Sonntag, 6. April 2025

Seht, welch ein Mensch...


Predigt über das Menschsein

am Sonntag Judika in Halle/Saale




Was sagen die anderen über mich, wer ich sei?

Und was ist wahr?

Was ist wahr über mich?


Sagst Du das oder ist es das, was die anderen über mich sagen? fragt Laura. 

Sie wohnt in einer Kinderwohngruppe für geistig behinderte Kinder. 

Behindert. Sagst Du das? Oder was ist es, was die anderen über mich sagen? 

Die da draußen. Über mich. Die keine gute Familie hat. 

Die vernachlässigt wurde als Kind. Die „nur“ auf eine Förderschule geht. 

Behindert. Sagst du.

Laura sage ich. Laura sein ist meine Identität. 

Ich bin die weltbeste Puzzle-Löserin und ich bin geduldig und lustig und lache viel. 

Ich bin Laura.

Du bist Laura? 

Du sagst es. 

Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen. 

Seht, welch ein Mensch!


Sagst Du es oder ist es das, was die anderen über mich sagen, fragt Dennis. 

Dennis sitzt im Gottesdienst für queere Menschen. 

Schwul. Nicht normal. Sagst du das? Oder was ist es, was die anderen über mich sagen?

 Die meinen Anstecker mit dem Regenbogen sehen und nicht mich dahinter: 

Biolehrer. Glücklich. Verheiratet. Mit meinem Partner. Naturliebhaber. 

Serienfreak. Omakind. Kuchenteignascher. Tanzbegeistert. Dennis. 

Der Schwule - sagst du. Dennis sage ich

Dennis sein ist meine Identität. 

Du bist also Dennis? 

Du sagst es. 

Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen. 

Seht, welche ein Mensch!


Sagst Du es oder ist es das, was die anderen über mich sagen, fragt Gerda, e

ine Hand am Rollator. Die Alte. Sagst Du das? Oder was ist es, das die anderen über mich sagen? 

Die hört schwer. Die ist nicht mehr ganz richtig. Zu alt. Zu schwach um alleine zu leben. 

Die Alte. Sagst du. Ich sage Gerda. 

Gerda sein ist meine Identität. Eine tolle Identität mit Geschichte und mit Leidenschaft, 

mit Geheimnissen, mit Persönlichkeit, ich bin stark. 

Ich habe Dinge durchstanden davon hast du keine Ahnung. 

Die Alte. Sagst du. Ich sage Gerda. 

Du bist Gerda

Du sagst es. 

Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen. 

Seht, welch ein Mensch!


Wer bist Du? Bist Du es? Du, hier. Was ist es, das die anderen über Dich sagen? (…) 

Was ist Deine Identität?

Was sagen die anderen über Dich, wer Du seist und was ist wahr? 

Was lässt Du zu, dass es Dich bestimmt?

Wozu bist Du geboren und in die Welt gekommen?


Da ging Pilatus hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: 

Bist Du der Juden König? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, 

oder haben das die anderen über mich gesagt?“ …“So bist du Dennoch König?“ 

„Du sagst es. Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, 

dass ich die Wahrheit bezeuge. “ „Seht, welch ein Mensch!“


Was ist wahr an Jesus? 

Sein Atem. Sein Herzschlag. 

Sein Haar. Die Füße voll Staub? Gott in ihm?

Oder wird erst etwas wahr? Mit ihm?

In jenem Moment zwischen Jesus und Pilatus?

Der wie ein Getriebener hin und her eilt

zwischen Jesus und der Welt.

Ähnlich wie wir, 

wo wir suchen, Christus in die Welt zu tragen.

Hin und Her. 

Vor die Tür nach draußen und hinein ins Innerste.

Jesus und Pilatus Auge in Auge.

Pilatus eigentlich ein stückweit verzweifelt.

Er spürt es, das Besondere in Jesus.

Er spürt die Wahrheit.

Seine Augen spüren sie. Sein Herz vielleicht.

Und seine Finger könnten die Wahrheit direkt berühren.

So nahe.

Sein Geist aber findet den Faden nicht.

Auch wie wir so oft.

Wo ist der sichtbare Gottesfaden?

Pilatus ist gefangen in der Macht. 

Im Machtsystem. 

Im Machtsystemdenken. 

Kein Ausweg. Denkt er.

Nicht hier.

Er muss richten.

Und ein Schimmer von einer Wahrheit

zwischen Jesus und ihm.

Von Mensch zu Mensch. 


Laura und Du und ich 

Und Dennis und Gerda.

Manchmal ist die Wahrheit so nah.

In einemFunken 

kaum zu fassen.

Im Erkennen.


Wahrheit ist wie ein Neugeborenes, 

das nur neugeboren ist im ersten Moment.

Dann schon kommt die Welt und Ansprüche und Vorurteile, 

Traditionen und Erwartungen und Bilder.

