Donnerstag, 10. August 2017


Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast.
Es klingelt
Ich stöhne
Ich habe den Kopf voll
Und die Hände
Jetzt doch nicht!
Ich öffne die Tür
Stöhne innerlich nochmals.
Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast.
Der Bruder da draußen sagt 
er brauche Hilfe
Sein Nummernschild ist ungarisch
seine Geschichte 
mitleidheischend
Jetzt doch nicht!
Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast.
Kinder klettern aus dem Auto
angeblich krank
das Geld
angeblich verloren
Die Leute hätten gesagt
ich würde helfen
angeblich
Ich stöhne innerlich.
Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast.
Etwas unwillig bitte ich sie an den Gartentisch
bringe Wasser und Limo
und etwas Obst
sie sagen ihre Namen
ich sehe in ihre Augen
höre ihre Geschichte
Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast.
Felicitas und Richard
sitzen scheu
das Fieberthermometer zeigt
achtunddreißig fünf
die kleine Frau beißt sich auf die Lippen
was soll ich tun
Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast.
Die Nachbarn mit den Gästezimmern
sie öffnen nicht auf mein Klingeln
ich biete ihnen Matten auf dem Fußboden
sie wollen doch lieber durchfahren
mit dem kranken Kind
Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast.
Es wird wärmer zwischen uns während wir erzählen
sie sind so schrecklich normal
ein nettes schüchternes Paar
die Kinder lachen auf dem Trampolin
wir Frauen gehen Brötchen schmieren für die Fahrt
wir machen eine große Tasche 
mit Essen und Trinken
und Spielzeug für die Kinder
wir fahren tanken
einmal voll
ich bezahle
Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast.
Du hast ein gutes Herz
sagt der Bruder
ich bin Christ
sage ich
ich auch
sagt er 
und dreht den Kopf zu Seite und muss zwinkern
alles gute für dein Leben
sagt er 
und für dich sage ich 
und gebe allen die Hand
dann rattert ihr Auto Richtung Autobahn
Was du einem meiner Brüder getan hast.
Die warme Abendsonne füllt den Himmel.


(9.8.17)

Mittwoch, 24. Mai 2017

Die Nichtigkeit 
ruft er aus
dann muss er Luft schöpfen
unübersehbar sind seine Stunden gezählt

Die Nichtigkeit 
all das Versagen
das Aufgeben und alles verlieren 
und zerbrechen an sich oder anderem 
und zerstören von dem, was einem eigentlich lieb ist
und Kontrolle über sich verlieren und 
am Ende sein, richtig am Ende
Das ist der verlorenen Sohn
eigentlich sollte die Geschichte
Der wartende Vater heißen
Denn er wartet
Immer
Der Sohn darf wieder kommen
er vergibt ihm das alles.
Das ist ein geiles Ding aus der Bibel
Seine Bartstoppel zittern leicht
die Augen sind nur halb geöffnet
seine Stimme hat einen UdoLindenbergKlang
Er sieht aus wie einer
von dem man sich nicht gerne ansprechen lässt
der Alkohol ist ihm ins Gesicht gezeichnet
und dennoch
habe ich keinen gefunden 
der gewisser in den Tod geht 

Der wartet auf mich.
sagt er
Der Vater
Das ist meine Lieblingsgeschichte
Du kennst den Sohn
sage ich
er nickt
oh ja
flüstert er
den kenne ich
Und den Vater
frage ich
er nickt nur
ja
und wir beten lange 
und zählen auf
was dem Sohn wiederfahren ist 
auf seiner Lebensreise
und bitten den Vater
seine Rückkehr zu begleiten

Dann bin ich bei ihm
sagt er 
ich segne ihn und singe
wir sind still
ich erhebe mich
und sag zum Abschied
Ade 
man sieht sich
sagte er
und hebt die dürre Hand mit den Kabeln und Schläuchen
hoch hebt er die Hand
mit dem kleinen Holzkreuz darin
hinter dem Horizont gehts weiter
sage ich leise
er nickt
und seine Lippen sage tonlos
Jawoll


(24.5.17)

Donnerstag, 11. Mai 2017

Meine Gedanken haben Augen

Das wusste ich noch nicht.
Sie schlafen wie kleine Knospen
in verästelten Tälern.
Bis jemand kommt,
der sie öffnet.
Das wusste ich noch nicht.

