Samstag, 24. Februar 2018

Predigt zum Sonntag Reminiszere.



Gestern. In den Nachrichten:
Das Jugendamt einer Stadt nahm die 4 jährige Sonja* in Obhut. Sie hatte überall blaue Flecken und ein dickes Auge, ein geschwollenes Gesicht. Als man sie fragte, wie ihr Name sei, antwortete sie: „ Idiot?“ Einen anderen Namen hatte sie nie gehört.
Ich sehe einen Bericht aus OstGhouta in Syrien. Menschen rennen mit Kindern in den Armen durch Staubwolken und Ruinen. Bomben explodieren, Feuer lodert. Sie rufen und schreien nach Hilfe. Kinder bluten. Ein Mädchen schreit in die Kamera: „Habt ihr uns vergessen? Helft uns doch!“ Es kommt keine Hilfe.
Ich sehe im Film einen Schüler. Er heißt Sam. Er kann vor Leid kaum sprechen. Ein Junge hat seinen besten Freund und viele andere Schüler erschossen. Sam darf dem Präsidenten persönlich berichten, wie es ist, wie es sich anfühlt. Dass die Zeit für ihn stehen geblieben ist, dass er Angst hat, in die Schule zu gehen, in einen Park, an fahren Autos vorbei zu gehen und das Haus zu verlassen. Er ist zornig über diese unnötigen Opfer eines Gesetzes, das jedem Kind erlaubt, sich Waffen zu kaufen, die für einen Massenmord geeignet sind. Er schaut Trump an und bittet ihn, das zu ändern. „Bitte!“, sagt er und noch einmal: „Bitte.“ Er spricht es aus - voller Ohnmacht.
Und dann lese ich noch von Marvin und Ida. Sie gehen auf eine Grundschule in Sachsen-Anhalt. Sie gelten als Problemkinder. Sie treten und schlagen. Die Lehrer sagen, sie seien unerzogen, die Eltern sagen, die Lehrer seien unfähig. sie sollen von der Schule fliegen. Die Mutter möchte einen Termin beim Kinderpsychologen, der ihr und den Kindern helfen kann. Den bekommt sie in einem Jahr. Sie ist alleine mit ihrem Problem. Die Kinder gefragt, ob sie gerne in die Schule gehen, sagen wie aus der Pistole geschossen „Nein!“
Und schließlich ist da noch der Bericht von Gerlinde, 72, Rentnerin. Sie wohnt in einem Autoanhänger. Ihre Rente ist zu gering für die Mietkosten in ihrer Heimatstadt. Und so kann sie sich wenigstens Dinge leisten, von denen sie gedacht hatte, dass sie sie im Alter endlich haben würde. Gefragt, was ihr am meisten Angst mache, sagt sie: „Dass ich erfriere.“ Heute Nacht waren es dort gefühlte -15°.
Erfrieren wir?
Erfrieren wir mitten im Leben?
So vieles, das gerade anders läuft,
als wir es erwartet haben,
als wir es beabsichtigt haben,
als wir es uns gewünscht haben.
Viel Vergeblichkeit.
Lesung: Jes 5, 1-7: (Neue evangelistische Übersetzung)
Ich will singen von dem, den ich liebe, / ein Lied vom Weinberg meines Freundes1: / Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe. Er grub ihn um und entfernte die Steine / und bepflanzte ihn mit edelsten Reben. / Einen Turm baute er mitten darin / und hieb auch eine Kelter aus. / Dann wartete er auf die süße Frucht. / Doch die Trauben waren sauer und schlecht. (…) Wie denkt ihr über meinen Weinberg und mich? Habe ich nicht alles an meinem Weinberg getan? / Warum hoffte ich auf süße Trauben / und er brachte saure Frucht? Jetzt sage ich euch, was ich ihm tue: / Ich reiße seine Hecke aus, / damit er von Herden abgeweidet wird, / ich breche seine Mauer ab, / dass er von allen zertrampelt wird. Zu einer Wüste soll er werden, / nicht mehr beschnitten und behackt – und von Dornen und Disteln bedeckt. / Und den Wolken will ich befehlen, / dass kein Regen mehr auf ihn fällt. Denn der Weinberg von Jahwe, dem allmächtigen Gott, ist sein Gottesvolk. / (…) Er hoffte auf Rechtsspruch / und erntete Rechtsbruch, / er hoffte auf Gerechtigkeit / und hörte Geschrei über Schlechtigkeit.
