Samstag, 19. September 2020

Die Geschichte von Himmel und Erde

VON HIMMEL UND ERDE

Aus dem 1. Mosebuch:

Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde, da sie geschaffen wurden. Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.






Predigt

 

Das ist die Geschichte von Himmel und Erde.


Himmel

Ganz am Anfang, fängt Deine Geschichte an. 

Alles kann noch sein.

Du bist winzig und frei, alles zu werden.

Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

Du bist sorglos, wie ein Kind es nur sein kann. 


Das ist zu der Zeit, wo Gott Dich gemacht hat.

Wo Gottes Geist über deinem Leben schwebte,

seinen Atem in Dein Leben wehen ließ.

Als der Dir Kraft zur Veränderung einhauchte.

Die Stärke zum Tragen.

Die Empfindlichkeit.

Die Freude.

Die Sehnsucht.

Die Neugier.

Die Lust.

Den Mut.

Das Lebensfeuer.

Es war zu der Zeit als Gott alles das gemacht hat.

In Dich gelegt hat. 

Dich eingewickelt hat.

Dich genährt hat damit.


Erde

Und alle Sträucher waren noch nicht,

das Gebüsch 

von Begegnungen und Beziehungen,

von Menschen, die Du kennen lernen würden,

von Geliebten und Gehassten,

die unzähligen Büschel

von Freunden und flüchtigen Bekanntschaften

die Ebene voll der Menschen, die du schnell, vergessen hast

Lebengeschichten, Kontakte, Nahestehende, 

die dir geblieben sind.

 

Und all das Kraut war noch nicht gewachsen

alles das, was dein Leben schön macht und voll macht

Kein Kraut,

das die Lebensebene überwuchert und trittfest macht, 

die dem Boden nur eben auch  etwas die Luft nimmt

Noch keine Bankkonten und Gehaltsstreifen

Arbeitsverträge und Lebenspläne

Aktien, Autos, Bücherregale

Abstellkammern, Böden und Keller

Angesammeltes und Lebensnotwendiges

- all dieses Kraut war noch nicht gewachsen.


Auch nicht das Kraut von Streit und Fürsorge,

Mitleid und Verletzungen,

das gerne verlassen in den Ecken wuchert.


Denn Gott hatte noch nicht regnen lassen 

die Möglichkeiten deinen Lebens

die Wege und Chancen

die Hinweise und unendlichen Angebote

zwischen denen du dich entscheiden musst

Es war noch Mensch da, 

der die Seile seine Liebe in dir verankerte

oder die Bänder der Freundschaft

oder die Ketten von unglücklichen Begegnungen


Aber ein Strom stieg empor.

Deine Neugier, deine Offenheit, 

volles Zutrauen, Begeisterung

Staunen, Unvoreingenommenheit,

Mitgefühl, Leidenschaft.

Der tränkte Dein Leben, damit fing es an,

damit du hinausgehen, lieben, lernen , nachfragen, 

wissen, einsteigen, loslegen konntest.


DU lebendiges Wesen.

Alle Möglichkeiten offen.

Und Gott pflanzte eine Heimat in dein Herz,

Eltern, Großeltern, geliebte Menschen,

Wegbegleiter, nahe Freunde, Selenverwandte.


Gott ließ wachsen,

damit du gut versorgt bist

Damit du dich entscheiden kannst

Eigentlich

damit du glücklich sein kannst.


Himmel und Erde

Da pflanzte Gott in dein Herz den Baum der Lebens

ganz tief hinten.

Du wirst ihn nie verlieren. 

Einmal, ganz am Ende,

wirst du hingehen und bleiben.

Und Gott hat dir gegeben den Baum 

der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Und die Freiheit

das eine oder das andere zu tun.

Und er hat Dir die Aufgabe gegeben, 

zu gestalten  und zu behüten


Mehr geht nicht. 


Und jetzt. Und heute. 