Gestern kam mein kleiner Jakob.
Mama, sagte er, ich habe nachgedacht.
Unendlich ist, wenn man sein Leben lang „9“ sagt.
Ratlos ließ er mich stehen.
Ich wusste noch nicht,
dass er ein Gedankenauge geöffnet hatte.

Heute habe ich es verstanden. 
Worte können unendlich sein.
Wie sehr sie das können!
Auf eine mir bisher unbekannte Weise.

Unendlich wie bei Monika.
DerVaterderVater ErkommtErkommt DerVaterDerVater Erkommt….
Das war ihr Lied.
Mit geschlossenen Augen lag sie da. 
Sie könne nicht mehr reden, hatte man mir gesagt.
Dabei redete sie unablässig. 
Einen SingSang.
Sie hatte für sich ein neues Reden erfunden.
Ihr Reden war ein Lied. 
Ein Lied, das man mit ihr singen konnte.
DerVaterDerVater - sagte ich - istErDa istErDa?
Und plötzlich sang sie ihre Antwort zurück.
Die Frau, die angeblich nicht mehr reden konnte.
Und wir sangen sogar ein Lied.
Ich summte.
Sie sang. 
DerBaumDerBaum AmTorAmTor fändestRuheHierfändestRuheHier.
Ihr Wörterketten sind Rettungsanker ins Leben,
aus dem sie immer weiter weg wandert.
Unendliche Wörter.

Danach war ich bei Ulla.
Ihre Augen hingen an meinem Gesicht
wie Magnete, die sich eingeklickt haben.
Wie geht es? Fragte ich.
Wie geht es. Wie geht es. Sagte sie.
Besser heute? 
Besser heute. Besser heute. Sagte sie.
Besser heute.
Jedes Wort nahm sie wie ein unbekannte Frucht in ihren Mund.
Und schmeckte, bis sie es wieder erkannte.
Und dann lächelte sie.
Besser heute. Besser heute.
Ich erzählte ihr von der Sonne.
Und die Wörter fielen in sie wie in einen Dom
und das unendliche Echo erreichte sie
irgendwann.
Unendliche Wörter.

Und vielleicht dachte ich.
Halten die beiden
schon eine Faden der unendlichen Ewigkeit in den Händen,
der sie näher sind als ich.
Sehr nahe sogar.
Und die Wörter sind die Perlen
die sie zählen
auf dem Weg
dorthin.
Und ihre Gedanken Augen
die weiter sehen
als ich es kann.


11.5.2017



Freitag, 28. April 2017



Weißt du.
Das Leben sagt immerzu:
Ich liebe dich.
Und Gott sagt es.
Ich liebe dich.
Und besondere Menschen sagen es.
Ich liebe dich. 

Weiß du.
Es ist so ein zarter Satz,
dass sie ihn gut einpacken müssen.
Damit er sich nicht verletzt.
Damit er nicht austrocknet.
Damit er nicht verweht.

Darum sagen sie es eben
anders.
Mit dem Mund
oder mit dem Herzen
oder nur mit einem Finger.

Aber eigentlich
sagen sie es.
Das Leben. Gott. Die Menschen.

Zu dir.
Warum denn nur
fällt es dir so schwer
das zu entziffern?


Dienstag, 25. April 2017

Seine Hände halten mich fest
und mit mir sein Leben
das er nicht loslassen kann
und nicht loslassen möchte
und ich möchte auch nicht
Wir versuchen uns zu verabschieden
und wissen beide 
es ist das letzte Mal
Was sagt man beim letzten Abschied
Machs gut?
Alles Gute?
Naja dann? 
nichts macht Sinn.
Ich weiß nicht ob wir uns wiedersehen.
sage ich vorsichtig
Ich glaub nicht 
sagt er
Sein Gesicht besteht nur noch aus Augen
Sie schauen durch und durch
Er nimmt meine Hand 
mit seinen beiden
ich sage dies und das
was soll man sagen?
Seine Hände halten mich fest
und mit mir sein Leben
das er nicht loslassen kann
und nicht loslassen möchte
und ich möchte auch nicht
Wie kann ich nur gehen 
in einem solchen Moment?
denke ich
Gehen macht keinen Sinn
Denn hier gibt es keine Zeit
Zeit macht keinen Sinn mehr
Ob die Anderen dort schon warten werden
frage ich
nur Schulterzucken
sollen sie warten
jetzt ist doch Leben
und sein Händedruck wird fester

