Sonntag, 14. April 2024

.... Gott gibt sich in Deine Hände...

 Predigt über "Geistwasser" 


im Universitätsgottesdienst der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Rahmen der Predigtreihe "Mit allen Wassern gewaschen..."


Predigttext: (aus Mt. 3)
"Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu. Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe." (Luther 2017) 


Glaubenslied vor der Predigt:
Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt, 
dass unser Licht vor allen Menschen brennt! 
Lass uns dich schaun im ewigen Advent! Halleluja, Halleluja!

Tief liegt des Todes Schatten auf der Welt. 
Aber dein Glanz die Finsternis erhellt.
Dein Lebenshauch bewegt das Totenfeld. Halleluja, Halleluja!

Welch ein Geheimnis wird an uns geschehn! 
Leid und Geschrei und Schmerz muss dann vergehn, 
wenn wir von Angesicht dich werden sehn. Halleluja, Halleluja!

Aber noch tragen wir der Erde Kleid. 
Uns hält gefangen Irrtum, Schuld und Leid; 
doch deine Treue hat uns schon befreit. Halleluja, Halleluja!

So mach uns stark im Mut, der dich bekennt, 
dass unser Licht vor allen Menschen brennt! 
Lass uns dich schaun im ewigen Advent! Halleluja, Halleluja!



 

Predigt


 

Ändert euer Leben! Kehrt um!

Bereitet Gott doch endlich den Weg!

Halleluja nochmal!

Herr, mach uns stark!

Denn tief liegt des Todes Schatten auf der Welt.

Ihr Schlangenbrut!

Zeigt in eurem Leben endlich,

klar und deutlich,

dass ihr auch nur etwas verstanden habt! 

Ansatzweise!

Vom Geist der Barmherzigkeit und

vom Frieden

und dem Du-zu-einem-Du-hin geschaffen sein.

Halleluja nochmal.

Die Axt ist schon angelegt.

 

 

So.

Das ist es, was ich eigentlich 

sagen will,

die Hand schon im Taufwasser.

Die Tauffamilie vor mir.

Süßliche Lieder gesungen habend.

Flieder und Blüten um meinen Talarärmel.

Bunte glitzernde Taufkerzen hinter mir auf dem Altar.

Wir alle lächeln zum Kerzenschein

und morgen werden wir weitermachen mit unserem Leben.  

Achja, die Taufe war wirklich ansprechend.


In meinem Herzen Zorn und Wut.

Umkehrsehnsucht für uns alle -

Umkehr zu den Menschen,

die wir sein sollten.

Aufgeschlossene, gelassene Menschen,

Großherzig, ehrlich, wahrhaftig.

Nicht nachtragend.

Zärtlich entschlossen

das Leben umzukrempeln,

wirklich, wirklich,

zu ändern.

Menschen mit reinem Herzen und ohne Arg. 

Menschen unfähig zu Gewalt und Bedrückung.


Herr, mach uns stark!

Denn tief liegt des Todes Schatten auf der Welt.


Frust und Verzweiflung liegen in meinem Herzen

über unaufhaltbaren Despoten,

Himmel voller Drohnen und

sich in meine Seele fressende Kriegslogik,

über immerzu Alternativlosigkeiten, Egoismus, 

Ängsteschürer und die einen, 

die sich selbst Alternative nennen und keine sind. 

Über meine und anderer Gleichgültigkeit 

gegenüber ungerechtem Handeln und Nichthandeln,

auch an Menschen mitten unter uns.

"Tut Buße" könnte ich wirklich endlich mal

in den weiten Kirchenraum brüllen.

Meines eigenen Ungenügens wegen

und dem der anderen.

Ich wäre ein wilder Johannes oder eine Johanna

mit struppigen Worten

die in den Raum fliegen wie Heuschrecken

und starken Sätzen, lebenssüß wie Honig.

Unerbittlich, nicht nachlassend.

Auch unerbittlich mir selbst gegenüber. 

Und ungeduldig.

Noch trage ich der Erde Kleid.


Was könnten meine Hände schon geben

Jesus, im Vergleich zu deinen.

Tröpfchen von Wasser

nicht Ströme des Lebens.


Das Lebenswasser brauche ich von Dir.

Etwas, das mich zurüstet und zurechtbringt.

Voranbringt. Und rettet.


Jesus 

aber

durchkreuzt

mal wieder


Er mogelt sich 

ständig 

unerwartet 

in meine Nähe

und unter meinen Händen spüre ich 

seine Schutzlosigkeit. 

Er unter meinen Händen!

Immerzu mogelt er sich da hinein.