Eine ganze Zeit nach dieser Zeit, 

als Gott alles machte.

Wie sieht Dein Garten aus?

Ein Garten Eden.

Gepflegtes und Verkümmertes.

Heraus Gerissenes und Umsorgtes.

Und Sachen, die zu viel sind,

lästig, belastend, Sorgen.


Alle Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ (1. Petrus 5,7)

sagt die Heilige Schrift.




Also.

Was würdest Du Heute werfen?

Weit. Weit weg.

Welche Sorge wäre es?


Was würdest Du am Liebsten noch hinterher werfen?

Was willst Du los sein?

Wirf. Wirf doch!


Ich werfe heute

die Ansgt, krank zu werden 

jemanden verlieren

ich werfe meine tiefe Scham über Moria

meine Zagen für die mutigen Frauen in Minsk


ich werfe heute meine Wut 

auf Menschen, die rassistisch sind oder egoistisch

ich werfe meine Sorgen um perfekt gesaugte Teppichböden

die Sorge um gut sitzende Frisur

zu viel essen, zu wenig zu helfen

zu viel noch lösen zu müssen


auf gott.



Das ist die Geschichte von Himmel und Erde.

Sie erzählt, dass sie sich berühren.

Himmel und Erde

gott und ich

jetzt 

immer

so ist alles gemacht.

amen


Und der Friede Gottes der höher ist als unsre Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß 

und stärke unsre Liebe. Amen.

Samstag, 5. September 2020

Andreas hängt die Gardinen auf

Erzählungen aus den ersten Christengemeinden:

"Die Gemeinde wuchs und die Zahl der Jünger und Jüngerinnen wurde immer größer. Da kam es – um eben diese Zeit – zu einem Streit zwischen den Griechisch sprechenden Juden in der Gemeinde und denen mit hebräischer Muttersprache. Die griechische Gruppe beschwerte sich darüber, dass ihre Witwen bei der täglichen Verteilung von Lebensmitteln benachteiligt würden. Da riefen die Zwölf die ganze Gemeinde zusammen und sagten: »Es geht nicht an, dass wir die Verkündigung der Botschaft Gottes vernachlässigen und uns um die Verteilung der Lebensmittel kümmern. Darum, liebe Brüder und Schwestern, wählt aus eurer Mitte sieben Männer aus, die einen guten Ruf haben und vom Geist Gottes und von Weisheit erfüllt sind. Ihnen wollen wir diese Aufgabe übertragen. Wir selbst werden uns auch weiterhin mit ganzer Kraft dem Gebet und der Verkündigung der Botschaft Gottes widmen.«  Alle waren mit dem Vorschlag einverstanden. Sie wählten Stephanus, einen Mann voll lebendigen Glaubens und erfüllt vom Heiligen Geist; außerdem Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Nichtjuden aus der Stadt Antiochia, der zum Judentum übergetreten war. Diese sieben brachten sie zu den Aposteln. Die beteten für sie und legten ihnen die Hände auf. Die Botschaft Gottes aber breitete sich weiter aus. Die Zahl der Glaubenden in Jerusalem stieg von Tag zu Tag. Auch viele Priester folgten dem Aufruf zum Glauben." (Apostelgeschichte, Kap. 6)



Predigt von Andreas, der Gardinen aufhängt  


Es war an einem Montagmorgen.

Monika kam gerade rechtzeitig zu Ines.

Es war vor um 6.00 Uhr. Ines musste zur Arbeit.

Sie küsste ihre drei Kinder und schloss die Tür, 

die Kinder sprangen jubelnd an Monika hoch. 

Sie würden erstmal in Ruhe Frühstück essen, 

bevor sie all ein den Kindergarten und in die Schule brachte.

Wie gut, dass Monika da war.

Nebenan bei Herta und Wolf war es noch ruhig.

