem schöpfe von der Geschwindigkeit der Welt. 

In Zeiten, wo ich nach meinem Leben suche. 

Jesaja - ein Mann mitten im Chaos seiner Zeit - hätte mich verstanden. 

Es ging ihm nicht anders. 

Dass Gott dieser Berg ist, das ruft er in wirren Zeit in das Land hinaus. 

Das wäre sein Auftrag, hatte Gott gesagt. Lichtworte zu bringen..



„In einer Offenbarung empfing Jesaja, der Sohn von Amoz, 

folgende Botschaft über Juda und Jerusalem (und sagte sie laut, dass alle sie hörten):Es kommt eine Zeit, da wird der Berg, auf dem der Tempel des HERRN steht, unerschütterlich fest stehen (hört ihr?) und alle anderen Berge überragen. Alle Völker strömen zu ihm hin. (hört ihr?) Überall werden die Leute sagen: »Kommt, wir gehen auf den Berg des HERRN, zu dem Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt! Er soll uns lehren, was recht ist; was er sagt, wollen wir tun!« Denn vom Zionsberg in Jerusalem wird der HERR sein Wort ausgehen lassen.(hört ihr das?: er wird!!) Er weist die Völker zurecht und schlichtet ihren Streit. Dann schmieden sie aus ihren Schwertern Pflugscharen und aus ihren Speerspitzen Winzermesser. (hört das!) Kein Volk wird mehr das andere angreifen und niemand lernt mehr das Kriegshandwerk.(Hört!!) Auf, ihr Nachkommen Jakobs, lasst uns in dem Licht leben, das vom HERRN ausgeht!

(Jes 2, 1-5 / gute Nachricht)


Es gibt ihn! Diesen Berg und den Ort der neuen Kraft. 

Hier wird alles verlernt, was das Leben verletzt und herabwürdigt, tötet und klein macht. 

Hier kann man gefahrlos laufen, alle, jede, jeder. Es ist ein Ort ohne Tod. 

Menschen können dort Rat suchen und Gerechtigkeit finden. 

Es ist ein Ort der neuen Kraft, der sie verändern wird. Wann wird das sein? 

Am Ende der Zeit, heißt es da: 

Es kommt eine Zeit, da wird der Berg, auf dem der Tempel des HERRN steht, 

unerschütterlich fest stehen.“ 

Doch genauer betrachtet, meint das hebräische Wort: „auf der Rückseite der Zeit“. 

Es ist ein Können-Modus, ein Möglichkeits-Film, ein Chancen-Ausblick 

der gleichen Zeit, in der wir leben. 

Keine „später - und wir wissen nicht wann - Verheißung“, 

sondern ein „Jetzt- schau Dich jetzt genauer um - Versprechen“… 

Es ist schon losgegangen, sagt die Bibel. 


„Lasst uns wandeln im Licht Gottes“, „Lasst uns in seinem Licht leben", 

meint, diese andere heilige Realität in den Blick zu nehmen, 

Gott als Berg der Kraft, heißt, seine verwandelnde Stärke zu hoffen und zu erahnen 

auf der Rückseite jedes einzelnen Tages. Erwarte viel! 

Hör nicht auf, zu erwarten. Geh los, dahin, wo die Erwartung ist. 

Bleibe nicht auf der Resignation sitzen. Kinder Gottes als Lichthervorgeher. 

Im Gehen, das Licht zu finden und es hineinzureißen in die Zeit. 

Und sich zu erinnern an umgeschmiedete Waffen und umgeschmiedete Worte, 

an umwandelbaren Hass und zurückgeschmiedete gute Werte von Vertrauen und Gutsein. 

Du darfst nicht aufhören, zu glauben, dass Rettendes in und hinter den Tagen verborgen ist. 

Stell Dir die Stadt Gottes als unsichtbare Haube über Deinen Tagen vor. 

Der Berg, auf den Du Dich verlassen kannst  nicht als Ferne, sondern als Nahes, 

hinter den Augenlidern und ein hinter jedem Wort liegendes Reich Gottes. 

Eine andere Zukunft, als ich und Du aus dem Blick auf unsere Zeit schließen würden, 

wo alles unverwandelbar und nicht umzuschmieden zu sein scheint. 


„Kommt, lass uns in Gottes Licht leben“ heißt, nicht zu warten, 

Gottes Weisungen von gütevollem Leben in die Welt pusten. 

Gewalttaten zurecht weisen. 

Selbst sicherer Raum zu werden für Menschen, die gebeutelt sind 

und diese verheißungsvolle Hinterseite der Tage noch nicht kennen. 

