Sonntag, 18. April 2021

Ich hab eine Herde....

 Predigt für den 18. April 2021



Sie stehen eng bei eng. Kaum zu unterscheiden. Es raschelt. Ihre Körper verbreiten Wärme. Es ist eine wabernde Menge aus Köpfen und Hufen, aus Augen und grauweißem Flies. Hunderte sind es. Scheinbar ruhig. Gott sei dank ist das meistens so. Sie stehen. Kauen. Schauen. Traben. Schnuppern. Schuppern. Drängen sich zusammen. Ganz in der Mitte stehen tiefenentspannt die glücklichen Bilder aus meiner Kindheit. Mit dickem Pelz. Sie kauen und kauen die alten Szenen und Gefühle wohlig wieder. Umarmungen von den Großeltern. Gehaltensein von Mutter und Vater. Getragensein. Schaukeln. Gestreichelt werden. Gelobt werden. Kichern. Auf dem Schoß sitzen. Ein Zauber liegt auf ihnen. Sie schaukeln vertraut und beruhigend mit ihre dicken Körpern hin und her. Inmitten von mir. Ich bin froh, dass ich sie habe. Dazwischen stehen aber auch so ein paar schwarze Schafe mit spitzen Hörnern und fiesen Hufen: Ereignisse, die mich irgendwann sehr verletzt haben. Sie gehören auch zu meiner Herde. Sie haben die blöde Angewohnheit mit ihren spitzen Hörnern immer wieder mal zuzustechen oder mit den Hufen zu treten. Und dann höre ich wieder das gehässige Lachen von damals und fühle die verletzende Worte von einst, als wären sie heute. Da leben sie. In mir. Die weißen und ein paar schwarze. Kräftige, Schwächliche. Mickrige. Schwere. Mutige. Sanfte. Vorwitzige. Leitschafe und Angstschafe. Da stehen sie alle zusammen. Kauend. Schauend. Aufmerksam. Es sind alle meine Erinnerungen, meine Ängste. Meine Erfolge. Meine Schwächen. Meine Glücksmomente. Dicke wollige Erfahrungsschafe, schwer und behäbig, die manchmal misstrauisch auf die Jungschafe schauen. Neuen Erfahrungen begegnen sie mit Wohligkeitsgrusel. Halb Neugier - halb Schrecken. Grundsätzlich lieber mag meine innere Herde es, wenn alles so bleibt. Wenn alles ruhig läuft. Wenn es keine Überraschungen gibt. Verlässlichkeit. Regelmäßigkeit. Das mögen die alten Schafe. Eigentlich mögen sie es alle. Denn sie sind fürchterlich schreckhaft. Wenn nur eines zuckt, zucken alle, wenn eines rennt, rennen alle mit. Zumindest ein kleines Stückchen. Einen Schrecksprung weit. Dann erst schauen sie. Das ist mein Zurückschrecken, wenn Neues kommt. Das ist der Reflex der Flucht, wenn Unbekanntes und Übergroßes auf mich zu kommt. Zack und weg. Hin zu Herde, zu dem Vertrauten. Kauen, Stehen. Glotzen. Nicht zu viel bewegen bitte. Kleine Schritte. Kein Stress. Das ist ungesund für die Verdauung. Denn all das, was in meinem Leben passiert, ist das Gras, das sie fressen, es muss durch sie hindurch. Stress in der Verdauung bekommt ihnen nicht. Unverdaute Erlebnisse liegen mir schwer im Magen. Und dennoch: Stillstand mögen sie nun auch wieder nicht. Bewegung ist ihre Natur. Sie haben eine naturgegebene Neugier - darauf wo es was zu finden gibt. Zu Futtern. Weitergehen. Der nächste Halm. Kauen. Glotzen. Essen. Weiter gehen. Alles beobachten. 


