Predigt über das Menschsein
am Sonntag Judika in Halle/Saale
Was sagen die anderen über mich, wer ich sei?
Und was ist wahr?
Was ist wahr über mich?
Sagst Du das oder ist es das, was die anderen über mich sagen? fragt Laura.
Sie wohnt in einer Kinderwohngruppe für geistig behinderte Kinder.
Behindert. Sagst Du das? Oder was ist es, was die anderen über mich sagen?
Die da draußen. Über mich. Die keine gute Familie hat.
Die vernachlässigt wurde als Kind. Die „nur“ auf eine Förderschule geht.
Behindert. Sagst du.
Laura sage ich. Laura sein ist meine Identität.
Ich bin die weltbeste Puzzle-Löserin und ich bin geduldig und lustig und lache viel.
Ich bin Laura.
Du bist Laura?
Du sagst es.
Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen.
Seht, welch ein Mensch!
Sagst Du es oder ist es das, was die anderen über mich sagen, fragt Dennis.
Dennis sitzt im Gottesdienst für queere Menschen.
Schwul. Nicht normal. Sagst du das? Oder was ist es, was die anderen über mich sagen?
Die meinen Anstecker mit dem Regenbogen sehen und nicht mich dahinter:
Biolehrer. Glücklich. Verheiratet. Mit meinem Partner. Naturliebhaber.
Serienfreak. Omakind. Kuchenteignascher. Tanzbegeistert. Dennis.
Der Schwule - sagst du. Dennis sage ich.
Dennis sein ist meine Identität.
Du bist also Dennis?
Du sagst es.
Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen.
Seht, welche ein Mensch!
Sagst Du es oder ist es das, was die anderen über mich sagen, fragt Gerda, e
ine Hand am Rollator. Die Alte. Sagst Du das? Oder was ist es, das die anderen über mich sagen?
Die hört schwer. Die ist nicht mehr ganz richtig. Zu alt. Zu schwach um alleine zu leben.
Die Alte. Sagst du. Ich sage Gerda.
Gerda sein ist meine Identität. Eine tolle Identität mit Geschichte und mit Leidenschaft,
mit Geheimnissen, mit Persönlichkeit, ich bin stark.
Ich habe Dinge durchstanden davon hast du keine Ahnung.
Die Alte. Sagst du. Ich sage Gerda.
Du bist Gerda?
Du sagst es.
Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen.
Seht, welch ein Mensch!
Wer bist Du? Bist Du es? Du, hier. Was ist es, das die anderen über Dich sagen? (…)
Was ist Deine Identität?
Was sagen die anderen über Dich, wer Du seist und was ist wahr?
Was lässt Du zu, dass es Dich bestimmt?
Wozu bist Du geboren und in die Welt gekommen?
Da ging Pilatus hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm:
Bist Du der Juden König? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus,
oder haben das die anderen über mich gesagt?“ …“So bist du Dennoch König?“
„Du sagst es. Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen,
dass ich die Wahrheit bezeuge. “ „Seht, welch ein Mensch!“
Was ist wahr an Jesus?
Sein Atem. Sein Herzschlag.
Sein Haar. Die Füße voll Staub? Gott in ihm?
Oder wird erst etwas wahr? Mit ihm?
In jenem Moment zwischen Jesus und Pilatus?
Der wie ein Getriebener hin und her eilt
zwischen Jesus und der Welt.
Ähnlich wie wir,
wo wir suchen, Christus in die Welt zu tragen.
Hin und Her.
Vor die Tür nach draußen und hinein ins Innerste.
Jesus und Pilatus Auge in Auge.
Pilatus eigentlich ein stückweit verzweifelt.
Er spürt es, das Besondere in Jesus.
Er spürt die Wahrheit.
Seine Augen spüren sie. Sein Herz vielleicht.
Und seine Finger könnten die Wahrheit direkt berühren.
So nahe.
Sein Geist aber findet den Faden nicht.
Auch wie wir so oft.
Wo ist der sichtbare Gottesfaden?
Pilatus ist gefangen in der Macht.
Im Machtsystem.
Im Machtsystemdenken.
Kein Ausweg. Denkt er.
Nicht hier.
Er muss richten.
Und ein Schimmer von einer Wahrheit
zwischen Jesus und ihm.
Von Mensch zu Mensch.
Laura und Du und ich
Und Dennis und Gerda.
Manchmal ist die Wahrheit so nah.
In einemFunken
kaum zu fassen.
Im Erkennen.
Wahrheit ist wie ein Neugeborenes,
das nur neugeboren ist im ersten Moment.
Dann schon kommt die Welt und Ansprüche und Vorurteile,
Traditionen und Erwartungen und Bilder.
Wahrheit ist wie der Schimmer in der Verklärung Jesu
auf dem Berg mit ein paar Jüngern. Nur kurz.
Dieser Moment.
Nichts zum Festhalten.
Schöpfungsmomente
des Lebens.
Momente ohne zu richten
und gerichtet zu werden.
In Jesus sind die
Wahrheit
und
Leben.
Ob er weiß, was er da sagt, Pilatus?
Seht, welch ein Mensch?
Die Wahrheit!
Gott!
Lebensgrund!
Seht, Gott in Laura und Dennis und Gerda.
Das wärs -
den Menschen heraussehen aus dem,
was die anderen über ihn sagen.
Den Grund sehen.
Die Wahrheit und das Leben.
Das wärs:
jetzt damit anfangen.
Momente ohne „richten und gerichtet werden" zu suchen.
Momente der Wahrheit
und des Lebens.
Momente wie Neugeborenes.
Jesus überall suchen und sagen - immer wieder:
Seht, welch ein Mensch! Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft,
der halte unser Verstand wach und unsre Hoffnung groß
und stärke unsre Liebe. Amen.