Und nicht aufzuhören damit, den inneren Berg des Kleinglaubens zu überwinden. 


„Lasst uns stattdessen wandeln im Licht Gottes“, sagt der Prophet; 

„Denn: man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, 

sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.

So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten!“, sagt Jesus.


Schwerter zu Pflugscharen schmieden  - den Text kennst Du. 

Viel Kluges hätte man dazu sagen können. 

Appelle, Zurechtweisungen, Verbalattacken, ein "auf eine Seite stellen",   

Vermeintliche Eindeutigkeiten.

Aber wusstest Du, dass ein Prophet das sagt? 

Und wie stärkend erscheint mir in Zeiten wie diesen solches prophetisches Reden! 

Das ist unsere Vision, sagt der Prophet. Sie hat schon begonnen. 

In Dir, Du Mensch voller Licht! Gott wird sein wie ein Berg für Dich. 

Zieh aus. Güte verbreiten. Amen. 



P.S. Während ich das schreibe war ich im Garten 

und musste eine schreckliche Giftplanze ausreißen, 

die mein ganzes Kräuterbeet überwuchert hatte. 

Und ich habe große Kräuterstauden zurückgeschnitten, 

damit sie neu ausschlagen und wenn es kälter wird 

den Insekten Zuflucht bieten werden. 

Das scheint mir passend zu sein für das Gehen im Licht. 

Bekämpfen, was das ganze Umfeld vergiftet. 

Und Orte schaffen, wo Zuflucht ist und Wärme. 

Nochmal Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß 

und stärke unsre Liebe. Amen.


Samstag, 14. Juni 2025

Nur zusammen der Leib Christi...


Predigt zum CSD 2025
in Merseburg






Du bist kein Zufall

Sondern Deine Identität ist

voll und ganz absichtlich

so wie Du bist


und ich auch 

ehe ich es wusste 

und Du auch

ehe Du es wusstest

wusste Gott über deine Herzensregungen 

über dein weiblich und männlich über 

dein Sosein jenseits all der roten Linien 

die andere zogen

aber die nicht Gott zog

Das glaube ich ganz fest


Als würdest Du zu Gott sagen:

"Gott, ich bin gay, bi, trans…" (was auch immer deins ist…)

Und Gott würde antworten:

"Ich weiß Sweetie - ich wusste es doch lange vor Dir."

Du bist Teil von mir.

So. Und nicht anders.

Das ist wie ich dich gemacht habe.


Neulich habe ich von Mo* gelesen. Mo passt auch in keine Linien. Sie verwendet die Pronomen they und sie. Mo ist eine behinderte nonbinäre Student*in. Sie lebt in den USA. Die Frage nach Gott hat Mo schon immer schwer bewegt. Es war eigentlich gleichzeitig die Frage, inwiefern sie dazu gehört. Zugehören darf - zu allen anderen: der Gesellschaft, den Menschen um sie herum. Mit ihrem Körper und auch den Veränderungen, die sie durch-gemacht hat, mit ihrem Weg, jenseits binärer Ideen, mit den Operationen und Therapien. Gehört sojemand dazu?


Unsere Religion hat leider seit Jahrhunderten den Körper  - dieses empfindsame, pulsierende, lebensvolle Wunderwerk Gottes - verachtet und hat die Sexualität laut gefürchtet und nur leise gelebt. Hat Lehren geprägt, die Schuld und Scham mit Körpern verbanden. Ich bin froh, dass das gerade besser wird. Diese christliche Religion ist aber interessanterweise gleichzeitig eine sehr körperliche. Mit einem Gott, der in einem Menschenkörper auf die Erde kam. Der gleiche Menschenkörper, der fast unbekleidet in allen unseren Kirchen zentral in der Mitte unseren Blicken ausgesetzt ist. In jeder Kirche siehst Du diesen Körper, den Gott sich ausgesucht hat. Er ist gezeichnet. Und er soll ein Symbol sein. Für Gottes Nähe, für sein Mit-uns-Körper-sein und für eine Verwandlung vom Tod ins Leben.


Mo hat dieser Gedanke besonders gefallen. Dass Jesus da am Kreuz, so zerstört er da auch aussieht, gerade so unser Bezugspunkt ist. Jesus, der als Kind Gottes gilt. Und wir, die wir auch als Kinder Gottes gelten. 