Diese Herde braucht lebenslang meine Aufmerksamkeit. Meine Sorge. Meine Fürsorge. Meine Hege. Immer wieder muss irgendwo die Wolle runter. Alter Filz der Gedanken und Abgetragenes. Sonst erdrückt es meine Seele. Und man findet sich gar nicht mehr durch. Am schlimmsten ist alter Filz. Der lässt sich kaum mehr trennen. Ablegen, loslassen, zurücklassen gehört zum Leben dazu. Weitergehen. Und einmal im Jahr mindestens die Klauen schneiden und das Kranke behandeln. Sehen, wo es lahmt und sich krümmt. So muss man eine Herde pflegen. So muss ich mich pflegen. Die  Herde in mir, die auf 1,69 m wohnt. Es ist meine Herde. Sie zieht mit mir von Weide zu Weide. Von Tag zu Tag. Braucht ständig neues Futter. Braucht frisches Wasser. Braucht Ruhezeiten. Zeiten zum Wiederkäuen und Verdauen. Braucht Vertrautes. Manche verlassen die Herde. Manche kommen dazu. Fällt ein Wolf in die Herde, wird es schlimm: gibt es Unglück und Angst, Bitternis und Krankheit, dann nimmt meine Herde Schaden. 

Wie sollte ich diese ganze Herde alleine hüten? 

Meine Grenzen. Meine Mitte. Die Ausreißer. Die Ungesehenen?


Der Eine spricht zu mir: 

„Du sollst meine Herde sein, die Herde meiner Weide.

Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ich selbst will meine Schafe weiden.

Ich will sie auf die beste Weide führen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will mich deiner Herde selbst annehmen.

So wahr ich lebe, spricht Gott.“


Gott, du Hirte meiner Seele. Du Hüterin meines Lebens.

Ich kenne dich. Deine Stimme in meinem Leben. 

Du bist rundherum um meine kleine innere Herde. 

Du zeigst mir die schönen Weideplätze und lässt mich ruhig bleiben im dunklen Stall. Du gehst mit mir durch Winter- und Sommerzeiten. Herbst, Vergehen, Frühling, Aufbrüche. 


Und darum stehen meine Schafe weise kauend da zusammen. Das dicke Mutschaf schuppert beruhigend seitlich an der Angst. Das hopsende Schaf meiner durchgehenden Nerven findet sich am Ende wieder gut orientiert neben dem hellen, dem nie die Wolle dunkel wird. Sie stehen da zusammen. Und tatsächlich können sie auch hopsen. Wirklich. Wie eine wildgewordene Rock´n Roll-Band können sie mit allen Vieren ausgelassen in die Lüfte springen, Haken schlagen, vor Fröhlichkeit regelrecht ausrasten. Dann kommt ein tiefes Lachen in mir auf oder ein Glücksflattern in meine Bauch. Und tatsächlich können sie sich manchmal bockig zusammenstellen wie ein Einziges und ich finde mich nicht mehr in mir selbst zurecht. Doch ich weiß, der Hüter ist irgendwo da. Und tatsächlich gibt es so vorwitzige Gestalten, die immer als erstes herlaufen oder die immer an vorderster Front den anderen die Bissen wegschnappen. Meine Schwächen und meine immer gleichen Fallen, in die ich tappe, mein vorlauter Mund und mein vorschnelles Urteilen, meine Blitzreaktionen und meine Schlagfertigkeit. Mein guter Hirte steht am Rande. Und sie kriegen sich wieder ein. Es kann aber auch vorkommen, dass ich Rotz- und Wasser heulend nach ihm suche. Das kann vorkommen. Vielleicht sucht er dann gerade das Verlorene in mir. 


Gott, du bist mein Hirte. Die gute Hüterin meines Lebens. 

Mehr kann ich nicht sagen. Das ist: Alles. Amen.


Und Gott, Hirte und Hüterin, ziehe ein zu Deinen Ängsten und Freuden, und Deinen Erinnerungen und Vorhaben. Gott halte deinen Verstand wach und deine Hoffnung groß und stärke deine Liebe. Amen. 


Samstag, 3. April 2021

 Von falscher Fürsorge. Für alle die wir in die Wüste schicken.

