Montag, 11. Dezember 2017

Warm und heiter ist die Stimmung am kleinen Tisch in der Stube. Lore sitzt mit geröteten Wangen mittendrin. Heute vor 95 Jahren begann ihr Leben. Hier in diesem kleinen Dorf. Am alten Stubentisch kommen sie immer alle zusammen. Kinder und Enkel und Urenkel. Die Nahen und die Fernen. Manche fehlen. Fehlen ihr sehr. Aber heute ist dieses Fehlen ganz gefüllt mit lieben Gesichtern und Freunden, Weggefährten und Nachbarn, die sie in den Arm nehmen. Gefährtinnen sind es vor allem, auf vielen und langen Wegen. Ganz verbunden ist sie mit denen die gerade da sind und denen, die heute kommen und gehen. In ihrem Alter darf man jede Zuneigung unbescheiden auskosten. Sie genießt das Gewirr von Stimmen und dass alle Zeit für sie haben. Als die Pfarrerin kommt, wird Platz gemacht. Sie erzählt ihr von dem Leben früher. Alte Photos machen die Runde, darauf das Mädchen mit dicken Zöpfen, das sie einst war und noch ist. Geschichten werden erzählt. Das Leben blättert sich auf. Das was war, ist wieder ganz nah. Ich hol jetzt das Buch, sagt der Enkel. Alle schauen ihm nach. Es ist ein unscheinbares Büchlein mit roten Ledereinband. Wenn ich das aufschlage, dann ist meine Kindheit wieder da, sagt er. Ein Buch voller Weihnachtsmärchen. Die Großmutter hat sie ihnen vorgelesenen. Er hält das Buch, als wäre es ein kostbarer Schatz. Und das ist es auch. Zwischen den Buchdeckeln findet er das Knistern von Omas Bluse und den Duft aus ihrer Küche und die Glocken vom Turm der Heimatkirche und die Wärme vom alten Ofen mit Ofenbank. Die anderen nicken still. Aber seine Augen glänzen. Er legt es gar nicht mehr aus der Hand, redet, gestikuliert, hört zu. Das Buch in der Hand wiegend, darüber streichend. Als würde er sich daran wärmen.


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Reaktion meines Vaters heute Abend dazu: 
"Dein schöner Text hat mich erinnert. Mein Buch ist braun und wie du siehst zerfleddert und erinnert an meine Mutter, deine kleine Oma. Hieraus hat sie mir immer abends vorgelesen. Ich kenne sie noch alle - mit diesen bunten Illustrationen. Pa"






Sonntag, 10. Dezember 2017

 Vorweihnachtszeit. Die Eltern kichern. Es fallen die üblichen Bemerkungen. Was sie sich denn vom Weihnachtsmann wünschen würde. Ob sie nicht das Zimmer aufräumen wolle, wenn da der Weihnachtsmann durch das Fenster sehen würde. Früher hatte sie das geliebt. Die Welt aus Geheimnissen und Unerklärlichem. Das Kribbeln. Und es gar nicht erklären wollen. Das war als sie selber manchmal in Gedanken in diese Welt flüchtete. Aber nun war sie groß. Es verletzte sie ernsthaft, dass die Eltern sie behandelten wie ein kleines Mädchen. Das mit dem Weihnachtsmann war geklärt. Sie wollte ganz erwachsen an diese Sache heran gehen. Sie vergoss bittere Tränen über die Unwürdigkeit dieses lächerlichen Gehabes. Ihr konnte man nichts mehr vormachen. Ihr sollte man nichts mehr vormachen. Sie war dabei erwachsen zu werden. Irgendwann hörten die Eltern auf mit ihren Andeutungen und hörten auf über ihre Trotzanfälle zu lächeln, wenn es um den Heiligabend ging. Um des lieben Friedens willen gaben sie nach. Man würde dieses Jahr absehen vom Warten auf den Weihnachtsmann bei Würstchen und Kartoffelsalat. Und dem erstaunten Rufen und Suchen nach dem Sack, den der Weihnachtsmann jedesmal woanders versteckte, mal im Kellereingang, mal hinter der Windfangtür. Und auf das Lachen und den Einzug der Geschenke unter großem Gejohle. Und schließlich auch auf das Reihum-Auspacken. Wo jeder unbesehen ein Geschenk aus dem großen Sack ziehen durfte und alle sahen zu, wie der Empfänger es auspackte. All dies wollten sie dieses Jahr weg lassen. Stattdessen sollte es so sein, wie sie es in alten Filmen gesehen hatte. Die Geschenke sollte dekorativ mit großen Schleifen unter dem Baum drapiert sein. Dann würden alle in die Stube gehen, ganz ohne das ganze Tamtam. Und dann würde eben jeder seinen Stapel auspacken. Sie fühlte sich sehr ernst genommen. Und erwachsen. Sie hatte sich durchgesetzt. Schluss mit dem ganzen Kinderzauber. Es kam der Heilige Abend. Alles wurde so gemacht. Aber es wurde der einzige Heiligabend, an dem sie den Zauber weg ließen. Nichts kam ihr fremder und trostloser vor, als dieser Abend. Er gehörte nicht zu ihr. Nicht zu ihrer Familie. Eine große Liebe für den Zauber ergriff sie. Und ein tiefes Verständnis. Sie beschloss, nicht erwachsen werden zu wollen ohne Zauber und Geheimnisse und Unerklärliches.