Erwartungen
und Vergeblichkeit.
Da kauft einer einen wunderschönen Flecken Erde.
Er sucht den besten Boden, die beste Lage.
Die besten Pflanzen.
Er hegt ihn und umbaut ihn.
Und es wird nichts.
Irgendetwas hat es verdorben.
Alles war vergeblich.
Erwartungen
und Vergeblichkeit.
Da schenkt Gott einer kleinen Sonja das Leben,
damit sie gedeiht und sich entfaltet.
Er sucht einen schönen Platz für sie
Aber vergeblich. Ihre Seele nimmt großen Schaden.
Und Ida und Marvin und Sam und Gerlinde,
die Kinder von OstGhouta.
Alles vergeblich?
Ja.
Vergeblichkeit erleben wir.
Im Streit.
Im Verletzen.
Im Tod.
Da gibt es Vergeblichkeit im Leben.
Dinge, die sich nicht auflösen lassen.
Die uns sinnlos bleiben.
Die nichts werden.
Eigenes Versagen.
Das Versagen anderer.
Und manchmal
unerklärliches Leid.
Ohne Sinn.
Als hätte einer im Zorn
die Hecke der Hoffnung heraus gerissen
und die Würde zertrampelt
und die Lebensfreude wäre vertrocknet.
Amen.
(…)
Dies war die erste Predigt.
Die Predigt von der Vergeblichkeit.
Vergeblichkeit gibt es.
Das kann uns kein Evangelium schön reden.
Hier hängt das Kreuz.
Das lässt uns daran denken,
an all das.
Es ist als würde es sagen:
Du hast keine Chance.
Es sagt es aber anders.
Es sagt:
Du hast keine Chance -
aber nutze sie.
Es hat eine Botschaft,
die Nein sagt und Ja.
Erst Nein.
Dann Ja.
Sterben
dann
Neues Leben.
Leiden
aber 
erlöst werden.
Weinen
und wieder
Aufatmen.
Das. Kann. Nur. Gott.
Er kann es.
Und er tut es.
Immerzu.
Irgendwo darin oder dahinter liegen
neue Erfahrungen
von Frieden,
neue Chancen,
nicht Gewalt zu gebrauchen,
wieder die Entscheidung
ob diese Welt Waffen braucht,
nochmal
die Möglichkeit
sich auf jemanden einzulassen,
doch noch
Perspektiven die uns frei machen.
Dahinter
sind die Umstände günstig,
gibt es die Aussicht auf Glück.
Da sagt einer:
Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.
Dies ist die zweite Predigt.
Zwei Predigten
für eine Wirklichkeit.
Denn in Wirklichkeit
Liegt beides nahe beieinander:
Hoffnung ist gesät in die Spur der Vergeblichkeit.
Anfang gesät in den Tod.
Neues Leben
für
Ida und Marvin und Sam und Gerlinde,
die Kinder von OstGhouta und Sonja.
Auferstehung nach dem Kreuz.
Nur wissen wir davon noch nichts.
Das Kreuz sieht nicht danach aus.
Dennoch:
Wir ahnen. Wir glauben. Wir sehnen uns.
Es ist das größte Geheimnis der Schöpfung Gottes.
Manchmal sind wir dafür blind.
Gott mutet uns zu,
die Wirklichkeit der Hoffnung
zu ahnen, zu glauben, zu ersehen,
wo sie noch nicht sichtbar ist.
Lasst uns das üben.
Lasst uns einander erinnern.
Immer wieder.
Amen.
Und der Friede Gottes, der größer ist als alle Vernunft , bewahre uns im Glauben. Amen.