Mo schreibt sinngemäß: „Der Gedanke lässt mich nicht los, wie mein physischer Körper – der gebrochen ist,  von Traumata, Operationsnarben, Ängsten und  mit einem Gehirn, das so viele Verletzungen in sich trägt und der nicht von meiner Trans- und Queerness getrennt werden kann – als nach dem Bild Gottes geschaffen angesehen werden kann. Wie? Nichts an mir fühlt sich besonders heilig an. Tatsächlich wurde mir immer wieder klar gesagt, dass es nicht heilig ist, was ich verkörpere, sondern Sünde. Das ist auch der Grund, warum ich mich oft so weit weg vom größeren Leib Christi fühle."


Denn das Bild vom Leib hat die ersten Christ*innen damals so geprägt, dass sie in den Briefen schrieben, die ganze Gemeinde, alle Menschen, die glauben, wären wie ein Körper. Mit unterschiedlichen Aufgaben, aber eine Einheit. Und aufeinander angewiesen und bezogen.

Dort (1.Kor 12) steht zum Beispiel: „Ihr seid ein Leib. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: ‚Ich brauche dich nicht!‘ Und der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: ‚Ich brauche dich nicht!‘ Im Gegenteil, die scheinbar schwächeren Teile des Körpers sind unentbehrlich.“


Mo mag genau dieses Bibelstück besonders. Es gibt ihr die Gewissheit:  „Es gibt keinen Teil von mir, der es nicht verdient, dazuzugehören. Es gibt keinen Teil von dir, der nicht gebraucht und gewollt wird.“


Da steht auch noch: „Gott aber hat den Leib

zusammengefügt und den Gliedern, denen es an Ehre mangelte, größere Ehre gegeben, damit keine Spaltung im Leib sei, sondern seine Glieder in gleicher Weise füreinander da seien.“


Mo hat das geholfen zu glauben, dass sie mit Absicht genau so - nichtbinär - von Gott gedacht ist. Sie sagt:

„Der Leib Christi besteht aus uns allen. Zu sagen, dass einer von uns nicht dazugehören kann, suggeriert, dass etwas an uns außerhalb der Reichweite Gottes liegt. Hört auf, Gott einzuschränken. Nichts ist außerhalb der Reichweite Gottes. Dieser Leib Christi ist trans, weil ich trans bin. Dieser unser gemeinsamer Leib Christi ist auch mit behindert, weil ich behindert bin. Der Leib Christi ist vernarbt, gebrochen, traumatisiert, krank, queer, missbraucht, weil ich all das bin und Teil des Leibes Christi bin. Gott nimmt all das an und heißt jeden/jede in seiner Gemeinschaft willkommen. Wir sind berufen, hier zu sein. Wenn Gott all das ehrt, dann muss es uns auch gut genug sein.“


Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.“, heißt es schon im 2500 Jahre alten Psalm 139, „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. Es war dir mein Gebein nicht verborgen, da ich im Verborgenen gemacht wurde, da ich gebildet wurde unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.“


"Manchmal habe ich versucht 

von Dir weg zu gehen und Dir zu entrinnen  - Gott

aber wohin könnte ich fliehen 

damit Du mich nicht siehst 

in meinem Tasten nach mir 

nach der Person 

die ich werde 

Bin ich in himmlischen Tagen 

wo ich frei bin und echt 

oder in dunklen Tagen 

wo ich so hadere mit meinem Schicksal 

und zögere damit hinaus zu gehen 

und offen zu legen 

bin ich mit anderen 

fröhlich Liebenden 

oder in Ängsten und Verstecken 

wo ich lande 

auf der Flucht 

vor der Wahrheit über mich 

- so bist Du auch überall dort 

Du lässt mich nicht los 

Du stehst zu dem wie ich bin 

Denn Du hast mich so gemacht" (PridePsalm, Quelle s.u.)


Mo hat ihren Glauben an Gott behalten können. Durch solche Sätze . Sie hat im Zentrum der Bibel die richtigen Worte gefunden: dass sie unbedingt dazu gehört. Dass Jesus mit ihr über ihre eigenen Narben und Schmerzstellen verbunden ist, aber vielleicht auch über die Schönheit ihres Körpers und über die Lebenslust. 


Ich finds gut, sagte Gott zu allem, was er geschaffen hat.

Wir alle sollten nicht kleinlicher sein.

Ich bin glücklich über einen Gott

dessen Fülle und Weite ich nicht denken kann

und dessen Unendlichkeit mich einschließt,

auch wenn ich queer bin.

Ich bin glücklich dass ich mir das sagen kann und allen, die auch anders sind. 

