Freitag, 3. Oktober 2025

... Einigkeit ist möglich....

Predigt in Naumburg 
zum Tag der Deutschen Einheit 2025 

1. Szene: Sie trägt eine Schürze und weiße Locken.
Ihre Küche ist ein Redeort. Hier reden wir.                                                       
Hier sitzen wir. Auf alten hellblau-weißen Stühlen und der Kohlenkiste. 
Hier kocht sie Kaffee - mit Filtertüte im Porzellanfilter 
und schält beim Reden mit dem abgenutzten Messer 
im rasenden Tempo Kartoffeln.

Dazwischen wird eine geraucht.

An ihrem Tisch hatten alle Platz.

Bring Deine Freundin ruhig mit, sagte sie.

Dort ging niemand hungrig raus. 

Körperlich nicht und seelisch nicht.

Würde ich mein Bild von Deutschland beschreiben, 

das, was dieses Land und seine Kultur ausmacht, 

wäre dies ein Teil davon.

Großmütter, Oma, Ommas, Omis, Großmamas

mit Haltung und Liebe, die offene Tische haben, 

willkommensherzlich in Kittelschürzen.

Etwas was uns vereint.

Ein Bild, das uns nun wirklich verbindet, 

in allen vier Himmelsrichtungen unseres Landes.

Ein Land, das vor 35 Jahren eine neue Gestalt bekam

und immer noch am reinwachsen ist.

Und das gerade Erinnerungslücken aufweist.


2. Szene:

Er trägt ein langes Gewand, einen weißen Bart und eine Kippa. 

Der jüdische Rabbi Daniel Walker.

Er steht vor seiner Synagoge in der Middleton Road, Manchester. 

Um ihn herum Polizei. Waffen. Verletzte. Schüsse.

Erschrockene. Freunde. Familien. Nachbarn.

Sein weißes Rabbinergewand trägt rote Blutflecke.

Mit anderen konnte er Schlimmeres verhindern.

So ging es gestern Abend um die Welt. 

Attentat reiht sich an Attentat.

Hassitrade an Hasstirade.

Hass auf Juden. Auf Muslime. Auf andere.

Daniel Walker war in seinem Gotteshaus um zu beten.

Jom Kippur zu feiern, das Versöhnungsfest 

unserer jüdischen Geschwister.

Wie soll man so Versöhnung feiern?

Mit wem denn noch?

Ein Bild, das uns auch verbindet.

Wie all diese Bilder, die zerbrechen und anklagen.

Und die in diese Welt und auch zu unserem Land gehören. 



So will ich die Welt nicht haben.

Ich wünschte den Küchentisch der Großmutter 

in unsere Mitte. Filterkaffee, der ganz langsam 

durch einen Porzellanfilter rinnt und Worte, 

die bedächtig und langsam rinnen, gefiltert durch 

den Filter der Barmherzigkeit und Liebe. 

Ich wünschte Tische in unsere Mitte

von denen wir weniger hungrig  - seelisch und körperlich 

danach weggehen, als wir es jetzt oft tun.

Und Gott, vielleicht in einer Kittelschürze oder in Kippa

mit uns sitzend und es wären Orte zum Reden,

wo jeder mitgebracht werden darf.






































Ihr habt doch alles! Alles, was es dafür braucht, das habt ihr! 

So heißt es im Bibeltext heute:


„So ist doch nun bei euch: Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, 

ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit! 

So tut voll Freude hinzu, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, 

einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler 

Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich 

selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, 

was dem andern dient. Seid so unter euch gesinnt, wie es der 

Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.“  (Philipper 2,1-5)   


Einheit. Einigkeit. Einssein. 

Das wird den ersten christlichen Gemeinden als große wichtige Aufgabe mitgegeben.

Keine Einigkeit, bei der alle im gleichen Programm ticken müssen, sondern Einigkeit der Verschiedenheiten, die wohl Platz hätten an so einem Tisch der Einigkeit. 

Keine Einigkeit, die nur auf dem Papier steht, wie ein Grundgesetz oder eine Bergpredigt, sondern aufrechtes Leben danach. Nicht einzelne für sich. Zusammen. Sehen, was den anderen dient. Fragen, was man voneinander noch nicht verstanden hat. Und ob man die gleiche Liebe meint. Und sie zusammen suchen gehen.


Was es dafür braucht, stellt die Bibel fest, liegt längst auf Eurem Tisch. Ihr könntet es heute schon tun.

Barmherzigkeit - also auch mal die eigenen Maßstäbe etwas relativieren können, Einsichten mal zurück halten und dem andere auch Raum geben. Aber immer beidseitig und im Maßstab der Liebe und großherzig.

