Sonntag, 25. Dezember 2022

Weihnachtspredigt

Von DIR

In unseren Gottesdiensten erhielten alle Besucher:innen Schilder mit "Maria", "Josef", "Hirte", "Hirtin", "Engel"... beim Lesen der Weihnachtsgeschichte standen sie nach und nach auf, als sie genannt wurden. Am Ende stand die ganze Gemeinde: Marias, Josefs, Hirt:innen, Engel.....



Da stehen sie. 

Maria, Josef, Hirten, Engel, Hannelore, Dieter, Anna, Sebastian, Karin, Stefan, Sabine, Lutz, Carola, Frank, Emma, Karl, Lydia und Mohammed, Nadja und Carlo. Da stehen wir. Da stehst du. Da stehen Gottes Menschen. Marias und Josefs und wie wir alle heißen. Gottes Menschen. Andere hat er nicht.


Da stehen Menschen, wie wir sie kennen: Marias,  die als Mensch die Gabe haben, froh und hoffnungsvoll zu sein, positiv, unerschrocken, vertrauensvoll, dass alles gut wird. Solche Marias, die uns manchmal Mut machen im Alltag und uns beeindrucken, weil sie das einfach ertragen, was ihr Leben ihnen aufgibt, weil sie liebevolle Menschen sind. Die so hoffnungsvoll erscheinen, dass das auf uns abfärbt. Die uns anstecken mit ihrer Zuversicht. Sie heißen Maria und noch anders. Vielleicht stehen da auch solche Marias, die wild und temperamentvoll sind, die uns mitreißen mit ihrer Energie und ihren Ideen, wenn uns selber jeder Antrieb fehlt. Solchen bin ich schon begegnet. Du vielleicht auch. Oder bist du es gar selbst?

Solche Josefs stehen dort und hier auch, Männer, die still ihr Ding machen, die nicht viele Worte machen, die hilfsbereit sind, die zu dir halten, auf die du dich verlassen kannst, die zufassen können, die einfach kommen, sehen und machen. Die auch bei Problemen nicht weglaufen und stark sind, die dir die Angst nehmen. Mit denen du schweigen kannst.

Vielleicht auch solche Josefs, die zärtlich und liebevoll sind, die verständnisvoll zuhören können, die spüren, wie es dir geht, wie du dich fühlst, wo niemand sonst es bemerkt neben dir im Alltag.

Und solche Hirtenmenschen stehen hier, manche vielleicht, die gefühlt nirgendwo dazu gehören, die sich selber nicht unbedingt in der Mitte der Gesellschaft sehen, nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit, nicht im bestbezahlten Beruf, nicht Jedermanns-Liebling sind. Aus keinem Schönheitskatalog entsprungen. Menschen mit Geschichte, mit Wunden aus dem Leben, die aber dennoch beharrlich sind. erwartungsvoll, erstaunlich wenn man ihnen zuhören würde. Echte Entdeckungen! Oder so Hirtinnen, die ich gerne mal frage wenn ich einen guten hilfreichen Rat brauche. Auch solche Hirten-Originale, die brummig sind und stinkstieflig, aber im Herzen gut, man muss sie nur zu nehmen wissen. Und vermutlich sind auch solche Hirtinnen hier, die ganz hinten am Feuer zu finden wären, die sich unsichtbar machen würden, wenn es nur ginge, weil sie sich nicht wohl fühlen in ihrer Haut, die die Mütze tief ins Gesicht ziehen würden, weil sie sich überflüssig fühlen und die man manchmal lassen und manchmal schnell in den Arm nehmen sollte. Die sehr viel echtes und wichtiges zu sagen hätten, würden sie sich trauen. Vielleicht tun sie es eines Tages. 

Und Engel? Sind auch Engel da? Sind auch Engel hier? Doch, bestimmt, nämlich solche, die im richtigen Moment an die Tür klopfen und sich an deinen Tisch setzen und zuhören, wenn es dir dreckig geht, die dir klar ihre Meinung sagen, verlässlich und wahrhaftig sind zu dir. Ganz sicher sind solche hier. 

Solche Leute hat Gott sich ausgesucht für seine Geschichte. Nicht nur die studierten und begabten, reichen und beschenkten. Sondern Du´s und Ich´s. Marias und Josefs. Karls und Emmas. Hannelores und Dieters. Solche hat Gott sich ausgesucht. Damals und heute. Uns hat er sich ausgesucht. 

Menschen seines Wohlgefallens. Menschen die ihm gefallen. Wusstest du das? Dass Du Gott gefällst? 

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Und ist Dir aufgefallen, wo Gott den Menschen seine Sachen verkündigt?  Nicht in einem Schloss. Nicht in den Oberen Etagen. Nicht in Prunk und Prachtorten. Nicht in der Kirche.

Nee. Normal: Ställe, Wiesen, Wohnungen. Daheim.

Da, wo seine Leute gerade sind. Da wo er sie gerade am besten brauchen kann. Da wo sie leben.