Gute Besserung und ich solle mich erstmal erholen, schreibt die Redakteurin freundlich. Sie hätten jetzt schnell jemanden anderen für die zwei Texte gesucht. Vor Monaten hatte ich diese beiden Texte zugesagt. Nicht ahnend, dass sich ein LongCovid wie ein Stein an meine Beine und Hände hängen und mein Denken langsam machen würde. Ich hatte mich dennoch entschieden, meine wenige Kraft dafür zu investieren. Hatte getan, was man tut, wenn man Texte vorbereitet: Gedanken notiert, recherchiert, Ideen gesammelt. Den ersten Text gab ich rechtzeitig drei Tag vor Ablauf der Frist ab. Dazu schrieb ich - wie so oft in letzter Zeit - die Bitte, den Text nochmal auf Fehler zu überprüfen, weil eine Langzeiterkrankung meine Konzentration schwächt. Ich verabredete mich mit jemanden zu einem Gespräch für den zweiten Text und bereitete ihn vor. Wertvolle Zeit von meiner Zeit und wertvolle Kraft von meiner im Moment kleinen Kraft - weil mir diese Texte wichtig waren. Dann kam die Antwort der Redaktion. „Gute Besserung“, „…wir haben doch mal jemand anderen gefragt“… „sie sind ja krank“… Sicher, wie sich heraus stellte, stimmte die Textlänge nicht ganz, aber das hätte ich schnell beheben können. Würde man nicht sonst erstmal die Autorin darauf aufmerksam machen und ihr die Gelegenheit geben, das zu korrigieren, zumal wenn dafür noch Zeit ist? Ich hatte schließlich ausdrücklich dazu aufgefordert. Was vielleicht fürsorglich gemeint war, schlug mir hässlich ins Gesicht. Ich wurde einfach ausgetauscht. Ich hatte nicht funktioniert wie geplant. Und ich denke: ja, so machen wir das immerzu. Ich nehme mich da nicht heraus. Wir nehmen, denen, die nicht so ganz funktionieren, die Dinge gerne einfach aus der Hand. Das ist weniger anstrengend für uns. Wir beenden den Satz dessen, der stammelt. Wir schieben die Rollstuhlfahrer irgendwohin ohne zu fragen. Wir komplimentieren den psychisch kranken Kollegen nach nach Hause, um nicht mit Tränen konfrontiert zu werden. Wir schicken sie einfach in die Wüste. Was für eine Kraft müssen all jene aufbringen, um das täglich hinzunehmen. Heute, an Karsamstag, möchte ich für alle beten, die wir permanent in die Wüste schicken aufgrund irgendeiner vermeintlichen Nichtfunktion. Weil sie nicht in unser perfektes Uhrwerk passen. Wir halten das für Fürsorge. Aber in Wahrheit schicken wir sie in die Wüste. Und sie selber müssen die Kraft aufbringen, dort immer wieder hinaus zu kommen.


 

Herr, erbarme dich. Lass Wüstenwege für sie blühen. Amen.


 


Sonntag, 28. März 2021

Predigt an Palmarum 2021

                            Von Eseln und der Zuversicht...



Eines Tages - es ist vor dem Passahfest - zieht Jesus in Jerusalem ein.                                                  

Er kommt auf einem Esel. 

Es schaukelt und hoppelt auf dem Eselsrücken.

Manchmal bleibt sie stehen und knabbert irgendwo.

Da wäre es ja beinahe zu Fuß schneller gewesen. 

Seine Beine hängen fast bis auf die Erde. 

Jesus spürt ihre Wärme. 

Und ihre Treue. 

Er sieht die klugen Augen. 

Er mag Esel. 

Diese hier ist ein besonderes Exemplar.

Dennoch. 

„Ach, Vater“, denkt er,

„nun hast du mir nur diesen Esel gegeben.

Es hätte auch anders sein können.

Aber jetzt sitze ich darauf.

Auf diesem schaukelnden Wesen.

Das mich klein macht.

Und noch unbedeutender.

Wer kennt schon die alten Schriften noch, 

die von einem Erlöser auf einem Esel berichten?

Sieger sehen anders aus.

Die Leute, die mir heute zujubeln,

werden mich morgen verurteilen.

Ich kann dieser Situation nicht entkommen.

Ich reite wie zu meinem eigenen Schafott, 

ich kann es nicht ändern.

Vater, hast du einen Plan?“

Jesus reitet weiter auf diesem Esel, in das, was kommt.

Er glaubt an Gottes Pläne.


„Der Glaube“, 

schreibt jemand wegen Jesus irgendwann später,

„ist eine feste Zuversicht

von etwas, das man hofft

und das man gar nicht sehen kann.“


„Ach, Gott,“ denkt sie,

„nun hast du mir diese Krankheit gegeben,

Es hätte auch anders sein können.