Seine Hände halten mich fest
und mit mir sein Leben
das er nicht loslassen kann
und nicht loslassen möchte
und ich möchte auch nicht
so schweigen wir eine Weile
und seufzen
und schauen
und nicken
das schöne Leben
sage ich
wir seufzen
es war so schön
flüstert er

Seine Hände halten mich fest
und mit mir sein Leben
das er nicht loslassen kann
und nicht loslassen möchte
und ich möchte auch nicht
und ich raffe mich auf
und sage
Wir sehen uns wieder
vielleicht
er weint
ja 
vielleicht
sagt er leise
und ich ziehe meine Hand aus der Seinen
langsam gehe ich raus
rausgehen
ist so endgültig
und macht keinen Sinn

denn seine Hände halten noch das Leben

und sich wiedersehen macht keinen Sinn
aber ich singe 
der Himmel geht über allen auf und auf alle über...
im laut schallenden 
Treppenhaus der Klinik
ich weiß nicht genau
für wen


Samstag, 22. April 2017

Heute - 22. April 2017 - habe ich gemeinsam mit einem Kollegen 
den Predigtslam in Schmalkalden gewonnen.
Und das war mein Text: (wirkt leider nur halb ohne die Stimme...)


Gestern hat mein Mann eingekauft.
Er hat eine neue Brotsorte mitgebracht.
In der Mitte dick und fett 
klebte 
eine Lutherrose.
LUTHERBROT!!

Mir fiel sofort meine Freundin ein.
sie hatte mir am Tag zuvor 
von ihrer Luther-Torte erzählt.
Schokoladentorte 
mit einem Konterfei von Luther 
aus Puderzucker obendrauf.
Und Karfreitag hatte sie ein Foto gepostet 
vom Karfreitags-essen mit Lutherbier: 
Das hatte sie den katholischen Kollegen eingeschenkt, 
die zu Gast waren.

Lutherbier! 
Karfreitag!
Den katholischen!

Und plötzlich brach die ganze Wolke 
über mich herein 
und ich sah alptraumartig  im Geiste
die Gäste mit LutherPuschen an den Füßen
durch die Wohnung huschen
im Regal eine ganze Reihe Luther-Bücher,
ganz vorne „Luthers Krankheiten“ - 
und „Mit Luther sind wir klüger“.
Am Tisch - liebevoll dekoriert 
mit den Lutherkerzen 
und der Lutherschneekugel mit kleine Herzen,
tranken sie LutherBier aus Lutherbechern 
die die Hausfrau auftrug
mit Lutherschmuck an den Ohren 
- natürlich hatten die Gäste
Luthergeschenke gebracht: 
Luthertinte zum Werfen und eine Lutherdose
mit Handschmeichler darin, Motiv: „Lutherrose"
Dann tischte man auf: 
LutherWurst mit LutherSenf obendrauf.
Zum Nachtisch gabs LutherFutter 
aus dem Bioladen, 
das waren lauter Peanuts 
und zur Verdauung gabs Lutherschnaps 
und Kaffe aus Luthertassen 
mit der Aufschrift „Love Luther“ 
und dem Lutherzitat: 
„ Man dient Gott auch durch Nichtstun.“
Danach spielten sie das Lutherspiel 
- zum ausruhn.
Und am Ende des Abends schauten sie auf ihre Lutherarmbanduhr,
zogen die Lutherpuschen aus und steckten ihre Füße mit den Luthersocken in ihre erschrockenen Schuhe,
nahmen ihren Lutherbeutel mit dem Lutherstift
und ihrem Handy mit der Aufschrift
„What would Luther do?“ /
sowie ihrem Hausschlüssel 
mit dem Lutherrosen-einkaufs-chip-anhänger,
gingen vorbei an der Garderobe, 
auf der ein Lutherquitsche-entchen stand,
Da brachen sie