Samstag, 9. Dezember 2017

„I.i.ich ha.hab ei.ei.eine Frage.“ Die Wörter kommen langsam aus seinem Mund, so als hingen sie an einem Gummiband, das sich nicht lösen will. Jeder Satz dauert gefühlte Minuten. Mein Kopf ist voller Dinge, die ich getan habe und die erledigt werden müssen und die ich jetzt gleich tun will. So eine Situation, wo du nicht mit beiden Beinen auf der Erde stehst, sondern eines immer schon im Gehen ist. Und das tagelang. Nun steht er aber in der Tür meines kleinen Büros neben der Krankenhauskapelle. Er stößt fast mit dem Kopf oben an, so groß und aufrecht ist er. Und sehr schlank. Irgendwie etwas schief. Er hält auch seinen Kopf schief mit dem feinen Haar und dem Speichelfaden am Kinn. Und in seinem langsamen Sprechen kann ich plötzlich ausatmen, weiß, Gott hat mal wieder genau den Menschen geschickt, den ich jetzt brauche. Einen, der zutiefst begeistert ist von Kirche. Und ich setze meinen zweiten Fuß wieder fest auf die Erde, schaue ihn an, höre einfach nur zu. Wie er in seiner kleinen Dorfkirche den Kirchendiener macht, erzählt er, mit etwas eckigen Bewegungen seiner Hände. Wie er die Lieder ansteckt, die Kirche schmückt.  Er ist so jemand, den man sofort unterschätzen würde. Aber er weiß alles über seine Kirche und über Gottesdienste und ich glaube auch über Gott. Auch wenn sich die Wörter in seinem Mund verrennen und er manchmal eine Pause machen muss und sich den Speichel abwischen. Seine kleinen Augen leuchten. Sie sind ganz klar. Und er hat Freude. Er strahlt Freude aus, obgleich er Patient ist und doch sicher auch irgendetwas problematisch sein muss mit seiner Gesundheit. Da winkt er nur ab. Er erinnert mich, dass der Altar noch nicht die richtige Farbe trägt und gemeinsam wechseln wir das Antependium. Er lehnt sich zurück. Das ist schön. Findet er. Lila. Auch in der Passionszeit. Wartezeit sagt er. Immer wenn Wartezeit ist. Und dann das volle Weiß. Darauf freut er sich schon. Das sei so schön hell. Vielleicht kommt er Sonntag, wenn Gottesdienst ist. Aber er weiß nicht genau, muss erst die Mutter fragen, wie lange er noch hier bleiben muss. Und außerdem ist bald Gottesdienst daheim und dann müsse er doch wieder in seine Kirche gehen. Die Leute würde sich auf ihn verlassen. Deswegen wirkt er so groß und aufrecht, denke ich. Er wird gebraucht. 