Dienstag, 13. Februar 2018

Es ist nach fünf und die Sonne geht gerade unter,
sie schickt noch einmal warme goldene Strahlen über den Horizont.

Wenig später stehen wir an ihrem Bett.
Fromme katholische Menschen aus einem kleine Dorf in Unterfranken.
Ein Blutgerinsel.
Gerade noch waren sie ihre 10 km gelaufen. 
Nur einen Tag davor.
Da war alles in Ordnung.
Am Wochenende war die ganze Familie zusammen gekommen
und sie hatte das Urenkelchen auf ihrem Arm durch das Haus getragen.
Nun lag sie da.
Zeit sich zu verabschieden.
Alle waren schon da.
Morgen würden die Geräte abgeschaltet.
Er streichelt sie. Redet mit ihr.
53 Jahre verheiratet.
Dann singen wir.
Wie eine Glocke legt sich das Lied um uns.
Bleib bei mir Herr.
Die Intensivstation hält einen Moment den Atem an.
Sein tiefer Bass gesellt sich zu meiner hellen Stimme.
Im Leben und im Tod, Herr, bleib bei mir.
Seine Stimme bricht.
Ich lese Psalm 23.
Tränen laufen über sein Gesicht.
Dann halten wir ihre Hände und beten das Vaterunser.
Für sie und mit ihr.
Gott ist da.
Er ist so spürbar da im tiefen frommen Glauben des alten Mannes.
Sie wird leben. Sagt er.
Das ist mir so ein Trost.
Dass sie dort leben wird.
Auf der anderen Seite.

Es ist nach fünf und ihr Leben geht gerade hinüber
sie schickt noch einmal Wärme in sein Herz 
Dann wird sie gehen

Hinter den Horizont 



Montag, 12. Februar 2018

Zeig dich! 7 Wochen ohne Kneifen.
Gedanken zur Fastenaktion 2018


Ich wars!
Nicht: Der wars…
ich kann  gar nichts dafür…
es war doch nicht so gemeint…
Sondern:
Ja. Ich wars!

Ich zeig mich 
mutig

Ich bins!
Nicht die ihr immer dachtet
nicht was andere wollen, wer ich bin
Ich bins
so wie ich bin

Ich zeig mich
mutig

Ich stehe auf
gebe mir die Blöße
werde sichtbar
ich trete hinaus 
aus der Masse
der Pelle meiner übergeholfenen Bilder
aus all den Vorurteilen
meiner Ängstlichkeit
meiner Vorsicht

Ich erkühne mich
ich nehme mir heraus
ich erdreiste mich
ich erlaube mir
ich schrecke nicht zurück
ich nehme mir die Freiheit
ich traue mich

und zeige mich

keine Feigenblätter bedecken meine Blöße
so wie damals
bei den ersten beiden Menschen
als sie gefragt wurden
Wo bist du Mensch

Ich stehe zu etwas
draußen 
vor meiner Haustür
und drinnen
bei denen die ich liebe
und
mir selbst gegenüber

Nicht einfach ist das
Es hat Gründe, warum ich nicht zu Dingen stehen will
oder kann
Manchmal auch gute Gründe

Wir sind nicht Superman
der alles richtig macht
wir sind nicht auf einer Superwelt
auf der alles richtig läuft
ganz im Gegenteil

Aber
wenn wir uns nicht zeigen
dann wird es niemand für uns tun
nicht im Großen
nicht im Öffentlichen,
nicht in unseren Orten, wo wir darum ringen, 
wie es weiter geht mit unserer MenschenGemeinschaft

wenn wir uns nicht zeigen
dann wird es niemand für uns tun
auch nicht im Privaten
und wenn es darum geht, wie es weiter geht mit einer Beziehung zu jemandem.