Das heißt, abgesehen von dem kleinen wischenden Geräusch, 

das der Beutel mit frischen Brötchen an der Tür machte, 

den Margitta gerade angehängt hatte auf ihrer Brötchentour.


Wenn Herta und Wolf nachher in Ruhe gefrühstückt hätten, 

würden sie Wolfgang anrufen, der am Dorfrand wohnte 

in einem unsanierten alten Häuschen. 

„Für mich reicht es doch noch!“, sagte er immer. 

Aber er war einsam. Jetzt nicht mehr so, seit Herta und Wolf 

ihn nach dem Frühstück anrufen und sie gemeinsam 

über das Telefon das Tagesrätsel aus der Zeitung lösten.


Vor dem Haus fuhr der grüne Kombi vom Friedel vorbei. 

Sie war zwar auch schon so alt wie Herta und Wolf, 

aber fit wie ein Turnschuh, sagte sie immer. 

Die ehemalige Busfahrerin liebte es, auf die Tube zu drücken. 

Aber jetzt, wenn sie vormittags ältere Leute aus dem Dorf 

mit dem Bus der Kirchengemeinde zum Arzt fuhr, 

dann fuhr sie etwas langsamer. Sie hatte jeden Tag 

mindestens eine Tour. Der Ärzte waren alle in der Stadt. 


Zu diesem Zeitpunkt öffnete Manuela die Tür zum Gemeindeladen. 

Das Wort „Laden“ drückt gar nicht aus, was dort alles geschah, 

neben Butter und Milch gab es auch eine Tasse Kaffe, 

gute Ratschläge, Pakete zu frankieren, jemanden fest 

in den Arm zu nehmen, oder sogar mal den Hosenknopf 

von Wolfgang anzunähen, weil der nicht mehr gut sehen konnte.  


Später würden im Hinterzimmer die Leute von dem Wohnblock vorne 

eine Suppe bei ihr bekommen. Aus dem Gemüse, das nicht mehr 

für den Verkauf gut war, kochte sie für alle, deren Portemonnaie 

schon in der Mitte des Monats leer war.


Andreas schaute auf einen Kaffee herein. Der Kirchenhandwerker. 

Für eine kleine Spende schloss er den neuen Wasserhahn von 

Hanna und Ernst an und hängte die Gardinen von Wolfgang auf, 

die Ines, seine Nachbarin für ihn mitgewaschen hatte. 


Manchmal mussten sie alle im Dorf über den Mann von neulich lachen, 

der auf der Durchreise war und bei einer Tasse Kaffee im Laden 

gefragt hatte, ob denn alle im Dorf miteinander verwandt waren.


Nein, das waren sie nicht.

Monika, Margitta, Herta und Wolf, Wölfgang, Frieda, Manuela und Andreas

waren nicht verwandt. Eines Tages hatten sie genug davon, 

nur in der Kirche von Nächstenliebe zu reden. 

Sie hatten genug davon, dass es in ihrem reichen Land 

arme oder einsame oder traurige Menschen gab, 

die so viel weniger zum Leben hatten als andere. 

Sie hatten bemerkt, dass jede und jeder von ihnen 

noch Zeit und Kraft und Liebe übrig hatte. 

Am Anfang hatten sie Angst, 

dass ihnen das alles zu viel werden könnte, 

aber es war etwas geschehen, das sie nicht erwartet hatten: 

es machte Spaß, eine Gemeinschaft wuchs, 

die sie so noch nie hatten, sie fühlten sich der Bibel näher als je zuvor. 

Sie hatten einfach aufgehört zu reden und hatten gemacht. 

Das war die einfache Lösung gewesen. Wer hätte das gedacht.


Das war eine ausgedachte Geschichte. Eine Art Wunschgeschichte. 

Die Apostelgeschichte erzählt, wie die ersten christlichen Gemeinden

immer größer wurden. Wie sie den Überblick über all die vielen

Schwestern und Brüder verloren. Wie welche aus dem Blick gerieten,

übersehen wurden. Und wie sie eine Lösung fanden. 