Ich werde mit ihr durch die nächsten Zeiten gehen und

kann nicht entkommen.

Stur muss ich auf ihrem Rücken vorwärts ziehen. 

Nach jedem vergangenen Tag kommt ein neuer, 

der mich die Krankheit spüren lässt.

Auf dem Rücken der Krankheit sieht die Welt anders aus.

Ich bin so entfernt von den anderen.

Gott, Was ist dein Plan?“

Sie geht weiter in jeden neuen Tag,

vielleicht glaubt sie an einen Plan.

Der Glaube ist eine feste Zuversicht…


„Nein,“ denkt er,

„Nicht am Spiegel vorbei.“ Nicht heute.

Das würde ihm den letzten Mut nehmen.

Er streift das extra weite Shirt über.

„Ach, mein Gott,“ denkt er,

„nun hast du mir diesen Körper gegeben, dass ich mit ihm durch mein Leben kreuze. 

Es hätte auch anders sein können.

Ja, schon, er fühlt sich warm an und vertraut und doch macht er mich klein und unbeliebt. Gewinner sehen anders aus. Ich sehe die Augen der anderen auf diesem Körper und es ist mir peinlich, unangenehm. Ich kämpfe damit. Mein Gott, Was ist dein Plan?“

Er kann nur weiter gehen MIT diesem Körper.

Vielleicht glaubt er.

Der Glaube ist eine feste Zuversicht…


„Ach man,“ brüllt sie im Garten,

weit draußen bei den Obstbäumen,

wo niemand sie hört 

und nur noch das weite leere Feld kommt.

„Ach man! Wieso bin ich so alleine?

Nun hast du mir die Einsamkeit gegeben.

Es hätte auch anders sein können,

findest du nicht?

Ich stolpere mit mir einsam durch meine Tage.

Es gibt schon welche, die sich freundlich um mich bemühen, aber es macht die Sache nicht besser.

Ach, Gott, was ist dein Plan?

Sie läuft stockend weiter so alleine,

manchmal glaubt sie an jemanden.

Der Glaube ist eine feste Zuversicht….


„Ach…“, steigt es in ihm hoch, als er den letzten Putzlappen des Tages in den Eimer pfeffert. „Ach… nun habe ich diese Arbeit und sie ist nichts wert, wie ein Putzlappen so betrachtet man mich. Es hätte auch anders sein können.

Ich bin nichts wert in ihren Augen. Andere sind stolz und bedeutend. Ohne mich ginge es gar nicht und doch beachtet mich niemand. Er macht weiter mit dem was er tut. Manchmal glaubt er, es könnte sich alles ändern.

Der Glaube ist eine feste Zuversicht….



Ein Esel.

Ein grauer Rücken.

Fakten deines Lebens auf denen du reitest.

Dein Leben ist warm und dir vertraut.

Es ist irgendwie treu,

du kennst die Augen deines Lebens von Anfang an.

Manchmal schaukelt es und bockt.

Es gibt kein anderes Leben.

Es zieht in Treue seinen Weg mit dir.

Unsichtbar

Wie ein Esel Gottes.

Andere teilen deinen Weg.

Sehen von außen wie wunderbar du bist.

Sehen was du nicht siehst.

Manche stehen dir im Weg,

manche bereiten dir den Weg.


Und der Glaube?

Der Glaube ist eine feste Zuversicht

von etwas das man hofft.

Die Hoffnung ist ein warmer Eselsrücken,

der verrückterweise trägt.

Dich wärmt. Den Weg kennt.


Wenn ich also gefragt würde, wo Gott war, als Jesus in Jerusalem einzog….

 

Möglicherweise war Gott ein Esel - nur das wusste da niemand und auch uns ist es verborgen.

Möglicherweise ist er immer ausgerechnet dort, 

wo er das schwerste Gewicht des Tages tragen müsste:

- diesen Menschen mit Augen und Mund, Seele und Gemüt und sein Herz. 

- mich mit Augen und Mund, Seele und Gemüt und mein Herz. 

 

Das ist doch möglich.... Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen.