Das was Gott zu sagen hat, ist nicht etwas für Spezialisten, die es erst auslegen müssen, damit man so ein Gotteswort überhaupt erst versteht. Das was Gott zu sagen hat, das gehört zu dir nach Hause. Das ist so, dass du es sofort verstehst. Das du es ohne Probleme anderen wiedersagen könntest. Es gehört in dein Leben, Gott findet Bilder, kleine Hinweise, er legt dir auffällig Sachen in den Lebens- oder Alltagsweg, er hält dich auf - für Sekunden - wegen einer besonderen Begegnung, einem Lied, einem Duft, den  du bemerkst oder er schickt dir kleine Erinnerungen, mitten in deine Gedanken. Er spricht genau deine Sprache. Darum hat der Glaube eine solche Kraft. Er ist im Leben da. Wenn du ihn lässt. 





Schau:

- Zu den Marias und Josefs dieser Welt, allen Hirtinnen und Engeln - zu allen mit allen Namen und zu dir sagt Gott „Du“.


Und, sagt Gott: „hab keine Angst! Hab wirklich keine… Das was kommt, das machen wir zusammen. Ich hab es schonmal gemacht vom Kind bis zum Mann. Ich kenne allen Mist, der einem passieren kann. Ich kann mir unglaublich Schönes Vorstellen, was Die auch noch passieren kann. Bei mir findest du etwas, dass es nirgendwo gibt: Gewissheit und Zuversicht, die alles aushält, Liebe, die alles überwindet. Eine Kraft die alles durchhält. Ein Licht, das da bleibt und nicht verlischt.


Und, sagt Gott: Ich komme jetzt. Ok? Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen.


Sonntag, 16. Oktober 2022

... fest stehen...

 Predigt am 16. Oktober in Burg


Gestern hatte ich ein winziges Problem. Die Milch war alle. Das Wochenende war noch vor mir. Aber das Problem ließ sich einfach lösen. Der Supermarkt ist um die Ecke. Schnell den Beutel geschnappt und die Schuhe angezogen, zehn Minuten später kullerte eine Flasche Milch in meinem Einkaufskorb hin und her. Naja. Zugegebenermaßen außerdem ungeplanter Weise etwas von meinem Lieblingskäse und eine Tüte Schokostreusel. Vielleicht kennt ihr das. Aber das Problem war gelöst. Das war nicht schwer. War ein einfaches Problem. So lösen wir jeden Tag die Dinge unseres Alltags: fahren Kinder zur Schule, bringen Pakete zur Post, nehmen einen Anruf entgegen, ernten den letzten Wein, saugen die Stube. Dinge, die wir im Allgemeinen im Griff haben. Situationen, die unser Alltag sind, vertraut, wiederkehrend, leichte Schritte und Handgriffe. Da denken wir gar nicht drüber nach, das machen wir mit links.

Manches ist aber nicht so einfach, sondern kompliziert. Komplizierter wird es bei mir zum Beispiel, mich mit meiner Familie zu treffen. Das ist bei fünf Kindern, die an vier unterschiedlichen Wohnsitzen leben, plus meiner eigenen Pendlerwohnung in Magdeburg und der gemeinsamen Familienwohnung in Thüringen, einer Person mit Schichtarbeit, zwei Kindern in der Schule und einem Elternpaar, das am Wochenende arbeitet, eine logistische Herausforderung. Wir haben schon überlegt, eigens eine digitale App zu verwenden, damit wir heraus finden, wann wir alle als Kernfamilie uns mal zusammen sehen können. Ein echt kompliziertes Problem. Für Vorschläge bin ich gerne offen. Komplizierte Situationen haben wir ja auch oft…. Einen Dienstplan machen auf der Pflegestation… den Alltag managen mit Arbeit und Familie, eine Firma leiten mit Terminen und Kosten, sich die Rente so einteilen, dass sie für einen Monat reicht, eine Gemeinde leiten und sich die Aufgaben teilen. Das ist schon großartig, was wir da für Lösungen finden oder finden müssen, auch täglich – das kostet uns auch manchmal viel Kraft. Aber es scheint nicht unmöglich. Nur manchmal mühsam, kompliziert, umständlich, herausfordernd, eben nicht ganz einfach, das machen wir nicht immer mit links. Aber es begleitet immerzu unser Leben. Wir kennen das Problem und finden Lösungen die uns helfen, das gibt uns Vertrauen auch Lösungen für uns völlig neue Situationen zu finden. Wir suchen Menschen die wir fragen können oder das richtige youtubevideo – zum Beispiel dafür, wie wir das praktische Wurfzelt in 8 Drehförmigen Bewegungen wieder zusammen gelegt und die winzige kreisrunde Tasche bekommen. 

Zu viele komplizierte Fragen ermüden uns aber auch. Manche haben Sehnsucht nach einem einfacheren Leben. Es gibt mittlerweile eine große Bewegung, viel weniger im Leben zu haben, es gibt Menschen, die haben ihr Hab und Gut auf 50 Gegenstände reduziert, leben in Tiny – also winzigen Häusern auf kleinstem Raum mit einfachster Ausstattung oder sie gehen in ein Kloster um eine Zeit ohne Termine und Entscheidungen zu haben oder bestellen die Zeitung ab und schauen keine Nachrichten mehr und versuchen das komplex gewordene Leben einfach auszuschließen und vor die Tür zu setzen. Auch unser Urlaub, ein Sonntag und andere Auszeiten sind so ein Ort, wo wir Ruhe haben wollen vor all diesen komplizierten Dingen. Und es ist gut, einmal davon ausruhen zu können, wem dies gelingt.