Sie erzählt, dass sie nicht anfingen Grundsatzdebatten zu führen, 

wer was verdient hätte und wer eigentlich was hätte tun sollen, 

wer sonst noch zuständig sei für diese Witwen 

- sie machten eine pragmatische Lösung.


Nach einer Studie fühlt sich 1/3 unserer Gesellschaft als unsichtbar. 

Sie fühlen sich nicht gesehen. Übersehen. 

Sie kommen auch ihrem Gefühl nicht vor. 

Und das sind Menschen aus alle Gesellschaftsschichten. 

Wie kann das sein? Ungesehene Menschen direkt neben uns? 

Übersehen werden tut weh! Sich offenbaren, wo der Schuh drückt, 

wo man sich zurück gelassen fühlt, entblößt. 

Wem kann man das schon direkt sagen: 

„Du ich fühle mich nicht gesehen?“ 

Jeder Dritte fühlt es aber so. Das sind viele.


Der Samaritaner hat etwas gekonnt: sehen was dran ist. 

Sich zuständig fühlen wo einer etwas braucht. 

Sich zuständig fühlen! Sich angesprochen fühlen! Handeln! 

Nicht rumquatschen. Handeln. 

In den Arm nehmen, besuchen, zuhören, eine Suppe kochen, 

die Gardinen aufhängen, die Kinder mal eine Stunde nehmen, 

zum Arzt fahren, den Knopf annähen, ein Schiff schicken. 

Handeln. An meinen Nächsten. Menschen in meiner Nähe. 

Direkt neben mir.


„Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“, sagt Jesus. 

Das sind nicht die andern, sondern Du! Wir! 

Wir machen das Reich Gottes!  Jetzt hier! Oder eben nicht. 

Nicht immerzu, aber öfter bitte. Und das Reich Gottes ist klein, 

wie ein Senfkorn. Kein Stein auf deinem Rücken. 

Aber es passt in jede Ritze. 

Den anderen nicht übersehen und nicht übersehen werden, 

gehört dazu zum Reich Gottes. 

Und sich zuständig fühlen gehört dazu. 

Und Herzensverstand.  Amen

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß 

und stärke unsre Liebe. Amen. 





Samstag, 22. August 2020

Gott ist vorne und hinten.

Diese Geschichte erzählt Lukas in seinem Evangelium:

"Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden."


Gott ist vorne und hinten


Einmal hatte ich einen Roman, den konnte man von zwei Seiten lesen. Man konnte vorne anfangen, den Buchdeckel aufschlagen und beginnen, die Geschichte zu lesen. Oder man konnte das Buch umdrehen - dann war plötzlich die andere Seite vorne und man konnte von dort eine vermeintlich ganz andere Geschichte lesen. Und in der Mitte - trafen sich die beiden Geschichten und verbanden sich und es wurde eine Geschichte daraus.


So etwa ist das mit dem Evangelium heute.

So möchte ich es euch erzählen.


I ) Markus war auf dem Weg zum Gotteshaus.

Er wollte beten.

Er lief mit zügigen Schritten.

Sein Gang war federnd und leicht.

Er ging wie einer, dem das Leben leicht war.

Wie einer, der es geschafft hatte.

Dessen Sorgen geknackt waren wie Walnüsse, 

und bis auf den letzten Krümel vertilgt.

Der im Reinen war mit sich.

Zumindest in diesem Moment.

Zufrieden.

Gesund.

Zu recht ein wenig stolz auf das Eigene.

Maximal optimistisch.

Und gerade heiter und dankbar.

Ohne Arroganz tief dankbar für das was ist.

Sich wohl bewusst, dass all das ein Privileg war.

Das Privileg des inneren Friedens.

Ein Stück Seligkeit.

Er genoss das Gefühl.

Oft genug war es anders gewesen.