Ich bin glücklich, dass es Menschen gibt, die meine Existenz nicht in Frage stellen. Und die solidarisch sind, da wo andere meinen, dass jemand außerhalb des Leibes Christi stünde oder außerhalb der Gesellschaft.


Und wo eine Seele an der Liebe zu sich selbst, 

zu anderen 

oder an Deiner Liebe zweifelt, Gott, 

da halte Du ihn/sie ganz fest. Amen. 


Sonntag, 25. Mai 2025

Beten ist frei

Predigt am Sonntag Rogate
im Halberstädter Dom

Dem Pfarrer einer Stadt im Süddeutschen fiel ein alter, bescheiden wirkender Mann auf, der jeden Mittag die Kirche betrat und sie kurz darauf wieder verließ. So wollte er eines Tages von dem Alten wissen, was er denn in der Kirche tue.
Der antwortete: „Ich gehe hinein, um zu beten.“ Als der Pfarrer verwundert meinte, er verweile nie lange genug in der Kirche, um wirklich beten zu können, meinte der Besucher: „Ich kann kein langes Gebet sprechen, aber ich komme jeden Tag um zwölf und sage: ,Jesus, hier ist Johannes’. Dann warte ich eine Minute, und er hört mich.“ Einige Zeit später musste Johannes ins Krankenhaus.  Ärzte und Schwestern stellten bald fest, dass er auf die anderen Patienten einen heilsamen Einfluss hatte. Die Nörgler nörgelten weniger, und die Traurigen konnten auch mal Lachen. „Johannes“, bemerkte die Stationsschwester irgendwann zu ihm, „die Männer sagen, du hast diese Veränderung bewirkt. Immer bist du gelassen, fast heiter.“ „Schwester“, meinte Johannes, „dafür kann ich nichts. Das kommt durch meinen Besucher.“ Doch niemand hatte bei ihm je Besuch gesehen. Er hatte keine Verwandten und auch keine engeren Freunde. „Dein Besucher“ fragte die Schwester, „wann kommt der denn?“ „Jeden Mittag um zwölf. Er tritt ein, steht am Fußende meines Bettes und sagt: ,Johannes, hier ist Jesus’.“
(Typisch! S. 18)



Wenn Du das Bild eines Menschen in Dir aufrufst, der betet, was für ein Bild hast Du vor Augen? … So einen Johannes, der still hinten steht, vielleicht nur zwei Minuten? Wie gerade kurz einen Schritt heraus getreten aus seinem Alltag, der atmet und kurz mit dem Kopf oder Herzen im Himmel ist und der gleich wieder den Fuß hebt und zurück tritt auf die Straße? Wenn Du das Bild eines Menschen in Dir aufrufst, der betet, was für ein Bild hast Du vor Augen? … Siehst Du einen Menschen an einer Klagemauer, die Hand auf die Steine gelegt? Jemand auf Knien. Tief versunken? Oder mit erhobenen Armen und offenen Händen voll Leidenschaft? Siehst du eine im Wald stehen bleiben, atmen und nicken? Oder die Hände, die sich auf der Bettdecken abends falten? Oder die sich kurz zusammen ziehen, schon auf dem OP Tisch und ein Stoßgebet in den Himmel schicken? Das alte vergilbte Bild eines Vater, der mit seiner Familie vor dem Bett kniet? Die Familie, die am Tisch nicht sofort beginnt mit dem Essen, sondern einen Vers spricht, gemeinsam, still oder vergnügt. Denkst Du an welche, die an einem Unglücksort kleine Zettel mit einem Gebet unter Steine legen oder an die Männer, die abgeführt wurden in US Capitol, weil sie vor wenigen Wochen um Gottes Geist für dieses Haus und den Geist der Barmherzigkeit und Nächstenliebe gebetet haben. Gibt es da ein Bild von Dir als Betende*n?


Was auch immer Du vor Deinem inneren Auge siehst: Wie Johannes treten alle für einen Moment aus ihren Alltagsworten hinein in einen Raum. Der ganz andere Worte hat oder gar keine braucht. Gebet ist wie ein Zimmer, in das Du gehst. Eine Seufzendschön-Kapelle für Deinen Dank, ein Wütendaufgott-Dom für Deine Verzweiflung. Ein Schwerenherzens-Winkel für Deine Traurigkeit. Eine Todesangstbasilika für die, die um Leib und Leben zittern. 