Im Moment erleben viele Menschen unsere Welt nicht mehr nur kompliziert. Sie scheint komplizierter als kompliziert. Sie fühlt sich komplex bis chaotisch an. Sagen viele. Wie lösen wir alles das, was gerade ansteht? Wer sieht da noch durch, wie alles mit allem zusammenhängt? Wie löst man denn solche riesen schwierigen Probleme: kein youtubevideo hilft, unser Klimaproblem vollständig oder unsere Energiekrise einfach in den Griff zu bekommen, oder das Zerbrechen eines Freundeskreises zu kitten, weil unsere Meinungen zu sehr auseinander gehen oder für die Fragen nach Krieg und Frieden die richtige Meinung zu finden. Wie lösen wir das alles? Manche Menschen sagen mir, sie fühlen eine große Unsicherheit. Viele fürchten das was noch kommt. Einige malen düstere Szenarien an die Wand. Bisher schienen wir die Welt trotz aller Problem im Griff zu haben. Jetzt fragt man sich manchmal: haben wir sie noch im Griff? Habe ich mein Leben noch im Griff? Was gibt mir meine Sicherheit zurück?

Die Bibel sagt: halte Dich an die einfachen Gebote in der Bibel und Dir wird es gut gehen. Im Epheserbrief, dem Predigttext für diesen Sonntag gibt es Ratschläge, wie das gelingen soll:

„So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus, denn die Tage sind böse. Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist. Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen. Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen und sagt Dank Gott, dem Vater, allezeit für alles, im Namen unseres Herrn Jesus Christus.“

Also, wenn das so einfach wäre, liebe Bibel. Weise zu sein und zu leben in Zeiten, wo sich die Nachricht überschlagen, überkreuzen, widersprechen und ich manchmal den Überblick verliere oder ihn sogar aufgebe zu suchen. Als wenn das so einfach wäre, zu wissen, worauf es ankommt, wenn ich keine Ahnung habe, welche der vielen möglichen Entscheidungen jetzt die richtige ist, welche Meinung, welche Parole, welche Freundschaft sogar oder schlicht welcher Energieversorger oder wenn ich das Gefühl habe, keine Optionen mehr zu haben oder keine Wahl.  Das alles hatte sich bisher nie in Frage gestellt. Sind das die bösen Zeiten, die Du meinst, Bibel? Böse im Sinne: „hier brauchen wir nichts Gutes mehr zu erwarten?“  Und „Danket Gott“ – was macht denn aber eine, die nichts mehr hat, um dankbar zu sein. Oder zumindest wo es sich jetzt gerade so anfühlt für sie?

Die Wissenschaftler sagen: da, wo es für Dich zu komplex wird und du den Überblick verlierst, da nimm die kleine Portion, nur eine erstmal, da probiere einfach, was hilft, da versuche nicht, alles mit einmal zu durchdenken, sondern schau auf den nächsten Schritt. Meinst Du diese Klugheit, Bibel? Einfach anfangen und sich nicht lähmen lassen, vielleicht? Jemanden suchen, der auch eine gute Ideen hat, als alleine ohne Ergebnis zu grübeln? Sich nicht die Kante geben, sondern damit rechnen, dass Gottes Geist mir einen Wink geben würde? Ja, das wäre alles wenigstens ein Anfang. Aber am meisten spricht mich der Gedanke an „ermuntert einander“. Muss ja nicht in Psalmen und Lobgesängen sein, vielleicht reicht auch schon der Anruf. Das Klingeln bei der älteren Nachbarin – ob sie zurecht kommt. Die Umarmung für die verzweifelte und an allem zweifelnde Kollegin. Eine Hand auf der Schulter, wo es mal gekracht hat. Das klingt klein und unbedeutend. Es wäre nicht die Ganzkörpersonne an einem See im Sommer, aber es wäre wie ein glücklicher Sonnenmoment der Dein Gesicht wärmt an einem kalten Herbsttag, der eine unendlich größere Dankbarkeit auslöst als Sonnentage nonstop. Die Bibel sagt, gerade in bösen Zeiten, wo es ungestüm wird, da werdet ihr einander brauchen, um euch Mut zu machen, euch zu ermuntern. Was für ein Segen ist es da, wenn Menschen wie in der Notfallseelsorge zuhören, wo etwas Schlimmes ins Leben hinein bricht. Wo Menschen eine warme Stube finden, Essen für wenig Geld, wenn das Portemonnaie leer ist – und nicht nur das, sondern auch ein Lächeln, eine Ermunterung. Wenn es jemanden gibt, der Deine Geldnot nicht lächerlich macht, sondern mit Dir sortiert, wie es weiter gehen kann. Wenn du einen sicheren Ort findest und zugewandte Menschen. Wenn welche sich Stark machen für andere. Was für ein Segen, wenn wir einander stark machen. Dieses gegenseitig ermutigen kommt öfter vor in den Briefen an die ersten Gemeinden. Denn Ängste kannst du nicht weg denken. Sie bekommen aber weniger Kraft wenn Du sie mit anderen teilst, wenn Du nicht alleine damit bist. Wenn vielleicht Gottes guter Geist Raum einnimmt und die Angst weniger Platz in Deinem Kopf hat. Wenn etwas Dein Herz warm macht.