Donnerstag, 7. Dezember 2017

Als ich die Kerzen schon fast wieder löschen will, kommen sie. Wie zwei Hirten mit ihren Hirtenstöckern. Nur dass sie mit einem Rollator kommen und einem großen Tropf, durch den die Medizin unablässig tröpfelt. Sie kommen bis ganz vorne. Nicken. Setzen sich leise. Ganz nahe bei Jesus. Der von der Wand aufmerksam auf uns schaut. Es ist Volkstrauertag. Unpassend für die Klinik fand ich. Ich hatte etwas Schöneres heraus gesucht. Und plötzlich weiß ich, diese beiden kennen den Krieg. Sie führen auch gerade einen. Also lese ich die Texte, die wir eben noch auf dem Friedhof hörten. Sie nicken. Einer weint heftig. Der andere legt ihm die Hand auf den Rücken. Gottfried heißt der, der so weinen muss. Wir hören Klaviermusik und er schließt die Augen. Wohltat. Eine Wohltat ist das in ihren Stunden und Tagen im Krankenhaus. 
Wir beten. Für alle unsere Mütter und Väter und unsere Lieben und für uns und unsere Kämpfe. Dann segne ich sie und frage nach ihren Namen. Danach sagt Horst, er sei eigentlich katholisch. Aber er käme immer in die Kapelle. Andere Zimmerkameraden hätten sich schon darüber lustig gemacht. Aber er ginge jeden Morgen und Abend den Herrn Jesus besuchen. Das tue ihm gut. Und Gottfried sagt unter Tränen, neulich wäre Horst sogar extra früh aufgestanden. Und lange geblieben bei Jesus. Er hätte gebetet. Für ihn, Gottfried, während er auf dem OP-Tisch lag. Das hätte ihm unsagbare Kraft gegeben. Und sie klopfen sich auf den Rücken die beiden Männer. 
Und da sie nun Jesus gesehen haben, gehen sie langsam zurück durch den Flur.  (B.Schlauraff)



Sonntag, 3. Dezember 2017


Heute 
fand ich
dein Licht

nur 
unter der Hand.

Die Hand war
zittrig,
sie musste damit
ihren Kopf halten
der zu schwer wurde
und immer weg knickte.

Die Hand lag
auf den Augen
aus denen bittere Tränen flossen.

Da war nicht viel Platz
für Dein Licht, Herr.

Aber 
unter der Hand
großes Vertrauen
in dich.
Ganz weit weg.
Unter der Hand.
Nur Licht.
Kein Strahlen.

Heute Abend
legte ich ihr noch
einen Barbarazweig in die Hand.
Vielleicht sehen wir ihn
zusammen
aufblühen. 

(4.12. 2012)


In eisigen Tagen
da seh ich nur 
den Riss
den Bruch
den Schnitt

Es ist mir egal
was da noch wachsen könnte
Es ist mir 
zu ungewiss
für eine Hoffnung

Das
Abgeschnittensein
meine innere Einsamkeit
die hüte ich dann

Mich dann blütengleich zu öffnen
auch noch innen
und einem andern

das geht nicht 
so schnell
das braucht Geduld
den rechten Zeitpunkt

Manchmal gelingts 


(4.12.2017, Barbaratag)



Freitag, 1. Dezember 2017

1. Dezember 2017

Diesmal komme ich schon eine dreiviertel Stunde eher. Manches muss noch vorbereitet werden. Die Kirche ist schon erleuchtet. Es muss gerade geläutet haben für den Abendgottesdienst. In vollem Schritt stürme ich in die Kirche. Da sitzt sie. Unsere Küsterin. Eine einfach kleine Frau. Die sich und ihren Mann mit etlichen Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Später wird sie noch putzen fahren in der Fabrik. Bis spät in die Nacht. Aber jetzt sitzt sie hier. Das Vorläuten hat sie per Hand gesteuert. Sie zwinkert, als käme sie von weither zurück. Sie sind ja schon da! Ja. Immer. Sagt sie. Immer bleibe ich nach dem Läuten. Die ganze Stunde? Frage ich. Ja. Was machen Sie da? Ich sitze. Sagt sie. Ich sitze hier einfach. Und dann rede ich mit meinem Vater und mit meinem Bruder. Und mit Gott. Ich mach alles klar für mich. Ich nicke. Setze mich zu ihr. Still sitzen wir da. Es ist so schön still hier. Wunderschön. Und dann freu ich mich auf alles, was kommt. Sagt sie. Und strahlt.



... passt auf Eure Liebe auf...

  Predigt am 19. Juli in Stendal Predigttext Hebräerbrief 13, 1-3: Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.  Vergesst ...