Sich drücken und kneifen
ist da manchmal der sparsame Weg
der uns nichts kostet
manchmal ist das eine kluge Entscheidung
aber oft ist es einfach feige

Die Bibel erzählt von vielen Menschen,
die kneifen:
von Petrus, der - bevor der Hahn krähte - 
Jesus dreimal verleugnete und 
es nicht schaffte, zu ihm zu stehen,
der es danach bitter bereute
und ab dem Zeitpunkt
dazu stand
zu denen zu gehören
zu Jesus

Die Bibel erzählt von Jona,
der Gott davon laufen will
und erst im Bauch des Walfisches
Gott seine Angst zeigen kann
der weint und dann singt
und dann doch zu den Leuten geht
und staunend die Hoffnung gewinnt

Da gibt es die Leute, die an einem Verletzten vorbei laufen und nur einer hilft ihm und zeigt sein Mitgefühl
und traut sich, den Liegenden anzufassen
und etwas herzugeben von seiner Zeit und seinem Geld
und jeder, der von dieser Geschichte hörte
fand
dass es nicht geschadet hätte zu helfen
dass es nicht peinlich gewesen wäre
vielleicht sogar geboten

Da gibt es die Leute, die den Blinden zurück zerren,
der laut Jesus hinterher ruft,
der seine Hoffnung ganz offen zeigt.
ganz offen naiv, fast peinlich
der so recht hat mit seiner Hoffnung
und darum gesund werden kann.

Und es gibt Adam und Eva.
Die ihre eigene Fehlbarkeit
selber nicht aushalten können,
dass sie einen riesigen Fehler gemacht haben
sie zeigen mit dem Finger auf den anderen
sie verbergen sich
sie empfinden Scham
und werden lernen
ihre Unbeholfenheit,
ihre Unperfektheit
ihre Fehlbarkeit
aushalten zu können.

Ich wars!
Nicht: Der wars…
ich kann  gar nichts dafür…
es war doch nicht so gemeint…
Sondern:
Ja. Ich wars!

Ich zeig mich 
mutig

Ich bins!
Nicht die ihr immer dachtet
nicht was andere wollen, wer ich bin
Ich bins
so wie ich bin

Ich zeig mich
mutig

Ich stehe auf
gebe mir die Blöße
werde sichtbar
ich trete hinaus aus
der Masse
der Pelle meiner übergeholfenen Bilder
aus all den Vorurteilen
meiner Ängstlichkeit
meiner Vorsicht

Ich erkühne mich
ich nehme mir heraus
ich erdreiste mich
ich erlaube mir
ich schrecke nicht zurück
ich nehme mir die Freiheit
ich traue mich

und zeige mich

keine Feigenblätter bedecken meine Blöße
so wie damals
bei den ersten Menschen
als sie gefragt wurden
Wo bist du Mensch

Ich stehe zu etwas
draußen 
vor meiner Haustür
und drinnen
bei denen die ich liebe
und
mir selbst gegenüber

Nicht einfach ist das
Es hat Gründe, warum ich nicht zu Dingen stehen will
oder kann
Manchmal auch gute Gründe

Aber
wenn wir uns nicht zeigen
niemand wird es für uns tun
Uns zeigen
das können nur wir selber

Gott sagt:
mit all deinen Fehlern liebe ich dich.
Gott sagt:
ich bin die Wahrheit und das Leben.
Gott zeigt sich
auch
unverhüllt
wir brauchen 
keine Angst zu haben. 
Amen


Sonntag, 28. Januar 2018

Meine Predigt zum Ökumenischen Gottesdienst
in der katholischen Kirche St. Ägidius in Wolfmannshausen. 

Lesungen sind das Lied der Israeliten auf Gott, ihren
starken Arm und Jesus, der Talitakumi sagt.