 




Darum: Lasst uns doch einander als Kirche von Jesus der Boden sein, auf dem wir sicher stehen können. Einander nicht loslassen und nicht aus den Augen verlieren. Die nicht, die auch einfache Probleme nicht selbst lösen können.  Noch nie habe ich das stärker empfunden als jetzt. Vielleicht war es nie ernster und nötiger als gerade. Und lasst und damit sofort beginnen, lasst uns dankbar sein für alle, die das tun, einfach privat, einfach in ihrer Arbeit. 

Lasst uns lieber gute Zeiten daraus machen. Gottes Reich in Funken wie von einer Herbstsonne unter uns verstreuen. Gottes Geist Raum geben und weniger der Angst. Damit wir sicher stehen können, da wo wir gerade sind. Geh hin, sagt Jesus, gib etwas weiter. 

Versuche es mal ganz konkret in dieser Woche: Erinnere jemanden daran, dass das Leben schön ist, lass jemanden lächeln, gib jemandem das Gefühl nicht alleine zu sein, zwinkere Dir selbst mal morgens im Spiegel zu. Das wäre unsere Art, Gottes Reich herbei zu leben. Miteinander. Dein Reich komme, Herr. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe.



Sonntag, 9. Oktober 2022

... nicht schweigen ....

Predigt am 9. Oktober 2022 in Halle (Saale) 






















Mut

Aus einem iranischen Lied:

„Damit es erlaubt ist, auf den Straßen zu tanzen.

Dafür, dass wir Angst haben wenn wir uns küssen.

Für meine Schwester, Deine Schwester 

unsere Schwestern,

damit wir die faulenden Gedanken ändern können.

Für die Scham die wir haben, 

für die Armut.

Für das Verlangen nach einem normalen Leben.

Für den Jungen, der im Müll wühlt für seine Träume,

für die befohlene Wirtschaft,

für die verschmutzte Luft,

 ….für das unendliche Weinen.

…für ein Gesicht, das lächelt…

für die Genies die im Gefängnis sitzen, 

für alle Fürs die noch fehlen,

für die leeren Parolen,

für die Ruhe, die wir nie fühlen dürfen,

für die Sonne nach diesen langen Nächten, 

für die Frauen, das Leben, die Freiheit,

für die Freiheit  für die Freiheit für die Freiheit…“ 

(Ausschnitte aus dem Song)


… singt der iranische Künstler Shervin Hajipour in seinem Song „Baraye“ 

in einem Video vor wenigen Wochen. 

Er singt es aus Solidarität für die iranischen Frauen 

und für alle, die sich für die Freiheit und Akzeptanz einsetzen. 

Nach nur 48 Stunden ist dieses Video schon 40 Mill. Mal angesehen, 

tausendfach geteilt und dann gelöscht und Shervin verhaftet. 

Für die Freiheit. 

Sein Song geht gerade um die Welt.

Seine ernsthafte klagende eindringliche persische 

Stimme zur orientalischen Musik.

Zehntausende Menschen kommentieren dieses Video

und das unbekannte Schicksal des mutigen  

25jährigen Sängers, der mittlerweile vermisst ist.


Und an diesem Dienstag schnitt sich die schwedische Abgeordnete 

Abir Al Sahlani bei ihrer Rede im Europäischen Parlament ihre Haare ab. 

Aus Solidarität mit den Menschen in ihrer ersten Heimat, 

für die, die dort seit dem Tod von Mahsa Amini protestieren. 

Was sie wollen sind „nur“ grundlegende Menschenrechte. 



Weit weg


Der Iran ist weit weg.

Die Bilder sind weit weg

solange du nicht selbst betroffen bist

und es nur um die andern geht.

Alles bleibt unbegreifbar und schlimm, 

aber dich persönlich nicht betreffend, 

bis du selber darin verwickelt bist.


Heute vor drei Jahren um kurz nach 12.00 Uhr 

wurden die Menschen hier in Halle verwickelt. 

In einen Anschlag. 

Es war nicht weit weg.

Die Bilder waren ganz nah.

Wie nahe wirklich?


Möglicherweise traf es doch wieder die andern?


„…für die Ruhe, die wir nie fühlen dürfen..“ 

singt Shervin aus dem Iran in seinem Lied.

„…für die Ruhe, die wir nie fühlen dürfen..“ 


Und sehr viele Menschen auf der Welt verstehen dieses Gefühl. 

Für jüdische Menschen in Deutschland ist es nach ihrem Erzählen 

ein dauerhaftes Gefühl. 

„… die Ruhe, die wir nie fühlen dürfen..“ 



Schweigen reicht nicht


„Die Gewalt, die wir erfahren haben, lastet schwer auf unseren Herzen.“ 

- war eine der Aussagen nach dem Anschlag auf die Synagoge von Halle 

und die anderen Orte. 

Dabei ist dieser Anschlag nur die grausame Spitze des Eisberges. 

Der ganze Eisberg selber ist ein Alltag voller diskriminierender Einzelheiten, 

die du und ich, wenn wir nicht betroffen sind von Diskriminierung 

- aus welchem Grund auch immer - nicht kennen.

Wir fühlen diese Diskriminierung nicht, weil sie uns nicht widerfährt. 

Wir haben keine Vorstellung. 

Antisemitismus ist ein Problem für jüdische Menschen 

- nicht für uns andere. Oder eben doch?  

Ist es doch auch unser Problem? 