Als kleines Kind das weg läuft und Erwachsener, 

der auch mal seine Ruhe haben will, als Mitfühlender und Sterbender..  

…Mensch. 

 

So können wir Gerechte werden, sagt er. Nur so.

Wenn Du die Hände auf Mich legst.

Meine Hände spüren den Menschen,

er hat warmes Haar

und erwartungsvolle Augen.

Vielleicht heißt er Julius.

Drei Jahre alt.

Jedes meiner Worte verfolgt er.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiliges Geistes.

Seine Augen schließen sich, 

als ich mit dem Finger das Kreuz auf seine Stirn zeichne.

Sollte ich?

Durch meine Hände?

Sie liegen warm und gewiss auf dem kleinen Kopf.

So fühlt sich Segen an.

Für mich

und für Julius.

So viel Vertrauen wie in diesen Augen.

Da ist es.


Als ob ein Himmel sich auftäte

für dieses geliebte Kind.

Ein kleiner Tropfen rinnt ihm durch das Haar,

sichtbar.

Unsichtbar

aber hat der Himmel sich aufgetan

für sein kleines Herz und sein Leben.

Wie Tropfen von Wasser

hängt Gottes Geist in seiner Seele,

hängt zwischen uns beiden,

mir und ihm, 

in dem kleinen Blick. 

Ich spüre kurz eine Ahnung von dem Wasser,

das nie wieder durstig sein lässt

dem Geistwasser Gottes.


In die Kirche hineinbrüllen aber

wäre wie ein Predigt ohne die Auferstehung zu kennen

wie Johannes, der nichts weiter hatte als

seine vorösterliche Ungeduld und seinen Zorn

und das Vertrauen, was sein könnte.


Was erst könnten wir sagen und 

rufen aus der Wüste 

der suchenden Welt!?? 

Als Wissende, als vom Auferstandenen Berührte und Getragene!?

Was erst könnten wir sagen 

von dem Gott der menschlich schutzlos wurde.

um sich in die Hände zu geben.

Meine vielleicht. 

Dass ich Gerechte werden kann mit ihm.

Anders geht es nicht sagt er.

Und entzieht sich auch immer wieder meinen Händen.


Johannes bekommt es beigebracht

von dem sich in seine Hände gebenden,

in sein Kleines kommenden,

in seine segnenden Hände passenden

….Gott.

 

Auf dass sein Licht vor allen Menschen brennt.


In einem Kamel-fell-farbigen Trenchcoat 

steht er plötzlich wie aus dem Boden geschossen vor mir.

Einen ganzen Kopf größer als ich.

Die langen Haare im Nacken zusammen genommen.

Seine Hände sind tief in den Jackentaschen vergraben. 

Mit einem großen Schritt tritt er sehr gezielt auf mich zu.

Etwas ungelenk zerrt er seine rechte Hand aus der Tasche 

und streckt sie mir viel Energie entgegen.

Ich nehme sie überrascht.

Schaue suchend in die hellen Augen des jungen Mannes.

Schaue fragend.

„Guten Tag!

Sie haben mich getauft.“

„Oh.“,

sage ich.

Meine Augen suchen sein Gesicht nach bekannten Merkmalen ab.

Nach 20 Jahren im Pfarramt wäre die zusammengestellte Menge 

der Menschen, die ich getauft habe schon ein größeres Häufchen.

Die meisten von ihnen habe ich aus den Augen verloren.

Sie könnten vor mir an der Kasse stehen oder neben mir im Konzert sitzen 

und ich würde es nichtmal merken, denn die meisten waren Kleinkinder.

Ich weiß nicht, was aus ihnen allen geworden ist.

Alles Mögliche hätte der junge Mann ja sagen können.

„Schön Sie zu sehen.“

„Ich heiße Julius.“

Es war als würde er diesen Gedanken an seine Taufe 

wie ein Surfbrett auf einer Welle vor sich her schieben und als

wäre es ungemein wichtig für seine Existenz, gerade jetzt.

Eigentlich traumhaft viele Jahre nach einer Taufe.

Er lächelt mich erwartungsvoll an, lacht etwas unsicher.

Und da ist es. Das Lachen.

Ich erinnere mich.

Ich freue mich ehrlich.

Dass er bald Abitur macht, sagt er noch und

dass er vielleicht Theologie studieren wird. 

Ich bin gerührt.

Aus dem Getauften könnte ein Täufer werden.

Ein Rufer in der Wüste.

        

        Und du? 

 

Wie köstlich ist deine Güte, Gott, 

dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben! 

Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, 

und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom. 

Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, 

und in deinem Lichte sehen wir das Licht. Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, 

der halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß 

und stärke unsre Liebe. Amen.


Montag, 25. März 2024

Am Anfang der Karwoche

                        Mit Gott



In die letzte Woche der Passionszeit hineingestellt.
- anknüpfend an die Erfahrung unserer Mütter und Väter,
die sagt:  
„Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, 
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ 
(Psalm 139, 9-10)

Leben ist:
Miteinander gehen
mit den Liebsten
mit denen da drüben
mit der Schöpfung
mit der weiten Welt
mit den Anvertrauten
und nun
schließlich
oder zuerst
mit Gott
und einem Versprechen

Der Flügel der Morgenröte
in seiner Hand hält
und alle meine Wege
so weit sie mich auch führten

Der Flügel der Morgenröte
in seiner Hand hält
und alle meine Wege
so tief und hart sie mich auch führten
selbst bis ins Äußerste….

Freitag
In einer kleinen Kirche
vor wenigen Tagen.
Die Kirche ist voll
alle Augen ruhen auf dem Bild
das sich vorne auftut:
Worte und Beats und Morgenröte,
und Schmerz und Kreuz und ein wenig Himmel
treffen sich an diesem Freitag
abends
es ist schon Dunkel

Das lila Antependium am Altar
hängt wie ein Flügel der Morgenröte
in seinem Rücken
Um ihn herum mehrere Licht-Stelen
die den Altarraum beleuchten
Sie sehen aus wie kleine Fingerzeige in den Himmel
Längsbalken
Deines Kreuzes
himmelaufwärts leuchtend
an diesem Abend in einer Kirche in Halle

Inmitten
vor dem Altar
sitzt phaeb - Schwarzer deutscher Künstler -
geboren in der DDR
das einzige Schwarze Kind weit und breit
Im Schein der Längsbalken
und vor dem Altar
und vor dem riesigen schwarzen Wandkreuz
rappt er seine Texte
von Alltäglichem
und unendlich Schwerem
von Triggermomenten.

Er teilt mit uns auch
seine Geschichten
von Messerangriffen
und Schlägertypen
in die Fresse
von blutigen Shirts
von Angriffen
auf ihn als Mensch
Für das was sprachlos macht
findet er Worte
vor dem Kreuz
eine Woche vor Karfreitag

Die Lichtstelen
neben ihm
stehen da wie Hinweise
auf den Himmel
dass wir ihn bloß nicht verlieren
wenn
es so menschendunkel wird
wenn einer so
verlassen ist

So rappt er
vor dem Kreuz
bald ist Karfreitag
und
Jesus
defintiv nicht weiß
ist am Kreuz
da wo
es menschendunkel ist

phaeb erzählt seine Geschichte
in die Stille der Kirche
In einer Kirche hat er noch nie gerappt
Seine Worte bekommen
eine ganz andere Kraft
sie sind wie
der schmerzende Ballast des Lebens
genau vor dem Altar
an einem Fleck wo auch das Licht
womöglich nicht hinreicht
nur daneben
stehen die Lichtstelen
und zeigen in den Himmel
sonst wäre es beinahe unerträglich

Und es ist in diesem Moment
so richtig da oben
vor dem Altar
wo niemand „aber“ sagt
höchstens „dennoch“

Dennoch rappt auch er
im Rücken den lila Flügel der Morgenröte
der leicht verstaubt an der Altarplatte hängt
und die
steht fest
wie ein Querbalken im Raum

Dies ist mein Leib
wird dort gesprochen
Ein Versprechen

dass
mein Leben nicht mir alleine gehört
sondern dass es eingewoben ist
ins Meer und alles Äußerste
in dieses Kreuz

Von Anfang an
mit der Überwindung verwoben

Ich fange nicht von vorne an
Einer hat so viel getan
Er ist
am äußersten Meer
Er hat mir viel anvertraut
mich selbst hat er mir anvertraut
Mich selbst
Das vergaß ich zu sagen

Lasst uns in diese Woche gehen
und auf den Boden legen
was wir in uns schwer tragen
lasst uns auf den Weg legen,
was unerträglich ist
auch das Beste was wir mit uns tragen
und das was Heilung sucht
Um Jesus den Weg zu bereiten
Aus der Tiefe
rufe ich zu Dir
Du gehst nicht nur mit
bis zum Äußersten Meer
Amen.

... passt auf Eure Liebe auf...

  Predigt am 19. Juli in Stendal Predigttext Hebräerbrief 13, 1-3: Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.  Vergesst ...