Deine rechte Hand, Herr, ist herrlich an Stärke…
Deine rechte Hand, Herr, ist meine Stärke.
Aber ich habe auch Schwächen.
Ich hatte eine große Schwäche für Christian Weber.
Wir waren 4. Klasse.
Unsere Klassenlehrerin sagte immer,
Christian sähe aus wie Peter Maffay und das stimmte auch:
die gleiche verwegene Mund-und Nasenpartie,
ein Leberfleck über der Lippe
und dunkelbraune lockige Haare.
Und er konnte sogar richtig gut singen.
Manchmal musste er aufstehen und
einen Song von Peter Maffay singen
und die Lehrerin,
sie war noch sehr jung,
hatte Tränen in den Augen:
„…Und wenn ich geh, geht nur ein Teil von mir
Und gehst du, bleibt Deine Wärme hier
Und wenn ich wein, dann weint nur ein Teil von mir
Und der andere lacht mit dir…"
Christian wusste genau,
dass er sie mit dieser Masche in der Tasche hatte.
Und wir Mädchen hatten alle eine Schwäche für ihn.
Ich auch.
Dass ausgerechnet er es war,
tat mir besonders weh.
Es war eines Tages auf dem Schulhof.
Laut lachend sprang er plötzlich auf mich zu,
riss die Arme in Schulterhöhe weit auseinander und
ließ die Kopf pendelnd hängen,
verdrehte die Augen.
"Ich bin dein scheiß Jesus
und ich sterbe jetzt!!
Hahaa.“
Die schwarzen Locken fielen ihm in die Stirn.
Die Arme ausgebreitet.
So stand er vor mir.
Und lachte mich aus.
Christian war nicht nur der Schönste
er war auch der Stärkste.
Die anderen lachten,
manche schauten verschämt zur Seite,
meine Freunde hatten sich verzogen.
Nur aus sicherer Entfernung schauten sie gespannt zu.
Noch immer machte Christian den Jesus
am Kreuz
und lachte.
„Hahaa!!!
Jesus!
Der stirbt!
Guck doch hin.
So ein scheiß Jesus.
Wer glaubt denn so eine Scheiße!!“
Ich zitterte.
Ich holte Luft.
„Das ist kein scheiß Jesus!“,
schrie ich ihn an
und ging eine Schritt auf ihn zu.
Damit hatte er nicht gerechnet.
„Hör auf!“, schrie ich.
Jemand rempelte mich von hinten an.
Seine Freunde hatten ihn nicht im Stich gelassen.
Sie lachten und stellten sich neben ihn.
Gott
wo warst du da?
Wo war da dein Arm?
Deine Rechte?
Deine Stärke?
Es war kein Gott da,
der meinen Gegner zu Boden warf
oder ihn zerschmetterte,
der Zorn schnaubte und Wellen und Sturm schickte
oder ein Meer teilte für mich.
Mein Gegner wurde nicht von der Erde verschlungen,
er zitterte nicht vor deiner Macht, Gott.
Da war kein Schrecken und keine Furcht bei ihm
und er erstarrte auch nicht zu Stein.
Es kam niemand
nahm meine Hand
und sagte
„Talita Kumi“,
„Steh auf, mein Kind!“.
Genausowenig
bebte der Boden unter den Füßen meiner Lehrerin
als sie alle Christenkinder aufforderte,
aufzustehen
und die anderen mussten ihre Finger gegen uns erheben,
auf uns zeigen
und lachen.
- Kein Erdbeben!
Wo war da Gott, meine Stärke?
Die Israeliten haben ihn besungen,
weil er alle Feinde schreckte und zermalmte.
Doch suchen wir diesen Gott manchmal vergeblich.
Gestern vor 73 Jahren
wurde Auschwitz befreit.
Ein Todesort.
Millionen Tote waren es in Europa in wenigen Jahren.
Viele davon in Auschwitz.
Eine von ihnen war Etty.
Ein junge Frau aus Amsterdam.
Sie wurde dort 1943 ermordet.
Sie wusste, dass es so kommen würde.
Sie hat uns erstaunliche Gedanken in einem Tagebuch und vielen Briefen hinterlassen.
Erstaunlich weil ohne Hass.
Weil mit tiefem Glauben.
Ein Jahr vor ihrem Tod schrieb sie dies:
„Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Heute Nacht geschah es zum ersten Mal, daß ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leidens an mir vorbeizogen. Ich verspreche dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: Ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, daß du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: daß du uns nicht helfen kannst, sondern daß wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen […]. Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, daß du uns nicht helfen kannst, sondern daß wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen. Es gibt Leute, es gibt sie tatsächlich, die im letzten Augenblick ihre Staubsauger und ihr silbernes Besteck in Sicherheit bringen, statt dich zu bewahren, mein Gott. Und es gibt Menschen, die nur ihren Körper retten wollen, der ja doch nichts anderes mehr ist als eine Behausung für tausend Ängste und Verbitterung. Und sie sagen: Mich sollen sie nicht in ihre Klauen bekommen. Und sie vergessen, daß man in niemandes Klauen ist, wenn man in deinen Armen ist.“ (Etty im „Sonntagmorgengebet“ vom 12. Juli 1942)
Deine rechte Hand, Herr, ist herrlich an Stärke…
Aber du hast noch eine andere Hand.
Die andere Hand ist herrlich in Schwäche.
Vielleicht habe ich Gott geholfen,
als ich auf dem Schulhof „Hör auf“ schrie.
vielleicht war ER dieses „Hör auf!“?
Vielleicht war er meine Tränen?
Vielleicht war er es, der mich aufstehen ließ,
als die anderen mit Fingern zeigten.
Vielleicht war er in meiner Schwäche.
Vielleicht braucht er meine Schwäche?
Du, Herr, bist meine Stärke.
Du, Herr, bist meine Schwäche.
Vielleicht sie ganz besonders. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen.