Ist es nicht vielleicht eine Aussage darüber, 

wie wir unter uns als Menschen, die hier zusammen leben, 

über Gleichwertigkeit denken? Wie wir das leben? 

Wie wir diese Werte verteidigen oder eben nicht?

Reicht das was wir tun? 


Reinhard Schramm von der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen 

sagte letzte Woche im Erfurter Dom: 

„vor Antisemitismus können sich Juden nicht selbst schützen.“


Also reicht es wohl nicht, was wir tun. 

Reicht es nicht theoretisch dagegen zu sein. 

Reicht es nicht, selber nichts Antisemitisches zu tun? 

Reicht es nicht, nur über Antisemitismus reden. 

Daraus ist oft nur ein Aha Effekt in der Dauerschleife. 

Aha. Haben wir wieder drüber geredet. 


Was schwer wiegt ist das Schweigen-  … sagt Juna Grossmann in ihrem Buch 

„Schonzeit vorbei. Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus.“ (S. 94)


„Unerträglich laut ist dieses Schweigen, 

wenn man einfach seinen Kaffee weitertrinkt, 

während ein Mann auf offener Straße mit einem Gürtel geprügelt wird. 

Es ist das eilige Weitergehen, wenn eine Frau bespuckt wird, 

weil sie ihr Tallitbeutelchen sichtbar trägt. 

Das Schweigen, von dem die Überlebenden erzählen, 

das Schweigen, das oft viel schlimmer war als die Diskriminierungen, 

die Verhöre, die Zwangsarbeit. 

Das Vorbeigehen der Menschen, die eben noch Freunde waren, 

die ehemaligen Kollegen, die nicht mehr grüßten.“


Ich will nicht, dass es Menschen gibt, die nie zur Ruhe kommen. 

Die das Schweigen der anderen ertragen müssen. 

Wir dürfen wir uns nicht damit abfinden, 

dass jüdische Menschen nur noch mit Polizeibewachung 

Jom Kippur feiern können. 

Dass jüdische Menschen nach einer angezeigten Diskriminierungserfahrungen 

zu hören bekommen „Ja, was gehen sie überhaupt raus?“  

und „Naja, es gibt immer einen der provoziert hat…“



Einschärfen und auf der Haut tragen


Schweigen ist keine Option. 

Sagt auch die Bibel und mutet uns wie immer viel zu.


Ich lese aus dem 5. Buch Mose, Buch der Weisung, 

das jüdische Glaubensbekenntnis, 

es ist Herzstück jüdischen Glaubens 

und es ist ein Herzstück unseres Glaubens. 

Gemeinsam lesen und glauben wir diese Texte, 

wie wir gemeinsam die gleichen Psalmen beten:


„1 Dies sind die Gesetze und Gebote und Rechte, die der HERR, euer Gott, 

geboten hat, euch zu lehren, dass ihr sie tun sollt in dem Lande, 

in das ihr zieht, es einzunehmen, 2 damit du dein Leben lang den HERRN, 

deinen Gott, fürchtest und alle seine Rechte und Gebote hältst, die ich dir gebiete, 

du und deine Kinder und deine Kindeskinder, auf dass du lange lebest. 

3 Israel, du sollst es hören und festhalten, dass du es tust, auf dass dir’s wohlgehe 

und du groß an Zahl werdest, wie der HERR, der Gott deiner Eltern, dir zugesagt hat, 

in dem Lande, darin Milch und Honig fließt. 

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. 

5 Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, 

von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. 

6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen 

7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, 

wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, 

wenn du dich niederlegst oder aufstehst. 

8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, 

und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, 

9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

20 Und wenn dich nun dein Kind morgen fragen wird….“ ????

(5. Mose 6, 1-9.20)


Du sollst, sagt die Bibel, Gottes Worte der Liebe nicht zu Hause lassen 

oder hinter Kirchenmauern, sondern mit dir tragen, 

als würdest du sie dir sichtbar um den Arm wickeln wie ein Band, 

das Dich vor dem Vergessen bewahren soll, 

ja als ständen sie dir auf die Stirn geschrieben. 

Sodass Du immer vor Augen haben würdest: geliebt zu sein 

und dass darum die Liebe auch dein Merkmal sein soll. 

Euer Merkmal untereinander.

Eine Liebe, die die anderen nicht zu „Den anderen“ macht, 

von denen Du Dich abgrenzen magst. 

Eine Liebe, die Du leben und vor allem weitergeben sollst 

an Deine Kinder und Kindeskinder. 

Sie soll sichtbar sein.

 

„5 Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben 

von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. 

6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen 

7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden

wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, 

wenn du dich niederlegst oder aufstehst.“



hilflos auf die andern sehen


Wenn ich ehrlich bin, weiß ich manchmal gar nicht mehr, 

was ich noch machen kann. 

Ich weiß, dass ich jegliche Form von Diskriminierung nicht möchte. 

Ich weiß, dass sie der Bibel nach grundsätzlich falsch ist, gegen Gottes Willen. 

Dass ich seine Liebe reflektieren soll in die Welt hinein, 

egal - was einer glaubt, woher eine kommt, 

wen einer liebt oder welches Geschlecht eine hat. 

Ich spüre ganz oft Empörung und Wut. 