 

Psalm 69 im Jahr 2021

Gott, hilf mir! Mein Alltag drückt mir auf die Brust.
Ich verliere den Faden. Ich finde mich nicht mehr zurecht.
Die Welt scheint sich aufzulösen.
Mir schwimmen wichtige Teile meines Lebens davon.
Das nimmt mir die Lebensfreude.
Das dreht die Flamme meiner Energie immer kleiner.
Ich habe mich müde gehört an all den Prognose.
Meine Stimme ist erschöpft von all den Diskussionen.
Mein Geist hat genug von all der Akrobatik immer neuer Zustände.
Meine Augen haben Sehnsucht nach dem Meer und können das kleine Glück nicht mehr sehen.
Weil alles so lange dauert.
Weil alles so gegen mein Leben läuft.
Weil so vieles ohne mich entschieden wird.
Lass mich nicht kleben bleiben an den Nachrichten des Tages.
Lass die Dinge keine Gewalt haben über meine Seele. 
Lass mich nicht gewöhnen an Abstand und Ferne und traurige Sehnsucht. 
Höre auch meine Wut und meine Zerschlagenheit!
Ich will sie nicht mehr.
Sieh an, wie fremd mein Leben geworden ist.
Ich sehne mich zurück.
Spüre du meine ungeweinten Tränen, die mir peinlich sind,
weil ich ja noch lebe. 
Komm doch, du, Gott, komm, Geistkraft, mit deiner guten Hilfe.
Ich bete zu dir in dieser Zeit. 
Sieh meine innere Not.
Lass nicht die Traurigkeit mein Herz besetzen.
Verbirg das Leben nicht vor meinen Augen. 
Hol mich heraus aus Selbstmitleid und Bitternis. 
Lass mich deinen Trost schmecken
und deinen Himmel atmen.
Meine Hände wollen keine Schwere mehr tragen. 
Mein Mund will lachen und singen,
meine Füße tanzen und schlendern.
Mein Herz will aufleben.
Mein Leben will sich regen.
Ich habe das Ausharren satt.
Es tut gut, das jetzt loszuwerden.
Du kannst mir helfen, Gott:
meinen Tränen und meinem Geist,
meinem Körper, der Seele, den Händen, dem Gemüt,
den Augen, meinem Mund
und meinem Herzen. Amen.

Donnerstag, 4. Februar 2021

 Coronastation, 14 Uhr. 




Ich will nicht mehr leben, sagt sie.

Mein Leben ist doch zu nichts mehr nütze.

Der Krebs plagt sie und nun auch noch Corona.

Ich möchte sterben, bitte, sagt sie.

Jetzt.

Ich möchte nicht mehr.

Andere sterben doch auch daran.

Ich bin 98. Ich habe genug

Ich will nicht mehr.

Ich brauche kein Leben mehr.

Ich gebe ihnen mein Herz, meine Nieren, die Lunge.

Was auch immer Sie wollen,

Sie können alles haben.

Und wenn mein Herz nicht mehr  da ist, 

dann ist mein Leben endlich zu Ende.

Es geht nicht so, sage ich

Was ist das für ein blödes Gesetz, sagt sie.

Ich will nicht mehr leben.

Helfen Sie mir doch bitte.

Das geht nicht, sage ich.

Ich will das nicht mehr, sagt sie

und übergibt sich.

Sie atmet schwer.

Vielleicht sage ich. Nimmt Gott Sie jetzt mit.

Aber vielleicht auch nicht.

Ich weiß es nicht.

Ich will kein Leid mehr, sagt sie.

Ich will nicht mehr.

Mein Hand liegt auf ihrer Schulter.

Drückt ihre Hand.

Streicht die Decke glatt.

Gibt ihr ein Taschentuch als sie darum bittet.



Keine einsfünfzig Abstand.

Das Wort Mindestabstand macht hier keinen Sinn.

Abstand macht keinen Sinn.

Ich stehe dicht bei ihr,

meine Hand liegt auf ihrer Schulter.



Die Frau daneben nickt.

Ich schaue von Fußende auf sie.

Ich nicht, sagt sie.

Ich will nicht sterben.

Sie hatte eine schwere OP und ist 20 Jahre jünger als die Frau daneben.

Sie müssen sich eine Menge anhören hier, sage ich.

Sie nickt. Aber das macht mich stark sagt sie.

Denn jetzt weiß ich, dass ich leben will.