auf zum Marktplatz, 
nicht ohne 
auf dem Weg
den LutherTreck noch mitzunehmen
- ein Höhepunkt im Kulturgeschehen -
als Bereicherung für das Lutherjahr
Und wir reden nicht über die Lutherkondome 
und was danach noch alles war.
HERR GOTT, hilf!!!! -
und führe uns nicht in Versuchung,
zu glauben, DAS wäre unser täglich Brot
das wir brauchen.
und führe uns nicht in Versuchung,
zu glauben, DAS wäre unser täglich Brot
das wir brauchen.

Stell dir nur  EIN  mal  vor,
stattdessen 
säßen wir 
ganz bald 
alle in Worms oder anderswo
auf Straßen und Plätzen
an riesigen Tafeln 
wie bunte Bänder
durch die ganze Stadt 
und wir feierten das Mahl 
alle die da wären
alle würden satt 
- ganz gleich woher sie kämen
und hörten einander zu.

Stell dir nur EIN mal vor, 
wir 
verwandelten
Steinhartes
in
Brot 
jeder Art!

Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein
sondern von allen Worten.
Der Mensch lebt vom Du-zum-Du.
Genau da hat es dich doch erwischt, 
Jesus, als du einsam warst.
ich meine nicht: 
alleine sein - für sich sein -
mal ganz ohne jemand sein,
sondern: 
einsam
verlassen 
ganz.
ohne.

Da brauchtest du kein Brot
sondern ein Du.
Ein Wort.
Und Gott.

Und dann standst du an den Zinnen
wie so viele Klippenspringer dieser Welt
die keine Wahl haben.
An dem sich-auseinander-gelebt- haben- Graben
und an der  „Chemotherapie“ - Klippe
und dem  „nie-wieder-gut-machen-können“- Abgrund.
So viele, die ich kenne, 
die müssen dort springen
sie haben keine Wahl,
davon zu rennen.

HERR GOTT, hilf!!!! -
und führe uns nicht in Versuchung,
zu glauben, DAS wäre dein Wille für unser Leben
und führe uns nicht in Versuchung,
zu glauben, DAS wäre dein Wille für unser Leben

Und schließlich kommst du
an einen Punkt,
auf den höchsten Berg,
von dem aus du nur noch 
herab blicken kannst
der dich unendlich 
weit entfernt 
von den Menschen
als es weiter   nicht     geht.
dort blickst du herab
auf das ganze Weltspektakel.
Scrollst den Bildschirm durch
auf der Mächte-und-Gewalten-App
die unterbrochen wird 
von 
Werbeblöcken:

Er liest:
Schüsse auf dem Champ-Elysees
und ich habe 28 kg abgenommen - "klicke hier".
Menschenretter in Seenot
und frohe Ethnomuster - im "Sale".
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und 
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Hungerkatastrophe in Afrika
und bald gibt es die Super Nintendo Entertainment System SNEs Konsole 
AfD-kämpft für Höcke 
und Lieblingsurlaubsziele in Marokko, "gleich buchen"...

HERR GOTT, hilf!!!! -
und führe uns nicht in Versuchung,
zu glauben, Dein Wille geschieht von alleine,
und führe uns nicht in Versuchung,
zu glauben, Dein Wille geschieht von alleine,

Denn später,
hast du Brot verwandelt.
Nicht zum zaubern,
sondern für ein Du.
Du sprangst in die tiefste Tiefe.
Nicht zum Versuch,
sondern für ein Du.
Du fielst.
Nicht vor dem
Schicksal oder 
der Finsternis,
sondern 
für ein Du.

Und weil einer dich fragte 
„Bist du Gottes Sohn?“.



….UND ?  DU?

Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast. Es klingelt Ich stöhne Ich habe den Kopf voll Und die Hände Jetzt doch nicht!...