Aber was, wenn alle moralischen Argumente genannt sind, 

alle politischen Ideen ausgesprochen, 

Mahnwachen und Demonstrationen besucht 

und ich am Ende da sitze mit meinen Sorgen um diese Welt, 

die nicht voran kommt bei diesem Thema? 



Ich seh hilflos auf all die anderen, die es nicht begreifen, 

auf Behörden und Einrichtungen, die immer wieder gleiche Fehler machen, 

auf die, die sich nicht bewegen lassen, die nicht einsehen, 

die einfach weiter machen, 

auf die, denen schlimmes Unrecht geschieht, 

deren Leben davon zu einem ohne Ruhe wird.



mutiger, treuer, fröhlicher, brennender 


„Wir klagen uns an, 

daß wir nicht mutiger bekannt, 

nicht treuer gebetet, 

nicht fröhlicher geglaubt 

und nicht brennender geliebt haben. 

(…) 

So bitten wir in einer Stunde, 

in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: 

Veni, creator spiritus!“ - Komm Heiliger Geist!


Das haben die Kirchen gesagt. Damals. 1945. 


„Komm Heiliger Geist!“ endet es. 

Und er ist da!

Der Heilige Geist. 

Er ist doch da! 

Oder? 

Er hat uns, 

mich und Dich 

doch nicht verfehlt!? 


Ich könnte mutiger bekennen - ganz alltäglich.

Ernst nehmen wo jemand diskriminiert wird, 

ihm oder ihr helfen, es sichtbar zu machen. 

Mich laut und deutlich solidarisieren mit Menschen, 

die Opfer geworden sind. Sich neben sie stellen.  

Meine Solidarität zeigen.

Deutlich. Sichtbar.


Ich könnte vielleicht treuer beten 

und mir die Worte wieder und wieder um mein Herz legen lassen. 


Ich könnte wirklich brennender lieben, 

das heißt zuhören und annehmen. 

Nicht die Unterschiede suchen, sondern die Gemeinsamkeiten. 

Liebe heißt handeln und widersprechen. 

Sich verbinden. Sie berühren lassen.


Ich könnte doch fröhlicher glauben, 

dass mit Gottes Hilfe  Gemeinschaft möglich ist, 

auch wenn alles dagegen zu sprechen scheint. 

Das hieße: nicht für mich alleine zu glauben, 

sondern davon sprechen:

 zu denen neben mir und in meiner Familie 

und dort wo ich lebe. 

Und ich denke an Shervin, den iranischen Sänger mit seinem Mut.


Ich könnte wie die kanaanäische Frau, 

die Jesus hilflos anspricht, mich bekehren lassen 

von der Kraft Jesu, der mir sagt: „Dein Glaube kann Dir helfen!“ 

Dein Glaube kann helfen. 

Bei allem was andere falsch machen 

- Du kannst es anders machen. 

In Deinem Glauben liegt unendliche Kraft dafür.


Ich könnte meine eigenen engen Grenzen zur Disposition stellen. 

Unerschrocken, 

denn Gottes Wort und Segen liegen wie ein Band 

um meinem Arm und wie Zeichen auf meiner Stirn. 


Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer.

Herr, erbarme dich. Amen.







Meine engen Grenzen
1. Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich.                           
Wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich

2. Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt bringe ich vor dich. 
Wandle sie in Stärke, Herr, erbarme dich

3. Mein verlornes Zutraun, meine Ängstlichkeit bringe ich vor dich. 
Wandle sie in Wärme, Herr, erbarme dich

4. Meine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit bringe ich vor dich. 
Wandle sie in Heimat, Herr, erbarme dich...

Freitag, 9. September 2022

Predigt zur Einführung als Regionalbischöfin 

im Magdeburger Dom 09.09.2022






Der Theo-loge Hans.

Ruhig liegen seine schlanken Hände auf dem alten Tisch. Er atmet ruhig. Sein Haar ist schütter geworden. Aber seine Stimme ist so warm und klar wie seit eh und je. Seine Augen liebevoll und aufmerksam. Seine Statur groß und aufrecht. Sein Gesicht wettergegerbt. Er strahlt etwas aus, das ich als große Würde empfinde. Die Menschen im Dorf schätzen ihn. Sie fragen ihn um Rat. Hans ist Landwirt. Und er ist Christ. Das wissen die Menschen nicht nur, sie haben es erfahren - in seinem Zuhören und Helfen, in seinem ermunternden Nicken. Nun sitzt Hans am Tisch in der kleinen Winterkirche, seine Hände ruhen. Er wird still und innig. Wir sind nur fünf oder acht. Brot und Wein geben wir herum. Mit Ehrfurcht und glänzenden feuchten Augen reicht er mir das Brot - die Augen voll lebenslang gelebtem Glauben. Er nickt sein ermunterndes Nicken. Nimm und iss. Wir sind beide berührt. Würdest Du mich fragen, würde ich sagen, Gott war da in dem Moment, zwischen uns, in den Worten „Nimm und iss“. 



Der Theo-loge Emil.