Und darum hielt er es jetzt gerade fest. 

Alles fühlte sich gerade so richtig an.

Er selbst fühlte sich richtig an. 

Ja! Er musste ausatmen vor Glück.





II) Jens war auf dem Weg zum Gotteshaus.

Er musste dringend beten.

Oder doch nicht?

Wollte ihn Gott so haben?

Er stockte. Seine Schritte waren schleppend.

Eine Träne lief aus dem Augenwinkel. Die Nase lief.

Er stand innerlich an einer Kreuzung 

mit vier Sackgassenschildern.

Er kam sich vor wie eine zerknitterte alte Toastbrottüte,

leer und nutzlos.

Er hatte alles falsch gemacht.

Ihm schien, dass alles seine Schuld war.

Das Ergebnis war Streit und Einsamkeit,

Tränen, Unzufriedenheit, Wut, Erschöpfung.

Nichts gelang ihm. 

Immer lag er daneben, verletzte Menschen.

Das Glück rann ihm durch die Finger.

Ihm fehlte Disziplin.

Er hasste sich selbst dafür. Er hasst sich für Vieles.

Maximal erdrückend war das.

Er schlief kaum noch.

Alles war so falsch und unbefriedigend.

Kaum auszuhalten.

Traurig und tragisch.

Er bekam kaum Luft.





I) Markus betrat die Kirche

mit seinen federnden Schritten.

Er schritt fröhlich bis ganz nach vorne

ins Licht.

Das durften die anderen ruhig sehen.

Sein Glück.

Seinen Erfolg.

Seine Stärke.

Dass er sich wohl fühlte.

Gott sollte es auch sehen.

Und er wollt einfach Danke sagen.

Danke. Danke. Danke.

Vielleicht wollte er es hundertmal sagen.

Unendlich viele Male.



II) Jens betrat die Kirche.

hatte er noch das Recht dazu.

Würde ihn jemand hindern?

Würde Gott ihn ansehen?

Er schaffte es über die Schwelle, aber nicht weiter.

Dort unter der Empore im Dunkeln war sein Platz.

Im Schutz der Dunkelheit.

Nicht mittendrin.

Sondern am Rand.

Außen.

Seine Not sollte niemand sehen.

Was er alles zu sagen hätte.

Aber jetzt rollten einfach nur Tränen über sein Gesicht

und er dachte bestimmt hundertmal:

„Es tut mir so leid! Es tut mir leid es tut mir leid.“






I+II) 

Markus und Jens stehen in der Kirche.

Markus spürte Einen zerknirscht gebeugt in seinem Rücken.

Jens sah vorne Einen mit lässigen freien Bewegungen.


„Ich danke dir, dass ich nicht so bin wie er.“

- dachte das Markus wirklich schmerzfrei?

Danke dass ich nicht krank bin, schuldig bin, gebeugt bin, eine fiese Type bin, rücksichtslos bin. So wie der vielleicht.

Ist das so falsch? Ehrlich. 

Das habe ich manchmal schon gedacht.


„Sei mir nur gnädig“ 

- hat Jens nicht wenigstens ein wenig den Blick heben können?

Ich will gar nichts für mich, nichts richtig stellen, nicht entschuldigen, es ist eh alles umsonst. 

Resignationsende. Keine Optionen mehr. Das gibt’s wirklich.


„Danke dass ich nicht so bin“ - ohne jegliches Mitgefühl jemand sagen hören - ja, das tut weh.

„Sei mir gnädig…“ - wie einer, der sich keinen Pfifferling wert fühlt - tut mir aber auch weh.


Gott sagt: Ich will dich behüten auf allen deinen Wegen.

Dein Weg ist jeden Tag ein  anderer.


Heute will ich dich davor behüten, dass du selbstgefällig wirst, egoistisch, anmaßend, hochmütig, engherzig, herablassend oder selbstherrlich.