Mittwoch, 24. Januar 2018

Sie haben gestaunt, Ursula und Hertha, Lisbeth, Maria und die anderen. Mit ihren grauen und weißen Locken, den Brillen und Blümchenkleidern sitzen sie zu zwölft an der langen Tafel in Gemeindehaus. Dass sowas in der Bibel steht! Kleine Texte aus dem Hohelied der Liebe haben sie zusammen gelesen und sich gewundert über diese Bibel. In ihren 73 und 79, 81, 88, 65 Jahren hatten sie noch nie solche Worte aus der Bibel gehört. Jetzt, zum Schluss, geht noch ein Schild herum. Sie sollen den Satz zu Ende bringen: „Ich singe (k)ein Lied auf die Liebe, weil…“. Waltraud, sie ist als Einzige ledig geblieben, greift es als erste. Leicht errötend sagt sie ohne zu überlegen …“sie so schön ist.“ Hertha stockt. „Ich sing ein Lied auf die Liebe…“ Sie stockt wieder. Sie schluckt. Eine Träne kullert. „weil das Leben doch sonst ganz sinnlos wäre…“, flüstert sie. Lisbeth übernimmt das Schild, Waltraud greift kurz Herthas Hand.  „.. sie so wundervoll ist“, „sie mein Leben so schön macht“, „die Erde sonst öd und leer wäre“, „weil ich viele Nächste habe…“, sagen die anderen. Ursula ist schon 87. Sie schmunzelt. Holt Luft. „Weil ich verliebt bin!“, platzt sie raus. Alle lachen mit ihr. „…sie gesund macht,“, sagt Maria. Dann kommt Helene. Sie sitzt da in schwarz. „Ich singe ein Lied auf die Liebe, weil ich jetzt alleine da sitze und weiß wie wertvoll Liebe ist.“, sagt sie. Dann kommt Karin. Sie ist die Jüngste. „Ich singe kein Lied auf die Liebe.“ Sie schaut traurig nach unten. „Sie macht so viel Schmerz.“ Es ist leise. Neben ihr sitzt ihre Enkelin. Die bringt sie manchmal mit. „Ich singe ein Lied auf die Liebe, weil meine Haustiere mich einfach so lieben.“ sagt sie mit zarter Stimme. Und dann klingt eine schöne Musik und alle essen von den Pralinen mit dem Namen „Alte Liebe“ und sie kichern ein wenig. Und Renate erzählt noch, wie sie früher mit dem Schlitten die Straße vorm Gemeindehaus herunter gesaust sind und einmal war Hertha der Schlitten und sie saß oben auf ihr drauf und sie landeten zusammen im Bach. Sie lachen schon wieder und ihre Stimmen sind heute hell, wie die junger Mädchen.



Sonntag, 21. Januar 2018

https://www.youtube.com/watch?v=Bhib9QfeWwY


erst hören.... - dann lesen......