Vier Stühle. Vier Menschen. Mehr sind wir hier nicht. So sitzen wir dicht vor dem Altar der alten kleinen romanischen Kirche. Wenn die ersten Orgeltöne erklingen, dann schließt er die Augen. Die Musik ist in ihm und er in der Musik. Das Gesangbuch schlägt Adelheid ihm auf, denn seine unfassbar  großen Hände sind etwas steif von der schweren Arbeit. Emil ist 99 Jahre alt und steht jeden Tag noch in seinem Garten. Sein Lebensweg ist unbeschreiblich. Flucht und Vertreibung, Stalingrad und Sibirien. Dazwischen hat Gott ihn gefunden. Nach seinem Tod wird man überall in seinem  Haus winzige Zettel mit Bibelsprüchen finden. Und immer fragt er mich sonntags , wo denn die anderen Menschen sind, sie bräuchten doch auch Gott. Aber das Erstaunlichste geschieht, wenn wir singen. Emil holt tief Luft und dann erklingt die zarte Tenorstimme eines 20jährigen aus dem Körper des fast 100 Jahre alten Mannes. In jedem dieser Töne ist, würdest du mich fragen, ein Stück Himmel. Einlebt. Eingewebt. Eingeatmet. 



Die Theo-login Doris. 

Gleichförmig gemusterte Bettdecken. OP Hemden. Infusionsständer. Sauerstoffschläuche. Bettpfannen. Rollstühle. Gemurmel und Schreie. Lachen und Scheppern. Die Krebsstation. Nach Doris muss ich nie lange suchen. Sie ist dort, wo Menschen lachen. Wo welche in der Tür stehen, nur um sie zu hören und etwas von ihrem Lächeln mitzunehmen. Doris ist da, wo auf Bett und Nachttisch Farben stehen und auf den Fensterbänken bunte Bilder. Bilder voller Leben und Farbe. Das ist meine Therapie sagt die ehemalige Lehrerin zu mir und lächelt mich mit leuchtenden Augen unter dem Kopftuch an. Doris ist hier Patientin. Niemand aus den Nachbarzimmern geht ohne ein Bild von ihr. Sie malt im Krankenbett Blüten und Schmetterlinge, Murmeln und Häuserzeilen. Sie ist ein Licht inmitten von schweren Diagnosen und Angst und Bitternis. Auf dem Weg, den wir beide gemeinsam gehen, ist sie die Botin von Gottes Zartheit und tief versteckter Liebe. Am liebsten malt sie Flügel und Leichtes. Mit Buntstiften oder Pinsel. Würdest du mich fragen, es ist als  malte Gott aus ihr heraus mit Lebensfarben. 



Der Theo-loge Paul.

Es ist Schulanfangsgottesdienst und vorne am Taufstein sitzen wir auf einer Picknickdecke, ich im Talar und alle Kinder die da sind. Die Eltern schauen zu. Einer spielt den Engel und wir alle spielen zusammen Elia. Wie er ängstlich sich versteckt und einfach schläft statt weiter zu gehen. Wie der Engel ihn zweimal wecken muss. Wir holen Brot und Melone und essen wie Elia, den Gottes Engel gestärkt hat - in einem schwierigen Moment. Bald geht für die Kinder die Schule los und wir sagen, dass Gott sie stärken wird, auch wenn es mal schwer wird. Mittendrin muss ich immer wieder in die Augen von Paul gucken. Erst vor wenigen Tagen haben wir hier sehr traurig gesessen und einen letzten Abschied gefeiert. Paul war auch da. Sein großer Bruder Hannes hatte sich mit 16 Jahren das Leben genommen. Schlimme Tage für Pauls Familie. Und jetzt sitzt er da, mit uns auf der Decke, mit seinen großen Augen, mit seinen 6 Jahren. Und als ich sage, dass Gott dabei sein wird in dem, was jetzt kommt und ihn stärken wird, da strahlt er mich an - voll tiefen Vertrauens. Ich sehe: er hat keinerlei Zweifel daran, dass Gott für ihn da ist. Würdest du mich fragen, Gott war für uns alle in diesem Moment in Pauls Augen. 



„Seid nicht bekümmert, 

denn die Freude an Gott ist eure Stärke!“


Hans und Emil. Doris und Paul…

Sie waren bekümmert.

Aber Gott war ihre Stärke.

Sie sind in meinem Leben meine Lieblingstheolog:innen. 


Der Wort Bedeutung nach - Gott-Rednerinnen, Gott-Künder, Gottes Wort. Sie erzählen mir von Gott, was ich in keinem Buch lesen könnte. Sie werden für mich zu einem ganz besonderen Wort Gottes - weil sie sich tief haben berühren lassen von Gottes Gegenwart.



Die  Bibel erzählt im Buch Nehemia davon, wie Gottes Wort einen ganzen Platz voller Leute bis ins Herz getroffen hat:


Einmal  war das Volk Gottes für lange Zeit herausgerissen worden aus seinem normalen Alltag und Leben, aus allem Vertrauten. Unbekanntes Leben soweit der Himmel reichte. Verhältnisse, die sie nie gekannt hatten. Viele Jahre lang. Entrissen und Entwurzelt. Ihre Welt hatte sich verschoben. Dann wurde es Zeit, das fremde Leben zu beenden und wieder zurück zu kommen in das Leben, das sie kannten. Einiges war kaputt gegangen in dieser Zeit. Sie musste sich zusammentun, um die Spuren dieser Zeit zu überwinden. Einige fassten mit an, einige spendeten, einige verzichteten, einige brachten Ideen, einige gingen voran. Und schließlich war vieles wieder so wie vorher. Manches war ganz anders geworden, aber sie hatten wieder den Alltag, wie ihn ihre Familien immer geliebt hatten und konnten wieder wohnen und miteinander leben. Und nun, wo ihr Körper und ihre Sinne gesättigt waren, auch etwas müde, kamen alle am Platz vor dem Wassertor zusammen. Das Volk Israel war wieder zurück in seinem Land. Jerusalem war wieder bewohnt und sicher nach langer Zeit im Exil. Eines aber fehlte noch. Sie hatten eine große Bühne gebaut. Sie waren bewegt und aufgeregt. Männer waren da und Frauen und viele junge Menschen, so wird es erzählt. Und sie baten den Propheten Elia: „Bring uns doch das Heilige Buch. Lies uns daraus vor.“ Wie lange hatten sie das nicht mehr getan!