Morgen will dich davor behüten, dass du dich selbst vergisst, dass du befangen bist und eingeschüchtert, selbstverachtend, feige und mutlos.


Verstehst du? Ich will dich behüten auf ALLEN deinen Wegen. 

Ich will dich stützen, 

dich beleben, 

dir beistehen 

- damit du - wenn du zu mir kommst, 

gerechtfertigt nach Haus gehen kannst. 

Mit weniger Last. Mit weiterem Blick.






IV) - letzte Szene:

ICH trete ein in diese Kirche. 

Stehe irgendwo zwischen Jens und Markus. 

Jesus würde vielleicht einfach ihre Hände nehmen denke ich.

Ohne Druck. Nur sie halten. So lange wie nötig.

Und meine Hände vielleicht.

Und dass es schön sein kann, mal da vorne zu stehen und im Licht und mal da hinten im Schutz der Dunkelheit., denke ich.

Und dass da viel Platz ist, spüre ich - nach vorne und hinten.

Und dass über uns der Geist Gottes schwebt 

- vorne und hinten, ahne ich. amen.


Und der Friede Gottes der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen.






Montag, 17. August 2020

sieh an der schönen Gärten Zier..

Bilderbuchschnecke

Ich steige ins Auto und lege den Gang ein. Geschwind geht es hinaus aus dem Dorf, gleich zum ersten Termin. Am Ortsausgangsschild gebe ich Gas. Die Strecke schnellstmöglichst zu schaffen, das wäre gut. Dann bleibt mir Zeit. Zeit wozu eigentlich? Als könnte ich die Zeit damit austricksen. Und als bliebe mir mehr Zeit, wenn ich mich beeilte. Und als wäre das jetzt, in diesem Moment,  keine richtige Zeit. Das geht mir oft so: Noch schnell dieses tun, um dann Zeit zu haben. 

In meinem Augenwinkel irritiert mich etwas. Was ist mit meinem rechten Außenspiegel? Nach der nächsten Kurve schaue ich genauer hinüber. Nicht zu fassen! Eine kleine Schnecke sitzt auf meinem Außenspiegel, während ich mit 80 km/h über die Landstraße fliege und krabbelt gemütlich über den Rand. Lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Ihr Körper saugt sich Stück für Stück voran. Sorgsam tasten die Fühler. Sie hält inne. Bewegt die Fühler. Glibbert weiter. Lächelnd und entspannt fahre ich die vertrauten Kurven und Abzweige bis zu meinem Ziel. Langsam steige ich aus dem Auto. Suche einen schönen Strauch für die Schnecke. Setze Fuß vor Fuß. Strecke meine Fühler aus, sehe den Menschen ins Gesicht, die mir entgegen kommen. Rieche den frischen Regen und die Rosen am Wegrand. Nur keine Eile. Mein Haus aus Wärme und Zuversicht liegt mir ja fest auf dem Rücken. 


Die Welt kann Dir ein Bilderbuch Gottes sein. Der Regen erinnert Dich an die Frische, das Grün an die Möglichkeit zu wachsen und der Sommer an die Wonne. Steine erinnern an Unwegsames, Wege ans Weitergehen, Dornen an Verletzungen und die Wolken an die Leichtigkeit. Lass Dir in Zeiten der Dürre gute Bilder zu einer Quelle dessen werden, was Dir gerade fehlt! Nimm von der Schnecke die Gelassenheit. Nimm vom Löwenzahn die Verwegenheit. Nimm vom Himmel die Beständigkeit und Weite. Im Sommer singen wir in unseren Gemeinden gerne: „Geh aus mein Herz und suche Freud!“ Geh so in die Woche! Lass Dein Herz die Freude suchen. Lass Dich jeden Tag stärken vom guten Bilderbuch Gottes.




... passt auf Eure Liebe auf...

  Predigt am 19. Juli in Stendal Predigttext Hebräerbrief 13, 1-3: Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.  Vergesst ...