Wahrheit ist wie der Schimmer in der Verklärung Jesu 

auf dem Berg mit ein paar Jüngern. Nur kurz.

Dieser Moment.

Nichts zum Festhalten.

Schöpfungsmomente

des Lebens.

Momente ohne zu richten

und gerichtet zu werden.


In Jesus sind die

Wahrheit

und 

Leben.


Ob er weiß, was er da sagt, Pilatus?

Seht, welch ein Mensch?

Die Wahrheit!

Gott!

Lebensgrund!


Seht, Gott in Laura und Dennis und Gerda.

Das wärs - 

den Menschen heraussehen aus dem,

was die anderen über ihn sagen. 

Den Grund sehen.

Die Wahrheit und das Leben.

Das wärs:

jetzt damit anfangen.

Momente ohne „richten und gerichtet werden" zu suchen.

Momente der Wahrheit

und des Lebens.

Momente wie Neugeborenes.

Jesus überall suchen und sagen - immer wieder:

Seht, welch ein Mensch! Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, 

der halte unser Verstand wach und unsre Hoffnung groß 

und stärke unsre Liebe. Amen.


Montag, 6. Januar 2025

... von Taschensternen und Kamelgeschwindigkeit

Predigt zum Dreikönigstag in Gardelegen

...in einem Neustart- Gottesdienst, in dem neu zu einem Pfarrbereich zusammengelegte Gemeinden ihren zukünftigen gemeinsamen Weg liturgisch beginnen und sich anschließend zu einem großen Mahl treffen... 

Predigttext ist die Geschichte der drei Weisen - Matthäus 2, 1-12



Wo geht’s denn eigentlich hin mit uns?

Wo geht’s denn hin mit uns … als Gesellschaft?

Wo geht’s da gerade hin?

Und mit unserer kleinen Gemeinde?

Mit unserer Kirche hier im Ort, in unseren Orten?

Wo geht’s da hin? 

Mit unseren kleiner werdenden Gemeinden  

mit den noch verbliebenen Christen?

Welchem Stern laufen wie hinterher?

Wo wäre Stabilität zu finden,

wo der richtige Stern,

der, obgleich die Welt gerade wie blöde herumspringt, 

mich gelassen sein ließe, ohne Angst.


Ich stell mir vor, das ginge zu annoncieren.

Eine riesen Annonce. Großdruck, eine ganze Seite.

Hier in der Volksstimme:

3 Weise Menschen gesucht, die den Weg kennen...

bitte melden Sie sich im Pfarrbüro, 

beim Bürgermeister, beim Landrat, beim Gemeindekirchenrat.!!"


Schön wärs. Aber so wird es nicht sein.


Du wirst Dich, Ihr werdet Euch selbst auf den Weg machen müssen. 

In Gemeinden und Orten. In unserer Gesellschaft und in unseren Kirchen. 

In Deinen Beziehungen und in Deiner Familie. 

Du wirst Dich, Ihr werdet Euch selbst auf den Weg machen.


Der alten Geschichte von den drei weisen Männern, 

seien sie  Gelehrte oder Könige, die einfach loszogen wegen… 

einem Stern … 

und lange unterwegs waren und beim falschen König ankamen 

und am Ende die Antwort fanden… 

dieser Geschichte können wir da eine Mengen abgucken. 

 

Und das fängt ganz am Anfang an:


   Nicht warten, dass sich etwas bewegt, sondern sich selbst bewegen. 

Sich bewegen von da, wo man eventuell schon länger feste steht. 

Sich aufmachen. Etwas wollen. Von selbst. Nicht weil es jemand sagt. 


   Damit rechnen, dass es ungemütlich wird. Länger dauert. 

Geduld haben. Langen Atem. Kamelgeschwindigkeit. 

Eines trottenden Kamels manchmal...


   Damit rechnen, dass Ziel nicht direkt neben dem Alten und Bekannten liegt. 

Sondern ganz woanders. Die drei hatten eine weite Reise. 

Ich weiß nicht, ob sie mit diesem langen Weg gerechnet hatten.


   Und: nicht alleine losmachen, sondern Verbündete suchen für eine Sache. 

Welche die genauso und genügend verrückt sind, einer Sache nachzugehen. 


   Und: mit allem rechnen. Vor allem mit Unvertrautem. 

Keine Angst davor zu haben. Und vielleicht noch nichtmal einen Plan, 

weil es noch nie jemand so gemacht hat. 

Noch nie jemand in dieser Situation war. 

Jeder Rat von oben und außen vielleicht gar nicht passen würde. 

So wie jetzt war die Welt und war unser Kirche noch nie.


   Außerdem: Man müsste damit rechnen, auch mal komplett 

am falschen Ort anzukommen, 

weil so ein Palast natürlich erstmal attraktiv ist und offensichtlich. 

Das sieht gut aus, draufzu!! 