Esra öffnete die Buchrolle, und weil er höher stand als das Volk, konnten es alle sehen. Da stand das ganze Volk auf. Zuerst pries Esra den großen Gott, und alle antworteten mit zum Gebet erhobenen Händen: »Amen, Amen!« Sie warfen sich auf die Knie und berührten mit der Stirn die Erde, um ihrem Gott Ehre zu erweisen. Die Leviten (…) gingen zu den Leuten hin und halfen ihnen, das Gelesene zu verstehen. (..) Als das Volk nun die Worte  gehört hatte, fingen alle an laut zu weinen. Da sagten der Statthalter Nehemia, der Priester und Lehrer Esra und die Leviten zu ihnen: »Seid nicht traurig und weint nicht! Heute ist ein heiliger Tag, ein Festtag zur Ehre Gottes!« (…) »Geht nun, esst und trinkt! Nehmt das Beste, was ihr habt und gebt auch denen etwas, die nichts haben. (…) Seid nicht bekümmert, denn die Freude an Gott ist eure Stärke!“  (Nehemia 8,10)


Und sie gingen und feierten ein riesiges Fest.


Gottes Wort bewegte die Menschen.

Zuerst hatte Gott ihre Hände bewegt 

und sie zusammen etwas tun lassen.

Dann hatte er ihre Herzen bewegt 

und sie waren wieder Nachbarn geworden.

Er hatte ihren Mut bewegt in unwirtlichen Zeiten 

einfach anzufangen ohne zu wissen wie es geht.

Und schließlich hatte Gott mit seinem Wort 

ihre Seele berührt so sehr dass sie weinten.


Viele Theologen sagen, diese Menschen weinten vor Angst oder aus Scham vor dem Wort Gottes, das sie gerade gehört hatten. Ich glaube das nicht. 



Wenn Du mich fragst, wo Gott in jenem Moment war, 

dann bin ich mir ganz sicher: 

Gott war in ihren Tränen.



Ja, Sie waren bekümmert.

Sehr bekümmert.

Um ihr Leben. Um ihre Zukunft. Um ihr Land.

Um ihre Welt voller Gewalt.

Um ihre Liebsten.

Um jeden Tag und seine Mühe.

Darüber, wovon sie leben würden.

Darüber, wie sie miteinander auskommen würden.

darüber, wo das alles hinführen könnte.

Darüber wie wenig das Heilige oder der Glaube 

zuletzt Platz hatte in ihrem Leben.

Ja, sie waren sehr bekümmert.

Mit Fragen die uns bis heute bekümmern.




Was sie dann überrascht und konkret spürten - glaube ich - war Gottes Treue.

Seine Gegenwart.

Er war ihre Zuflucht geworden.

Er war es immer gewesen.

Sie haben es gesehen, erfahren und gespürt,

wie Hans und Emil. Doris und Paul.

Wie ich auch schon in besonderen Momenten.

Wie Du. Ganz sicher. Du auch.

Die Queen hat es gesehen als sehr gläubige Frau

und Jorge, aus der kubanischen Partnergemeinde  hat es gesehen 

- in den Augen der Armen, die sie dort speisen.

We try to give them hope. sagte er.


„Seid nicht bekümmert, 

denn die Freude an Gott ist eure Stärke!“


Weißt du was das für eine Stärke ist? Die hebräische Sprache verwendet hier ein Wort, 

das eigentlich wie ein Bild ist. Das Bild einer Herberge, eines sicheren Ortes, 

ein Safe place, ein Ort der Schutz bietet, Verteidigung, Schutzwehr, Zuflucht. 

Ein Ort der Bestärkung. 



„Seid nicht bekümmert, 

denn die Freude an Gott ist eure Stärke!“


Ach, Gott, heute bitte ich dich:

lass uns  doch mit dieser Freude Menschen bewegen.

Bewege unsere Hände und lass uns tun, 

was gerecht ist und dem Leben dient.

Bewege unsere Herzen und lass uns Frieden machen.

Bewege unseren Mut in unwirtlichen Zeiten Kirche zu sein 

und einfach anzufangen ohne zu wissen wie es geht.



„Sei nicht bekümmert, 

denn die Freude an Gott ist Dein Zufluchtsort!“



Du, hier in der Kirche, lass uns Theo-logen und Theo-loginnen sein 

- welche, die von Gott reden. 

Egal in welcher Reihe der Kirche du heute sitzt.

So werde ich dir und du mir zum Wort Gottes. Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsern 

Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen

... passt auf Eure Liebe auf...

  Predigt am 19. Juli in Stendal Predigttext Hebräerbrief 13, 1-3: Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.  Vergesst ...