Einheit ist möglich sagt die Bibel. Das heißt nicht, ihr seid damit automatisch Vereinheitet. Sondern ihr seid dabei. Auf dem Weg. Gemeinsam ein gleiches Gebet sprechen, so beginnt es vielleicht. Gemeinsam ein Glaubenslied singen und wirklich aufrichtig meinen, was Ihr betet und singt, weil Ihr danach lebt. Glaubwürdig Nachfolger und Nachfolgerin von Jesus Christus sein. Und zwar getröstete. Von der Liebe überzeugte. Sichtbare.


Wir feiern heute einen Gottesdienst anlässlich eines Gemeinschaftsversprechens, anlässlich eines Tages, der von der Einheit erzählt oder vielmehr von dem wagemutigen Traum davon, den noch nicht alle aufgegeben haben.


Und das, was geistlich gilt unter denen, die an Gott glauben, die Jesus nachfolgen, die an den Heiligen Geist als ihren Motor und ihren Trostmantel glauben, das bleibt nicht hinter einer Kirchentür. Gott bleibt nicht hinter Kirchentüren, darum dürfen wir es auch nicht.

Das, was also geistlich gilt von Einigsein und Einssein für einander, das gilt auch diese Welt, für unser Land, Deutschland. Unser aller gemeinsames Land.


Wir haben es längst! Die Fähigkeit zuzugehen und zurück zu treten. Einandern nicht zu verlieren. Nicht aufzugeben aufrichtige, aufrechte Menschen zu sein, aktiv und sichtbar menschlich zu sein. 


Einheit suchen ist Hoffnung haben für eine zerrissene Welt. Für das, was im Kleinen zerrissen ist und im Großen. Niemand träumt von einer zerfallenen Welt. 

Einheit suchen ist Hoffnung haben für eine zerrissene Welt. Zerrissenheit suchen ist keine Hoffnung mehr haben. Zerrissenheit herstellen und befördern ist die Hoffnung verraten. Sich von der Liebe abwenden. 

Für, die von der Liebe Gottes wissen, heißt es darum, wandelnde Tische zu sein, Orte zum Reden. 

Für die, die von einem Gott wissen, der sie stärkt, heißt es darum, mutig zu sein.

Für die, die von der Freiheit und von der Menschlichkeit wissen, heißt es, sich diese nicht nehmen zu lassen.

Einigkeit ist eine Stärke des Menschseins, die uns gegeben ist.  Einigkeit ist ein Aktivwort, kein Wartewort.

Einigkeit in aller Verschiedenheit ist machbar. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der erhalte unsern Verstand wach und unsere Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen




Sonntag, 21. September 2025

... vom Gehen in der Fremde...

Predigt zu Jakob und der Himmelsleiter im Dom zu Halberstadt 


Wir sind in der Fremde. 

Wie Jakob.

500 km Flucht. Zu Fuß.

Weg vom dem, wie es immer war.

Aus Geborgenheit, der Kindheit,

der Liebe, der Sorglosigkeit.

Weg aus allem, was er kennt.

Auf einen Weg, den er nicht kennt

zu einem Ziel, das er auch nicht kennt.

500 km zu Fuß.

Und selber Schuld.

Selber Schuld. Kein Lebensplatz mehr dort.

Ein Schnitt mit Kindheit und Vergangenheit,

als er seinen Bruder und seinen Vater betrog.

500 km zu Fuß.  

Schleppend durch die Nacht laufen. 

Nichts sehen. Anstoßen und stolpern.

Am Ende sein. Wo es nicht mehr weiter geht.

Im Dunkeln sucht er sich einen Stein.

Hart liegt sein Kopf, steinschwer seine Gedanken.

Mitten in seiner Nacht plötzlich Lichtgedanken.

Etwas, das ihn anhebt, die Dunkelheit beendet.


Wir sind in der Fremde. 

Wie Jakob.

Zerstritten haben wir uns mit so manchen.

Und selbst betrogen auch so manches mal. 

Manche alte Idee und das ein oder andere Ideal, 

und eigentlich alle Neujahrsvorsätze verraten.

Gemeinsam die guten Formen des Miteinander verlassen

an so manchen Orten. 

Gottes Wort verloren. In so vielen Häuser und Herzen.

Wir sind wie auf einem Weg in die Fremde.

Und wie welche, die herkommen aus einem Land

in dem immer schon alles besser war.

Und ja, manches war besser.

„Gemeinschaft für alle sein“ war nicht woke oder eine Mode, 

„Barmherzig sein“ noch kein peinlicher Gutmenschenvirus.

Aber manches früher Bessere lag in einem Früher, das es gar nicht gab, 

das wir verklären oder nur wünschten.

Wir sind Fremde, gerade … im eigenen Land

manchmal in der eigenen Haut,

einige im eigene Haus,

viele sind fremd in einer Entwicklung, die zu komplex ist.

An so manchem davon sind wir selbst schuld.


Jakob ist auf dem Weg vom zu Hause in die Fremde.