Die gibt es übrigens wirklich. Die Todesangstbasilika. Sie steht in Jerusalem auf dem Ölberg. Sie trägt auch den Namen "Kirche aller Nationen“, weil 12 Nationen, darunter Deutschland, sie kurz nach dem 1. Weltkrieg gemeinsam gebaut haben. 12 Kuppeln zieren sie, wie ein Hinweis auf die Nachfolge als Jüngerinnen und Jünger. In der Mitte, vor dem Altar ist, umringt von einem dornenkronenartigen Zaun ein großes Stück Felsen. Dort, so sagt man, ungefähr, muss damals Jesus gebetet haben in der Nacht seiner Verhaftung. Unter Tränen und Ängsten. Die Todesangstbasilika heißt die Kirche deswegen. Weil Jesus immer wieder vorgelebt hat, wie persönlich, wie direkt, wie unmittelbar Gott angesprochen werden kann, gerade in den bedrängenden Momenten des Lebens. Von jedem und jeder.




(WhatsApp-Gebetsaktion in der Coronazeit)



Meine Schreibkollegin Beatrice von Weizsäcker hat mir und anderen neulich erzählt, wie sie nach einem schweren Einschnitt in ihrem Leben eine ganz neue Art des Betens gefunden hat. Ihr Bruder Fritz von Weizsäcker wurde 2019 von einem Mann ermordet. So ein Ereignis macht sprachlos. Ihr Gebet war an diesem schmerzhaften Abend die einzigen Worte, die sie finden konnte. „Gib acht auf meinen Bruder!“ betete sie. Damit begann ein Gespräch mit Gott, erzählt sie, wo sie bis heute oft wütend ist und kritisch. nie formvollendet, aber echt und persönlich. Danach schrieb sie gleich zwei Bücher über das Beten und den Glauben. So viel hat das in ihr bewegt.


Für die Jünger und Jüngerinnen von Jesus werden auch solche Zeiten kommen, wo sie sprachlos und voll Angst sein werden. Jesus weiß, dass er gehen muss und er redet in jenen Tagen sehr viel mit ihnen darüber, was bleibt, wenn er geht. Wie sie trotzdem innig verbunden sein werden. Zum Beispiel im Beten. Und auch durch den Heiligen Geist, die Kraft Gottes, die Herzen anrührt, Gedanken erhellt, Menschen zueinander bringt.  „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.“ (Joh 16)sagt Jesus. Beten ist unsere Sprachen miteinander. Und das bedeutet, wenn ich bete oder wenn Du betest, dass er es hört. „Nicht Du hast mich erwählt, ich habe Dich erwählt!“, sagt Jesus. Ist doch klar, dass ich Dich höre, dass wenn Du sprichst, es es mich anrührt. Wie ein Trommelfell in Vibration gerät bei der kleinsten Bewegung im Raum und bei jedem Paukenschlag, so vibriert beim Beten zwischen uns unsere Beziehung. Du und ich. Das ist mein Versprechen, sagt Jesus. Und dass Dein Gebet etwas bewegt. Auch das. Allein das wirst Du manchmal nicht sehen. Weil es in Deine Tag eingewebt sein wird. Gebet kehrt nichts auf dem Absatz um. Es wirkt auf eine unvorhersehbare Weise. 


Gebet ist die Quantentheorie unter den Glaubensfragen. Beten ist vor allem Dein Seelenstärker. Dein Angstvertreiber. Dein Herzenssteineschupser. Deine Wallbox zum Aufladen.  „Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Joh 16) sagt Jesus dazu. Beten hilft beim Weltüberwinden und Angstabgeben.


Du betrittst dabei einen Raum der anderen Sprachfähigkeit. Ich für mich würde sagen, mein eigenes Beten ist oft eher wie ein Flüstern in meinem Herzen. An verschiedenen Momenten des Tages. Höre ich es. Fühle ich es. Das sind meine Gebete jeden Tag. Manche sind eher die Morgenslautbeterinnen oder die Abendsdankbardiehändefalterinnen. Es kann lange Gebete geben und nur die 1 MinutenMomente wie bei Johannes. Und wenn die Welt und die Sache mit Vater und Sohn Gottes und der Liebe und der Glaube selber manchmal sehr kompliziert sind - das Beten ist es nicht. Es ist einfach. Es gibt keine Vorschriften. Du kannst es jede Sekunde Deines Lebens sichtbar oder unsichtbar tun. Es gibt keinen Druck, keinen Zwang zum Beten. Es ist frei für Dich. Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. 

... passt auf Eure Liebe auf...

  Predigt am 19. Juli in Stendal Predigttext Hebräerbrief 13, 1-3: Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.  Vergesst ...