- zu einem wunderschönen Lied von Philipp Poisel......



Mit jedem meiner Fehler….
Ich sortier´ alles nach Nützlichkeit
Bin ein so nützlicher Mensch
Ich sperr´ meine Ideen ein
um bloß nichts Unnützes zu tun
Mit jedem meiner Fehler……
Ich rede viel zu schnell mit dir
und hab keine Geduld
Will immer alles richtig mach´n
und allen alles sein
Mit jedem meiner Fehler….
Ich mach andre oft nur mundtot
sichere ab und ordne ein
kann erst schlafen gehn´
wenn ich mein „Soll“ erfüllt
Mit jedem meiner Fehler ……
Ich will, dass niemand meine Ängste sieht
habe Angst vor Horrofilmen
mach mir Sorgen dass die Haare liegen
und nichts mein Aussehn trübt.
Mit jedem meiner Fehler..…
Ich spür Liebe dass es weh tun
doch ich sprech´s lieber nicht aus
Ich fühl Zartes in den Fingern
und find keine Zeit mit mir
Mit jedem meiner Fehler..…
Mit jedem meiner Fehler..…
Mit jedem meiner Fehler..…
Lieb ich mich.

Sonntag, 7. Januar 2018


Wo Gott zu Hause ist

Gleich als ich herein gekommen bin, habe ich mich so willkommen gefühlt. Zu Hause. Sagte er leise und zieht seinen Ärmel über die Kanüle in seinem Arm. Man sieht sofort: Gott ist da. Sagt er und schaut auf das ewige Licht in der Ecke der Kapelle. Es ist so harmonisch hier. So fühlt es sich richtig an. Fügt er hinzu. Still sitzen wir nebeneinander und lauschen auf Klaviermusik. Wir sind nur zu zweit. Ein paar gute Worte lese ich uns. Dann er zählt er von sich. Und plötzlich wird eine Erinnerung ganz lebendig. Davon muss ich ihnen erzählen. Sagt er. Und streicht schüchtern über das schüttere Haar. Und dann erzählt er von sich als kleinem Jungen. Mit der strengen Großmutter im fast ausschließlich katholischen Umfeld. Und dass es verboten war, in eine evangelische Kirche zu gehen. Allerstrengstens! Hatte Großmutter gesagt. Und auf seine Frage, ob dies eine kleine oder mittlere Sünde wäre, hatte sie geantwortet, dass es nichtmal eine große, sondern eine himmelschreienden Sünde wäre. Dort sollte er niemals seinen Fuß hinsetzen. Es macht ihm große Angst und weckte gleichzeitig seine Neugier und seinen Protest. Und so schlich er, der kleine katholische Junge, an einem Sonntagnachmittag in die Nähe der evangelischen Kirche. Eine Weile zauderte er. Und kämpfte mit sich. Doch dann wagte er sich an die Tür. Eine große alte Tür. Wie in seiner Kirche. Er schaute nach links und rechts und dann sah er durch das riesengroße Schlüsselloch. Durch die ganze Kirche und den Mittelgang bis auf den Altar konnte er sehen. Dort sah er Hände. Hände, die behutsam Brot teilten und es sorgsam in eine Schatulle betteten. Hände, die einen Kelch hielten und den Rest in einer wunderschönen bauchigen Flasche bargen und schließlich alles feierlich mit einem weißen Tuch abdeckten. Er schweigt einen Moment. Schluckt. Dann redet er weiter. In diesem Moment verstand ich etwas tief in mir. Ich wusste in diesem Moment absolut sicher: auch hier ist Gott zu Hause. Das nährt meine Sehnsucht bis heute. Die Sehnsucht, dass wir endlich eins werden. Wir schauen uns bewegt an. Beten noch einen Psalm und das Vaterunser. Dann segne ich ihn. Gesegnet gehen wir beide davon.



... passt auf Eure Liebe auf...

  Predigt am 19. Juli in Stendal Predigttext Hebräerbrief 13, 1-3: Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.  Vergesst ...