Ein Betrug lag hinter ihm. 

Selbst schuld ist er an seinem Aufbruch und dem Verlust.

Schwer sind ihm die Schritte gefallen, 

dass er auszog und nicht, dass er ging, sagt die Bibel.

Schwere gezogene Schritte.

Es ist Dunkelheit. 

Unbekanntes Land.

Ein Stein nur ist unter seinem Kopf

Engel das Abschieds 

wandeln hinauf und 

Engel des Anfangs hinunter zu Jakob.





 


Abschied nehmen gehört zum Vorangehen.

Wo etwas endet, gibt es einen Anfang. Auch für uns.

Abschiedsengel und in-der-Fremde-sein-Engel,

Engel für den Anfang und welche für kleine Hoffnungen,

sagt die Bibel, sind dann zwischen dem Himmel und Dir auf der Erde unterwegs. 

Gott hat für jede LebenswirklichZeit genau die passende Begleitung und Behütung.


Jakob in der Fremde träumt. 

Eine Leiter zu Gott die nur in einem Traum Realität haben kann, weil in der Realität Gott unerreichbar erscheint. Oder ein Gott, der einem im Traum eine Leiter baut, um zu zeigen, dass er erreichbar ist.

Er lässt Jakob sehen, dass er neben ihm stände.

Das Land und das Fremde, es wird Dir einst gehören, sagt Gottes Stimme. Das Fremde wird nicht mehr fremd sein.

Du wirst nicht mehr einsam sein und verloren.

Du wirst von dem Ort, wo das geschieht, gering denken. Er sieht nicht eilig aus, nicht würdig. Du wirst es erst nicht gewusst haben, dass dort Gott wohnte. 

Jakob nannte den Ort Bethel - Gott ist hier zu Hause.


Wo ist Dein, mein Bethel, wir, die auch auf Härte liegen in manchem fremd sind,  in Ungeplantem und in Ungewissem? Genau dort, sagt die Geschichte, wäre bereits der Ort der Begegnung  und wenn er auch nicht zum Anfassen wäre. Kann ich das glauben?


Jakob ist ein Gottbegegner für mich und Dich, damit wir Gewissheit haben. 500 km Flucht zu Fuß und er versteht, dass sein Gott genau da bei ihm ist und sagt: ich werde Mitsein. Lass uns gemeinsam in dieser Fremde gehen. 


Gottesbegegnungen gibt es. Menschen erleben sie. Manchmal sichtbar, oft jedoch nur quantengroß, wie wenn ein Tröpfchen in Dein Herz fällt und sich minimal etwas ändert an Deinem Gemüt, Deiner Ausrichtung, Deiner Schwere. Winzig kleine Momente, wo der Abstand zwischen Himmel und Erde für einen Wimpernschlag aufgehoben ist. Heilige Momente. Heilige Orte.

Die heilig sind, weil etwas Heiliges passiert ist mit Dir.


Wie nachher vielleicht, wenn die Stimmen vom Chor zusammen schwingen oder wenn Herr Heinrich die Finger auf die Tasten der Orgel legt. Wenn Du den sanften Atem eines winzigen neuen Menschleins siehst. Wenn Du den allerletzten Hauch eines lebensalt gewordenen Menschen siehst, der SterbensFrieden bringt. Wenn eine/einer nicht alleine bleibt in einer Katastrophe, sondern jemand einfach dableibt. Wenn Du und ich entscheiden mit einem einzigenMenschen barmherziger zu sein als wir es bisher waren. Wenn jemand von uns in den nächsten Tagen einen steinschweren Augenblick hat und Bruchteile von Sekunden weiß, es ist wie bei Jakob: Engel des Aufbruchs und der Anfangs sind ganz nahe! Es wird weiter gehen. Nicht alleine. Nicht alleine! Gott, der Mitsein will, wird da ein. Ist da. Eine Leiter zum Himmel steht nahe meinem Kopf. Trotz allem Dunkel, trotz eigener Schuld, Krankheit, Ärger, Streit, Katastrophen, für die niemand kann, trotz Fremde, stehe ich mit meinen Beinen auf festem Boden und mein Glaube steht auf festem Boden und der Himmel ist so real, dass Gott  dort seine Leiter anlehnen kann. Unbekanntes und Fremdes kann heilig werden und vertraut. 


Was Jakob tat, als ihm dies alles klar wurde?

Er nannte den Ort Bethel - Gott ist hier zu Hause.

Hier bin ich. Mit Gott verbunden, trotz Fremde.

 

Das nimm für Dich jetzt gerade  mit: 

immer wieder zu sagen „Gott ist hier zu Hause“.

 

Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen.


... passt auf Eure Liebe auf...

  Predigt am 19. Juli in Stendal Predigttext Hebräerbrief 13, 1-3: Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.  Vergesst ...