Dass nun auch noch Corona dazu kommen musste.

Ich bin so schwach, sagt sie.

Ich kann kaum aufstehen.

Meine Wunden heilen nicht.

Aber ich will das schaffen, sagt sie.

Ich nicke und halte beiden Daumen gedrückt hoch.

Ich drücke die Daumen, sage ich, alle beide.



Gegenüber liegt einer zusammengerollt im Bett.

Ich kenne ihn schon länger.

Ich rufe seinen Vornamen.

Seine Hände greifen nach meinen Gummihandschuhänden.

Er hält die Hand fest. Legt sein Gesicht hinein.

Er lächelt das beste Lächeln der Welt,

das nur Down-Syndrom-Menschen beherrschen.

Er ist ein großes Kind mit Falten und dem schönsten Lächeln der Welt.

Sein ganzes Gesicht faltet sich in ein großes Strahlen. Schon wieder.

Ist es schön, frage ich.

Ist schön, sagt er. 

Meine andere Hand streichelt seinen Rücken.

Er hält die Hand fest,

kuschelt sich hinein mit seinen 60 Jahren.

Er schließt die Augen,

fährt hoch aus seinem Fieber, 

sieht meine Hand.

Schmiegt sich hinein. 

Lächelt.

So stehe ich. 

Lange.


Ohne Abstand. 






Sonntag, 24. Januar 2021

Psalm 104 in Bildern




Gott lässt seinen Odem ziehen 

und schafft Neues.

Sein Odem ist in Deinem Leben.

 

Bilder und bildreiche Worte aus Psalm 104.


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Dann will ich sie mal ziehen lassen:

Maria und Josef, 

und die anderen die Staubfänger von meinem Schrank.


Josef ist eifrig als erster an die Kiste geeilt,

das knisternde Einwickelpapier schon auf seinem Körper und

die Ruhe im Karton schon auf der Zunge spürend,

ob all der Erwartungen an ihn, 

die ihn in dieser alten Geschichte jedes Jahr neu bedrücken. 


Der dicke König flüstert mit dem Schwarze, 

dem König of colour des Zuges,

sie scheinen sehr vertraut zu sein,

das ist man wohl, wenn man lange Wegen zusammen geht.


Die Schafe sind direkt ohne zögern vorne dabei,

das ist so ihre Art: einfach hinterher, 

denn der, der vorne geht hat ihr Vertrauen.


Das Jesuskind schaukelt samt Krippe auf den Höckern des Kamels

das es nicht unbedingt eilig hat.

Man sieht, wie einfach es ist, sich tragen zu lassen.

 

Maria steht irgendwie ein wenig im Schatten von allem,

sie tut sich nicht hervor,

jetzt kann sie endlich wieder in Ruhe alles in ihrem Herzen bewegen.


Die Schäfer machen murmelnd den Schluss, 

sie lästern über das feine Volk, dass wiedermal den Platz ganz vorne bekommen hat,

sie schlurfen hämisch hinterher ohne den Platz vorne wirklich beansprucht zu haben. 


Jetzt geht es ab in die Kiste.

Mein Mann findet, das klingt makaber,

aber so tun sie es schon 2000 Jahre.

Sie sind das jährliche Auferstehen erprobt.

Immer zur besten Zeit.

Dann, wenn auch im dunkelsten Haus mal eine Kerze brennt.

Nicht einen Moment zu früh

rollen sie sich Jahr für Jahr aus verschlissenem Papier

um mit wachen Augen und Staubflocken auf dem Kopf,

das Sofa im Blick, 

das Leben für ein paar Wochen aufzusaugen,

mit dem Geruch nach Tannenduft, Schweißfüßen und und frisch gebrühtem Kaffee,

mit Weihnachtsplatten von 1963 und „Wer wird Millionär“.

Nun lass ich sie ziehen die stummen Gestalten.

Nur einen Monat verkünden sie geübt lautlos vom Schrank zum Sofa hin.


Aber elf Monate lang weiß ich:

ich habe eine Kiste voll Licht und Glück auf dem Boden stehen. 


... passt auf Eure Liebe auf...

  Predigt am 19. Juli in Stendal Predigttext Hebräerbrief 13, 1-3: Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.  Vergesst ...