Das haben die Drei gelernt: damit zu rechnen, dass das Ergebnis 

der eigenen Suche nach Lösungen am Ende  weniger attraktiv sein könnte 

und kaum offensichtlich - so wie ein Stall. 

Aber doch die Rettung.


   Wir könnten von der Geschichte lernen, damit zu rechnen, 

am falschen Ziel zu landen und uns neu motivieren zu müssen, völlig neu justieren. 

Das macht auch mal Frust. Wir sollten schauen - wohin mit diesem Frust, 

damit er uns nicht auffrisst.


   Wir können lernen: an die eigenen Grenzen zu  geraten 

und nicht mit Angst und Aggression zu reagieren, sondern interessiert. 

Realistisch. Nachfragend. 

"Hier also geht es nicht weiter. Gut, dass ich das weiß, lass mal schauen, 

wo es dann weiter geht. Dann renne ich hier mal nicht vergeblich weiter. 

Vielleicht brauche ich auch mal eine Verschnaufpause. Vielleicht Entlastung." 


   Wir lernen von den Dreien: sich helfen zu lassen von anderen Weisen. 

Zuzugeben, dass andere Rechter haben können als ich. 

Ihre schräge Idee für möglich halten. Erstmal probieren vor dem Ablehnen. 

So wie im Palast die Schriftgelehrten nochmal für die drei Weisen nachlasen. 

Sich selbst plötzlich erinnerten an das Eigene. An die eigene Verheißungen. 

Unfassbar, was diese Reise der Drei um sie herum ausgelöst haben mag 

und in den anderen, sie haben eine Spur gezogen, 

die sie vielleicht nichtmal ahnten. 

Andere, die ermutigt wurde, weil sie mutig und unerschütterlich waren. 


   Und sie sind nicht müde geworden im Hoffen. 

So sehr waren sie sich sicher, dass das, wo ihr Herz für brannte, 

existierte und zu finden sei. 

Dass der Weg sich lohne, auch der Umweg, 

auch der Irrtum, auch die Ratlosigkeit, 

auch das Neuanfangenmüssen.


   Sie lernten selbst, dass man andere nach der Verheißung fragen kann 

und sie sich sagen lassen kann. Das man gute Verheißungen teilen kann, 

dass die alten Worte der Schrift plötzlich in einer Lebenssituation den richtigen Weg weisen. 

Dass Gott wirklich leitet.

 

   Auf die Frage: Wo geht es hin mit dieser Welt?

Wo geht es hin mit unserer geliebten kleinen Kirche? 

Wo gehts es hin in diesen wilden Zeiten? 

Darauf hat die Bibel keine Antworten und ich auch nicht. 

Das geht auch gar nicht. 

Denn das Leben hat manchmal verrückte Wendungen, 

die kannst Du Dir gar nicht ausdenken.


Was die Bibel aber weiß ist: Das dass nicht der Punkt ist. 

Noah im Bauch des Walfisches, Maria mit einem unehelichen Kind im Bauch...

sie hatten keinen großen Plan, was kommt. 

Sie hatten aber diesen Stern. 

Sie hatten diese Verheißung. 

Sie hatten Vertrauen. 

Sie hatten einfach Gott. 

Sie glaubten fest daran. 


Und dieser Spur sind sie gefolgt. 

Dort fanden sie Antworten: woher ihre Kraft käme, 

wo ihre Nächsten seien, wie die Liebe zu leben sei. 

Das fanden sie dort. 

Sogar Menschen, die nur ahnten, dass es Gott geben könnte 

und die ihn erst entdeckten, haben diese Kraft gespürt. 

Unsere Vorfahren haben diese Kraft gespürt. 


Sie ist so etwas wie eine Art Taschenstern. 

Dein Glaube ist ein Taschenstern. 

Der Dich erinnert dass Gott Dich erlöst und trägt. 

Der Euch erinnert, dass Ihr Eure Gemeinschaft und Euer Gebet braucht. 

Vielleicht jetzt wie nie zuvor.


Und mit dem in der Tasche können wir schauen: 

uns anfangen zu bewegen, 

Zeit einplanen, 

mit andere zusammen tun, 

nicht alleine dastehen, 

uns nicht scheuen lassen von falschen Versuchen und noch nie Dagewesenem, 

uns helfen lassen, 

uns Atempausen genehmigen, 

und das Licht der Hoffnung nicht ausgehen lassen, 

es einander wieder anzünden. 

Glauben, dass es sich lohnt. 

Das alles ist eine Kraft, die ist neben aller Logik und allen Fakten da.

Wir haben sie zusätzlich.

Damit kann man etwas anfangen!


Das ! lasst uns heute mitnehmen 

und dann auf die Kamele steigen. Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß 

und stärke unsre Liebe. Amen.




Seht, welch ein Mensch...

Predigt über das Menschsein am Sonntag Judika  in Halle/Saale Was sagen die anderen über mich, wer ich sei? Und was ist wahr? Was ist wahr ü...